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Sieben Stunden bis zum Höhepunkt

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Wie eingefleischte Fans auf dem Wacken Open Air der Kooperation von Rammstein und Heino entgegenfiebern

shz.de von
erstellt am 03.Aug.2013 | 05:59 Uhr

wacken | Sie wissen ganz genau, auf welchen Wahnsinn sie sich da einlassen. "Ab jetzt wird fast nichts mehr getrunken, nur noch ab und zu etwas Wasser in Mini-Schlücken", sagt Jessica Schmitz Ochoa völlig gelassen. "Ansonsten müssen wir aufs Klo und verlieren unseren Platz hier." Jessica wirft einen kurzen Blick zum Himmel, verzieht dabei keine Miene und schmiert sich Sonnencreme ins Gesicht.

Zusammen mit sieben Freunden hat es sich die 15-jährige Schülerin aus Aachen auf dem Boden in der dritten Reihe vor der True Metal Stage des Wacken Open Air (WOA) bequem gemacht und wartet. Sieben Stunden lang. Erst um 22.15 Uhr beginnt das Rammstein-Konzert mit Gaststar Heino, gleichzeitig ihr absoluter Höhepunkt des Festivals.

Lohnt es sich? "Und ob", findet Irene Ackermann, die auch zu der Achter-Gruppe gehört. "Ich habe Rammstein mit ihrer geilen Bühnenshow schon live gesehen. Die ist nicht zu toppen, so etwas muss man aus nächster Nähe erleben, wenn man die Möglichkeit dazu bekommt." Neben Irene sitzt Sara Kammerhoff und nickt. Die 18-jährige Goslarerin ist zum ersten Mal beim WOA. Sie hat sich gerade ein Wassereis gekauft, um Flüssigkeit aufzunehmen und sich zu kühlen.

Ihrer Freundin Nikita ist die Vorfreude anzusehen. "Seit ich zwei Jahre alt bin, höre ich Rammstein. Als ich noch in den Kindergarten ging, mussten meine Eltern zu einem Gespräch mit der Erzieherin kommen, weil ich ständig Rammstein-Texte gesungen habe."

Unweit der Gruppe steht ein Mann mit einem blauen T-Shirt und einer Perücke, die in den Farben der Italien-Flagge gehalten ist. Später berichtet Emanuele Folcone aus Soest, dass er tatsächlich gebürtiger Italiener ist und die Perücke sein Sonnenschutz ist. Wegen der Hitze haben sich einige Jungs ihre Shirts ausgezogen, und die meisten Mädels laufen im Bikini-Oberteil herum. Immer wieder lassen sie ihre Wasservorräte in der Runde kreisen, achten aufeinander, dass keiner Kreislaufprobleme bekommt.

Eine knappe Stunde vor Konzertbeginn ist es dann aber doch passiert. "Hunger!", brüllt Pascal. "Und dringend was Richtiges zum Trinken brauche ich auch." Doch dann grinst er wieder. "So lang dauert es ja jetzt nicht mehr." Jessica klagt über einen trockenen Mund und Rückenschmerzen vom langen Stehen. Sie sehen kaputt aus, ihre verschwitzten Haare kleben in dicken Strähnen an der Stirn, Saras Schulterbereich hat sich von der Sonne stark gerötet.

Jetzt gleich geht das Konzert los. Jessica dreht sich um, blickt hinter sich in das Infield. Dort sind Menschen zu sehen, soweit das Auge reicht. Nichts als Menschen. "Peng! Peng! Peng!" Auf der Bühne explodieren die ersten Feuerwerkskörper und läuten das Rammstein-Konzert ein. Jessica, Pascal und die anderen reißen ihre Arme in die Höhe und schreien, was ihre Kehlen hergeben.

Höhepunkt des Gigs ist der Besuch von Schlagerstar Heino. Bei dem Song "Sonne", den er zuvor auf seiner CD "Mit freundlichen Grüßen" gecovert hat, darf er für einen Gastauftritt auf die Bühne. Den Song spielt die Band kurz vor Beendigung ihrer fast zweistündigen Show als Zugabe.

Ein Auftritt ist das allerdings, bei dem beide Seiten ungewöhnlich distanziert aufeinander reagieren: Während "Rammstein"-Sänger Till Lindemann sich still an die Seite stellt und den Schlagerbarden grimmig beobachtet, bewegt sich dieser in seinem tiefroten Jackett über einem dunklen Hemd auch nicht mehr als einen gefühlten Quadratmeter auf der Bühne hin und her. Das "R" rollt er allerdings genauso gekonnt wie der "Rammstein"-Frontmann. Den letzten Rest des Titels singen sie dann im Duett - dann darf Heino wieder gehen.

Das Publikum reagiert, wie man es vom Wacken-Besuchern gewohnt ist: tolerant und nachsichtig. Es applaudiert sogar artig. Ausgepfiffen wird Heino nicht. Dazu war der Auftritt wohl auch zu kurz.

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