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Fehlender Wohnraum : Senioren besetzen Geschäftsgebäude in Hamburg

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Die Hausbesetzer-Szene in Hamburg hat neue Mitstreiter: Senioren aus dem Projekt Altersstarrsinn haben am Dienstag eine Etage eines Geschäftsgebäudes in Ottensen symbolisch besetzt. Sie machen auf ein Problem aufmerksam: Moderner Wohnraum für Senioren fehlt.

Hamburg | Die Gelenke haben schon einiges mitgemacht, aber heute muss es noch einmal sein: Mit Kichern und Stöhnen gehen etwa 20 Hamburger im Eingang des Geschäftshauses „Vivo“ in die Knie. „Wir wollen hier wohnen!“, skandieren sie, und: „Vivo zu Wohnraum!“ Sie sind alle um die 60 - und sie besetzen das Gebäude mitten in Hamburg. „Nur symbolisch“, sagt Sprecherin Regula Bott. „Und wer holt uns jetzt wieder hoch?“, ruft eine Frau. Sie helfen sich gegenseitig. Und das ist auch der Plan für ihr gemeinsames Haus.

Hinter der Aktion im Stadtteil Ottensen steht das Projekt „Altersstarrsinn/Wohnkollektiv 50 plus“. Die Mitglieder fordern mehr Wohnraum für Senioren, barrierefrei und ausgerichtet auf ein selbstbestimmtes Leben als Single im Alter. Denn reif fürs Altenheim fühlen sich Senioren noch lange nicht. Seit fast fünf Jahren suchen sie nach einem Haus, in dem sie nebeneinander und miteinander leben können. Bislang vergeblich. Und auch diesmal wird es nicht klappen.

Das „Vivo“-Gebäude gehört der Stadt Hamburg. Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) hat vor etwa zwei Monaten seinen Planungsstab beauftragt, das Anliegen zu prüfen. „Wir fordern das jetzt ein“, sagt Vorstandsmitglied Tamara Tschikowani. Die Finanzbehörde ist wenig glücklich mit der Aktion. „Hier hat sich die Initiative - ohne vorher die Stadt zu konsultieren - von Anfang an das falsche Gebäude für eine gute Idee ausgesucht“, sagt Daniel Stricker. Der Sprecher der Finanzbehörde weist darauf hin, dass das Gebäude zu 95 Prozent vermietet sei, und als Wohnraum nicht geeignet.

Tschikowani lebte lange im vierten Stock eines Hauses - „ohne Fahrstuhl“. Das wurde ihr irgendwann zu viel. „Jetzt wohne ich im Hochparterre - eigentlich super. Aber in das Haus kriege ich meine Freunde ja nicht rein“, sagt die 60-Jährige heute. Deshalb will sie mit ihren Mitstreitern ein Haus gemeinsam beziehen - in einzelnen Wohnungen, aber nah beieinander.

Jeder fünfte Deutsche ist 65 Jahre alt oder älter, hat das Statistische Bundesamt gezählt - eine neue Herausforderung an den Wohnungsmarkt. Denn die Senioren von heute haben keine Lust, den Lebensabschnitt nach der Arbeit bei ihren Kindern zu verbringen. Und in ein Seniorenheim wollen sie schon gar nicht. 64 Prozent der Menschen über 60 halten es für eine gute Idee, im Alter mit anderen zusammen zu wohnen. 18 Prozent würden es sogar ausprobieren.

Im vergangenen Sommer hatten schon einmal Senioren ein Haus besetzt - 112 Tage lang. In Berlin-Pankow verhinderten sie, dass ihre Begegnungsstätte geschlossen wird. Nun gibt es einen vorläufigen Nutzungsvertrag, bis zum Ende des Jahres soll eine Entscheidung fallen. Die Senioren geben sich kampfbereit: „Wir haben die Liegen und Matratzen noch nicht nach Hause gebracht“, sagte die 60-jährige Eveline Lämmer dem Berliner „Tagesspiegel“.

Die Hamburger Hausbesetzer wollen ihr Anliegen friedlich vertreten - und ohne lange Besetzung: Nach etwa anderthalb Stunden ziehen sie wieder ab. Dass ihr Ansinnen abgelehnt wird, erfahren die Senioren erst am Nachmittag. „Das ist bitter enttäuschen“, sagt Regula Bott. Aber Aufgeben gilt nicht. „Wir werden nicht locker lassen.“  

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erstellt am 01.Okt.2013 | 15:58 Uhr

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