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Ruhender Pol mitten im Wald

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Schleswig-Holstein-Kenner zeigen Geheimtipps: Landfrauen-Chefin Marga Trede tankt in einer kleinen Waldkappelle neue Kraft

mönkloh/bokel | 46 evangelische Kirchen und 14 katholische gibt es entlang des "Mönchswegs". Der Themen-Wanderweg von Glückstadt nach Fehmarn ist den Spuren der Missionare nachempfunden, die im 8. Jahrhundert Schleswig-Holstein zu christianisieren begannen. Doch nur eine christliche Adresse an der Route ist ökumenisch, also beiden Konfessionen geweiht: die Waldkapelle im Forst Hasselbusch, gelegen zwischen Mönkloh (Kreis Segeberg) und Bokel (Kreis Pinneberg). Von der Entstehungsgeschichte ist das Gebäude genauso einzigartig: Nicht die Kirchen selbst, sondern das Amt Bad Bramstedt-Land, die Gemeinde Mönkloh und private Spender haben die Kapelle 2001 mit Fördermitteln errichtet. Es war eines von mehreren Vorläuferprojekten der heutigen Aktivregion Holsteiner Auenland, seinerzeit unter dem Namen "Leader Plus" - eine von der EU ausgehende Initiative zur Förderung der interkommunalen Zusammenarbeit.

Marga Trede, Präsidentin der Landfrauen in Schleswig-Holstein, radelt zu allen Jahreszeiten mit ihrem Mann vom Bauernhof in Bokel gern zu diesem Sechseck. Bis eine Stunde vor Sonnenuntergang ist jeweils geöffnet. Ein paar Minuten sitzen auf einer Zwei-Personen-Bank und auf das gegenüberliegende Buntglasfenster blicken - "und man hat seine Mitte wiedergefunden", schwärmt sie.

Trede erlebt dies als "eine noch andere Qualität", als einfach beim Fahrradfahren oder Spazierengehen abzuschalten. "Hier herrscht wirklich Stille pur, ohne dass einen andere Eindrücke ablenken. Das verschafft mir totale Erholung." Und die braucht die gelernte Steuerfachgehilfin zwischendurch, um aufzutanken für ihre Aufgaben. Zusätzlich zu allen familiären Pflichten: Seit fünf Jahren führt sie den mit 35 000 Mitgliedern größten Frauenverband des Landes, dazu ist sie als Gästeführerin im Amt Hörnerkirchen und "Botschafterin heimischer Produkte" unterwegs.

Gerade mal fünf Quadratmeter misst die Kapelle. Auf weiße Wände folgt nach oben eine helle Holzverkleidung an der Innenseite des Dachs, auf der Spitze lässt ein winziger gläserner Dachreiter ein paar Lichtstrahlen hinein. Ein ewiges rotes Licht nach katholischer Machart sorgt für einen Hauch Heimeligkeit, ebenso die Teelichter, die Besucher angezündet haben. Ein Band mit Losungen des Tages liegt aus, ebenso die Bibel und vor allem ein dickes Gästebuch. Der aktuelle Band fast vollgeschrieben innerhalb von nur einem Jahr, wie die Einträge zeigen. Sie bestätigen, dass Marga Trede mit ihrer Vorliebe für diesen Anlaufpunkt nicht alleine steht. "Es ist ein ruhender Pol" hat jemand über die Kapelle dort hineingeschrieben. Jemand anderes: "Wenn ich mit meinen Kindern im Wald bin, dürfen sie hier eine Kerze anzünden. So war es eine Herzensentscheidung, mich hier trauen zu lassen". Oder: "Wir suchten und fanden hier nicht jede Antwort, aber manche." Bei jedem Besuch liest Marga Trede neugierig, was neu hineingeschrieben worden ist.

Wer besichtigen möchte, wo nach früheren Planungen der Großflughafen Hamburg/Kaltenkirchen als Nachfolger von Fuhlsbüttel entstehen sollte - der kann von der Waldkapelle den Reitweg gen Süden Richtung Heidmoor einschlagen. Zu einem runden Ausflugserlebnis insbesondere für Familien wird ein Trip zur Kapelle vor allem in Kombination mit dem Waldlehrpfad im selben Forst.

Nicht nur, dass man dort buchstäblich im Vorbeigehen gut portioniert Wissenswertes etwa über Singvögel, Baumarten oder heimische Pilze erfährt. Die ausgeschilderte Strecke führt durch eine Landschaft, die schon durch ihr leichtes Auf und Ab Abwechslung bietet. Höhepunkt sind zwei ehemalige Mergelkuhlen. Geflutet, dienen sie heute als Teiche. Das Gewässer-Geschwisterpaar umrahmt einen überaus idyllischen Grillplatz. Ein weiterer Augen- und Ohrenschmaus ist ein Bach, der aus einem mit Feldsteinen ausgekleideten Hang in einen ausgehöhlten Baumstamm plätschert.

Ob es um die Aktivregion Holsteiner Auenland geht oder die 20 weiteren Zusammenschlüsse dieser Art, die es in Schleswig-Holstein zur Gestaltung des ländlichen Raums gibt - qua Amt mischt Marga Trede mit. Die Landfrauen-Präsidentin ist stellvertretende Sprecherin der Partnergruppe "übergreifende Politikbereiche" des Begleitausschusses "Zukunftsplanung ländlicher Raum". Ihre Hauptaufgabe sieht sie darin, "einzubringen, dass bei den Projekten Frauen und Familie nicht vergessen werden". Dass also nicht nur Straßen und Wege oder Umweltthemen Geld abbekommen, wie sie sagt. Sondern dass etwa auch dafür gesorgt wird, dass alte Bauernhäuser in Seniorentreffs oder zu Tagespflegestationen umgebaut werden. Wehmut beschleicht sie bei ihrer Beobachtung, dass in den Aktivregionen wegen leerer Kassen immer weniger "die kleinen schönen Dinge möglich sind". Ob so ein Kleinod wie die Waldkapelle heute noch entstehen könnte - das, meint Marga Trede, könne man bezweifeln.

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erstellt am 02.Aug.2013 | 03:59 Uhr

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