Umweltsünder? : Professor bricht Lanze für Traumschiffe

'Diese vereinfachte Nabu-Berechnung liegt unterhalb des Bachelor-Qualifikationsniveaus': Professor Holger Watter.
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"Diese vereinfachte Nabu-Berechnung liegt unterhalb des Bachelor-Qualifikationsniveaus": Professor Holger Watter.

Während der prächtigen Aida-Taufe in Hamburg demonstrierten Umweltaktivisten gegen Kreuzfahrtschiffe. Doch ein Schiffstechnik-Experte wirft dem Nabu falsche Berechnungen vor.

shz.de von
15. Mai 2012, 12:50 Uhr

Hamburg/Flensburg | Sonntag war es wieder soweit: Mit viel Pomp und Spektakel wurde in Hamburg eine neues Kreuzfahrtschiff in Dienst gestellt. Die "AIDAmar". Glaubt man den Werbefachleuten, dann steht der weiße Riese für Wohlfühlen, Erholen und Seeluft. Glaubt man hingegen den Umweltschützern vom Nabu, von denen zwei Dutzend vor dem Schiff protestierten, sterben jährlich 50.000 Menschen an den giftigen Abgasen, die aus den Schloten der "Albtraumschiffe" kommen. Allein die Aida-Flotte verpeste die Luft "ähnlich stark wie alle deutschen Autos zusammen", kritisiert Dietmar Oeliger, Leiter Nabu-Verkehrspolitik und schiebt noch einen Vergleich hinterher: "Ein Kreuzfahrtschiff macht so viel Emissionen wie fünf Millionen Pkw."
Doch stimmt das? Professor Holger Watter, Experte für nachhaltige Energiesysteme und Schiffsbetriebstechnik an der Fachhochschule Flensburg, hat nachgerechnet und kommt zu einem anderen Schluss: Ein modernes Kreuzfahrtschiff verbrauche pro Kopf der beförderten Personen höchstens ein Drittel der Energie eines Kleinwagens. Die Nabu-Thesen seien falsch und einseitig. Offenbar gehe es den Umweltschützern eher um eine Kampagne als eine fundierte sachliche Analyse und Bewertung, meint der Ingenieur. Sein Vorwurf: Hier wurden wieder einmal Äpfel mit Birnen verglichen, sprich ein rund um die Uhr fahrendes Schiff, das 2600 Passagiere befördert, mit einem parkenden Auto.
Nabu-Experte räumt Schwachstellen ein
Ganz unrecht hat der Professor offenbar nicht. Auf Nachfrage räumt Nabu-Verkehrsexperte Oeliger ein, dass man die durchschnittliche Fahrleistung eines bundesdeutschen Autos als Vergleich herangezogen habe. Und das steht 23,5 Stunden am Tag still, fährt im Schnitt nur 38 Kilometer und befördert 1,2 "Passagiere".

Watter belehrt professoral: "Es ist allgemein anerkannter Standard, dass Emissionswerte der unterschiedlichen Transportsysteme unter der Berücksichtigung der Transportleistung - etwa in Kilogramm pro Kilowattstunden und Personen - erfolgen muss". Und er reagiert sauer: "Diese vereinfachte Nabu-Berechnung, quasi nach Dreisatzmethode ohne Erörterung des genauen Sachverhalts, liegt unterhalb des Qualifikationsniveaus, das von Bachelor-Arbeiten erwartet wird."
Scharfe Kritik gegen Professor
Derart abgekanzelt schießt auch der Nabu scharf. Die Kritik Watters sei "peinlich, er verwechselt chemische Parameter", schimpft Oeliger, der angesichts der Tatsache, dass die Rostocker Reederei auf ihrer Homepage einen Link auf die Seite des Professors gesetzt hatte, höchst irritiert ist. "Ich mag nicht glauben, dass Watter sich zum Lobbyisten und Handlanger von Aida macht". Ziel des Nabus sei es gewesen, "mit Hilfe eines griffigen Vergleichs Otto Normalverbraucher die Gefahr deutlich zu machen, die von Kreuzfahrtschiffen ausgeht", rechtfertigt Oeliger seine Berechnungsmethode.

Egal, welcher der beiden Streithähne Recht hat: Bei Aida hat die Nabu-Kampagne "Mir stinkts! Kreuzfahrtschiffe sauber machen" und die Negativ-Auszeichnung mit dem Umweltdinosaurier 2011 schon Wirkung gezeigt. Die Rostoker Reederei hat sich die ehemalige Greenpeace-Aktivistin Monika Griefahn (57) als neue Umweltdirektorin eingekauft. Sie soll dafür sorgen, dass die Kussmund-Flotte schnell das Image von schwimmenden Müllverbrennungsanlagen los wird, das ihr wegen des Einsatzes von schwelfelhaltigem Schweröl anhaftet.
Schiff bekommt Katalysator
Zwar bringt - wie der Nabu-Mann richtig feststellt - "eine neue Person noch kein Gramm weniger Rußpartikel". Abstreiten kann jedoch auch Oeliger nicht, dass die Branche in Sachen Schadstoffreduktion aktiv ist und den Krebs erregenden Rußpartikeln den Kampf ansagt. So soll mit der "MS Europa 2" von Hapag-Lloyd ab 2013 das weltweit erste Kreuzfahrtschiff mit einem Stickoxidkatalysator auf den Meeren unterwegs sein.
Auch Tui Cruises will nicht länger in "Pfui Cruises" umgetauft werden: Laut Nabu wird auch das neue Tui-Schiff mindestens den Standard der "MS Europa 2" erfüllen. "Damit deutet sich eine Umweltrevolution auf See an", räumt Oeligner ein. Zugleich zeige sich aber, dass die "AIDAmar" in Sachen Verzicht auf giftiges Schweröl und moderner Abgastechnik "schon vor der Taufe umwelttechnisch veraltet und nicht mehr zeitgemäß ist".
Eine Tonne Treibstoff weniger pro Tag
Aida Cruises hingegen stuft den Täufling als eines der modernsten und umweltfreundlichsten Kreuzfahrtschiffe ein. Durch das auf der Welt einzigartige "Heat Recovery System" könne das Schiff eine Tonne Treibstoff am Tag einsparen.
Ungeachtet dessen schwelt der Streit weiter: Die Umweltschützer ließen bei der Taufe in Hamburg einen symbolischen Schornstein rauchen und klärten mit Flugblättern über die sündige Kreuzfahrt auf, die pro Schiff so viel Dreck verursacht wie fünf Millionen Pkw. Oder sind es doch weniger?

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