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Nach Krawallen in Hamburg : „Rote Flora“: Spuren der Verwüstung

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Am Tag nach den Krawallen werden in Hamburg die Scherben zusammengekehrt. Ein Arbeiter sagt: „Wir machen alles wieder heil - bis zum nächsten Mal.“ War das erst der Anfang?

shz.de von
erstellt am 22.Dez.2013 | 14:45 Uhr

Hamburg | Am Morgen nach den schwersten Ausschreitungen in Hamburg seit Jahren sind die Spuren der Verwüstung noch längst nicht beseitigt. Umgeknickte Straßenschilder, aus dem Pflaster gerissene Steine, eingeschlagene Fensterscheiben, herumliegende Bauzäune und zerstörte Bankautomaten zeugen vom Gewaltausbruch im Schanzenviertel.

Schaulustige kommen am Sonntag vorbei und machen Erinnerungsfotos mit ihren Handys, während die Mitarbeiter der Stadtreinigung die letzten Scherben vor dem linken Kulturzentrum „Rote Flora“ beseitigen. Ein Vattenfall-Mitarbeiter repariert die beschädigte Ampelanlage auf dem Schulterblatt. Er nimmt es mit Humor: „Wir machen alles wieder heil - bis zum nächsten Mal.“ 

Dass es ein nächstes Mal geben wird, daran zweifelt kaum jemand in der Hansestadt. Dafür spricht auch, dass am Samstag nach Auflösung der Demonstration für den Erhalt der „Roten Flora“ ein Redner der aufgebrachten Menge zurief: „Das heute ist nicht das Ende, das ist erst der Anfang.“

Etwa eine Stunde zuvor hatte es nicht einmal eine Minute gedauert, bis sich die schlimmsten Befürchtungen bewahrheiteten. Böller und Rauchbomben regneten unmittelbar nach Demo-Beginn auf Polizisten nieder, als Reaktion setzten die Beamten Wasserwerfer und Tränengas ein. Die Ouvertüre eines hochexplosiven Tages in Hamburg, an dessen Ende die Straße rund um die „Rote Flora“ schlimmer als nach einer Silvesternacht aussieht.

Gleich mehrere Konfliktthemen, die seit Wochen in der Hansestadt leidenschaftlich diskutiert werden, standen im Mittelpunkt des Protesttages: Es ging um die Zukunft der „Roten Flora“, den Erhalt der Esso-Häuser, den allgemeinen Wohnungsmangel und die Lage der Lampedusa-Flüchtlinge. „Die Stadt gehört allen“, war eines der Leitmotive der rund 7300 aus dem linken politischen Spektrum stammenden Teilnehmer.

 

Als sich die ersten Demonstranten vor der „Roten Flora“ versammelten, war die Stimmung noch friedlich. Einige Anwohner ließen Konfetti auf die Menge rieseln, Familien mit kleinen Kindern mischten sich unter die Protestierenden, es dröhnte Musik vom Demonstrationswagen. Doch als sich dann gegen 15.00 Uhr vermummte Linksautonome im Schwarzen Block an der Spitze des Demonstrationszugs versammelten, kippte die Stimmung. Kurz danach herrschte Ausnahmezustand im gesamtem Schanzenviertel. Wer nicht die direkte Konfrontation bei den Straßenschlachten suchte, rettete sich in Hauseingänge und Kneipen oder suchte das Weite.

Seit Wochen hatte die Hamburger Polizei gewusst, dass an diesem vierten Adventssamstag ein Großeinsatz bevorstand. Was sich dann aber zwischen Schanzenviertel und Reeperbahn abspielte, war auch für Hamburger Verhältnisse ungewöhnlich. „Solche Gewaltausbrüche hatten wir schon lange nicht mehr“, sagt Polizeisprecher Mirko Streiber. Das Besondere: Es habe keinerlei Rücksicht auf die Gesundheit auch von Unbeteiligten gegeben. „Das ist ungewöhnlich und neu“, sagte Streiber.

Doch es gab auch Klagen über das Vorgehen der 3168 Beamten aus mehreren Bundesländern, die teilweise auch Pfefferspray einsetzten.

„Die Polizei war sehr aggressiv und hat übertrieben“, sagte einer der Demonstranten. Und Christiane Schneider von der Bürgerschaftsfraktion der Linken warf der Polizei vor, gleich zu Beginn zur Eskalation beigetragen zu haben: „Ich habe den Eindruck, dass es die politische Absicht war, die Demonstration nicht stattfinden zu lassen.“ 

Nach dem explosiven Aufeinandertreffen auf dem Schulterblatt, bei dem es auch Pflastersteine und Glasflaschen auf die Polizisten gehagelt hatte, lieferte sich ein Großteil der Demonstranten am Abend nahe der zeitweise abgesperrten Reeperbahn ein „Katz-und-Maus“-Spiel mit den Beamten. In mehreren Stadtteilen wurden in Hotels, Behörden und Drogeriemärkten Scheiben eingeschlagen, etliche Autos wurden beschädigt.

Besonders brisant war die Situation hinter den maroden und geräumten Esso-Häusern. Hier hielt die Polizei am späten Abend etwa 300 Demonstranten in Gewahrsam. Die Protestierenenden skandierten immer wieder: „Wir werden hier seit vier bis fünf Stunden eingekesselt.“ 

Die Bilanz am nächsten Tag: 120 verletzte Polizisten, 19 davon schwer. Aus dem linken Lager hieß es, rund 500 Demonstranten seien verletzt worden seien. Die Polizei nahm insgesamt 21 Protestler fest.

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