Deutsches Schauspuelhaus Hamburg : Premiere: Charly Hübner als bitterer „Onkel Wanja“

Die Schauspieler Charly Hübner als Iwan Petrowitsch Wojnizkij (Wanja) und Anja Laïs als Elena Andrejewna.
Die Schauspieler Charly Hübner als Iwan Petrowitsch Wojnizkij (Wanja) und Anja Laïs als Elena Andrejewna.

Tschechows Klassiker „Onkel Wanja“ hat in einer Inszenierung von Hamburgs Schauspielhaus-Intendantin Karin Beier Premiere gefeiert. Der Beifall des Publikums galt auch Fernsehstar Charly Hübner.

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17. Januar 2015, 12:07 Uhr

Schwer und verklumpt liegt Erde auf dem gesamten Boden, darüber erstreckt sich ein schwarzer Himmel. Den Blick auf den Acker versperrt eine Art Schwebebalken oder Hühnerstange, auf der eine alte Dienerin (Juliane Koren) langsam einen Samowar hin- und herträgt. Hier wird sich bald noch eine dysfunktionale Patchwork-Gutsbesitzerfamilie tummeln, ohne innerlich oder äußerlich wesentlich weiterzukommen.

Man sitzt am Klavier, hängt auf Sesseln, schläft auf dem Tisch, rast mit gespreizten Bewegungen über die Szene, versucht einander zu verführen oder zu erschießen. Stieren Blicks beklagt Onkel Wanja, der bullige Verwalter (Charly Hübner), sein Los: „Tag und Nacht bin ich besessen von dem Gedanken, dass mein Leben endgültig vorbei ist.“  Anton Tschechows viel gespieltes Meisterwerk „Onkel Wanja“ über Illusionen und verpasste Chancen hat am Freitagabend im ausverkauften Deutschen Schauspielhaus Hamburg unter viel Beifall Premiere gefeiert. Es ist die zweite Regie der neuen Intendantin Karin Beier im Großen Haus nach ihrem Antikenmarathon „Die Rasenden“ zum Einstieg in der Spielzeit 2013/14 vor fast genau einem Jahr.

Beier formt aus dem 1899 uraufgeführten psychologischen Stück, das Tschechow „Szenen aus dem Landleben“ nannte, eine bittere Groteske, die vor Klamauk und slapstickartiger Körpersprache nicht zurückschreckt. Das erinnert schon mal an Figurentheater oder an Ästhetik aus der Stummfilmzeit. Ein eigentliches Spiel der Personen miteinander findet nicht statt, mehr ein zugleich lethargisches und hektisches Kuddelmuddel. (Bühne: Johannes Schütz, Kostüme: Greta Goiris). Aber der Arzt Astrow (Paul Herwig) sagt ja auch: „Nirgends ein normaler Mensch.“  Der zweistündige Abend erscheint deprimierend, obwohl der russische Autor sein Werk komödienartig anlegte, um den Zuschauern die Lächerlichkeit einer Lebensweise ohne eine „allgemeine Idee“ vor Augen zu führen. Trotz teils direkter Anrede des Publikums sowie viel Musik aus diversen Instrumenten und einem alten Plattenspieler (konzipiert von Jörg Gollasch) dringt das trostlose Treiben dabei nicht in jedem Moment unter die Haut.

Mit emotionaler Wucht und Spannbreite behauptet sich Hauptdarsteller Hübner (42) als Gutsverwalter Wanja, vielen Fernsehzuschauern als Rostocker Ermittler ein Begriff (ARD-„Polizeiruf 110“), der zum Schauspielhaus-Ensemble gehört: Erschöpft und motzend sitzt er auf dem Bretterbalken, hält die Arme verschränkt. Erhebt sich nur zu Aktionismus, um Elena (Anja Lais), die moderne junge Frau des Professors, zu betören oder sich an diesem brutal zu rächen - beides folgenlos.  Wanja, der auf sein Erbe verzichtet hat und mit seiner Nichte Sonja (Hübners Ehefrau Lina Beckmann) 25 Jahre lang auf dem Gut geschuftet hat, um dem Kunstgeschichtsprofessor Alexander (Oliver Nägele) ein Leben in der Stadt zu ermöglichen, muss erkennen, dass alles umsonst war: Der eitle, aufgeblasene Alexander war nur ein Epigone - jetzt ist er pensioniert, aller Einsatz für ihn war für die Katz.

Sonja, die sich bei ihrer Arbeit verzehrt und dabei einen verspannten Leib und eine seltsam kehlige Sprechweise entwickelt hat, wartet wiederum fruchtlos darauf, von Astrow erkannt zu werden. Der, ohne viel Erfolg bei seinen Patienten und bei seinem Steckenpferd Naturschutz, hat sich gleich eingangs eingestanden: „Meine Gefühle sind wie betäubt. Ich liebe nicht.“ Am Ende bleibt fast alles, wie es war. Schnee fällt auf Land und Menschen, einzig Sonja beteuert ihren Glauben an ein besseres Jenseits.

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