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Schanze leidet unter Kneipenlärm

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Kampf gegen laute Besucher und teure Bars: Wie die Bewohner des Szeneviertels ihr schön-schmuddeliges Biotop erhalten wollen

shz.de von
erstellt am 03.Mai.2013 | 03:59 Uhr

Hamburg | Hamburgs bekanntestes Szeneviertel leidet unter seiner Beliebtheit. Tag für Tag strömen scharenweise Partygänger und Touristen ins Schanzenviertel und sorgen zunehmend für Konflikte mit den Bewohnern. Das Quartier mit dem beliebten Schmuddel-Image ist nicht nur ein Hamburger Symbol für Gen trifizierung, also dem Wandel zu einem Stadtteil für zahlungskräftigere Bewohner. Der Ansturm von Feierwütigen nervt auch immer mehr die Schanzianer. Im Sommer kriegen viele von ihnen wegen lärmiger Kneipengäste kein Auge zu. Politik und Verwaltung möchten das Biotop Schanze vor Schlimmerem bewahren und weitere Veränderungen weitgehend verhindern. Die "hohe bauliche Dichte und die Nutzungsvielfalt führen häufig zu Interessenkollisionen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen", hat das Bezirksamt erkannt. Gegengesteuert wird mit teils drastischen, teils abstrus wirkenden Maßnahmen. So sind die Gastronomen an der Kneipenmeile Susannenstraße dazu verdonnert, für ihre Außenplätze spezielle Lärmschutzschirme aufzustellen. Die klobigen Schalldämpfer aus extra dickem Stoff schlagen mit 3000 Euro pro Stück zu Buche. Ihr Außenmobiliar dürfen Gastwirte nur noch mit plastikummantelten Ketten befestigen. Überdies hat der Bezirk die Zeiten für die Außenbewirtschaftung eingeschränkt. Unter der Woche dürfen Lokalinhaber nur noch bis 22 Uhr statt 23 Uhr unter freiem Himmel servieren, am Wochenende ist um 23 Uhr statt Mitternacht Schluss. In mehrsprachigen Flyern werben die Behörden bei Partygängern um Rücksicht auf die Bewohner.

Einer weiteren Zunahme von Kneipen und Galao-Bars will der Bezirk mit einer Verschärfung des Bebauungsplans im Kernbereich begegnen. Neue "Schank- und Speisewirtschaften" sollen danach nur noch ausnahmsweise zugelassen, "Vergnügungsstätten" zwecks Vermeidung "städtebaulicher Spannungen" gleich ganz ausgeschlossen werden.

Gerade in Kraft getreten ist eine Soziale Erhaltungsverordnung, um die Struktur der Wohnbevölkerung zu bewahren. Ziel ist es, dass sich auch weniger gut betuchte Schanzenbürger das Leben im immer teureren In-Viertel weiterhin leisten können. Die staatlichen Regulierer wollen deshalb Luxusmodernisierungen samt einhergehender Mieterhöhungen sowie der Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen einen Riegel vorschieben. Mit einem neuen Bebauungsplan für den Bereich Florapark will der Bezirk zudem dort "stadtteilprägende Nutzungen" absichern. Dazu zählen außer Wohngebäuden alteingesessene Läden. Auch in dieser Ecke der Schanze sollen Hotels, Spielcasino und Wettbüros verhindert, Cafés und Restaurants nur noch in Ausnahmefällen genehmigt werden.

Ihren staatlichen Rettungsschirm möchten die örtlichen Politiker auch über der "Roten Flora" aufspannen. Das berüchtigte, dauerbesetzte Autonomen-Zentrum ist im Planentwurf als "Fläche für Gemeinbedarf" vorgesehen. Ein Weiterverkauf der heruntergekommen Immobilie in bester Lage würde damit für den klammen Besitzer Klausmartin Kretschmer gänzlich unattraktiv.

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