Hamburg : Polizei rettet Kleinkinder aus Müll-Wohnung

Die Polizei holte in Hamburg zwei Kinder aus der zugemüllten Wohnung ihrer 21 Jahre alten Mutter. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

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02. Juni 2014, 07:37 Uhr

Hamburg | Wieder bringt ein erschreckender Fall von Kindesverwahrlosung Hamburgs Jugendämter in Bedrängnis. Wie am Montag bekannt wurde, hatte die Polizei im April in Schnelsen zwei Kleinkinder aus einer völlig vermüllten Wohnung gerettet. Das zweijährige Mädchen und ihr dreijähriger Bruder wurden ihren Eltern vorläufig entzogen und leben derzeit im Kinderschutzhaus. Warum die zuständigen Mitarbeiter des Jugendamtes Eimsbüttel die unwürdigen Lebensumstände nicht bemerkt haben, konnten die Behörden am Montag nicht erklären.

Seit mehr als sechs Jahren befindet sich die Familie in der Obhut der Sozialdienste. Damals wurde der erste Sohn geboren, die Mutter war 15. Der Junge und seine zwei Jahre jüngere Schwester (heute 4 Jahre alt) sind der damals Minderjährigen entzogen worden und leben bei Pflegeeltern. Für die zwei und drei Jahre alten Geschwister beließen Behörden und Gerichte den Eltern das Sorgerecht.

Am 27. April hatten Nachbarn in dem Schnelsener Mehrfamilienhaus die Polizei verständigt, weil vom Balkon der Familie Fäkalien tropften. Die Beamten mussten die Tür aufdrücken, weil die Mutter (21) sie nicht hereinlassen wollte. In der Wohnung bot sich ein Bild des Schreckens: aufgerissene Mülltüten, Wäscheberge, Essensreste und Kot. In der Luft lag ein beißender Gestank, nahezu alle Möbel waren kaputt. Mitten im Chaos: die verdreckten und verstörten Kinder – und ein Kampfhund. Bevor die Beamten Bruder und Schwester samt Mutter mitnahmen, mussten sie den Ehemann bändigen. Der als gewalttätig geltende 26-Jährige hatte seine Frau im Beisein der Polizisten wüst angeschrien und angegriffen. Er ist wegen Drogendelikten, Raubes und Diebstahls vorbestraft.

Zumindest eine Befürchtung bewahrheitete sich anschließend nicht. Die Untersuchung im Kinderkompetenzzentrum am Uniklinikum Eppendorf ergab keine Hinweise auf körperliche Misshandlung der Kleinkinder.

Wie aber ist es möglich, dass den Betreuern des Jugendamtes bei Hausbesuchen die katastrophalen Zustände nicht aufgefallen sein sollen? „Dieser Frage gehen wir jetzt nach“, sagte ein Sprecher der Sozialbehörde. Senator Detlef Scheele (SPD) lässt sich persönlich über die Ermittlungen informieren. Zuletzt hatte der gewaltsame Tod der dreijährigen Yagmur im Dezember für großes Unverständnis gesorgt. Auch ihre Familie befand sich in der Obhut der Jugendämter, dennoch starb das Mädchen nach einer schweren Misshandlung. Die Mutter ist wegen Mordes angeklagt, der Vater wegen Unterlassung. 

Aus dem Bezirksamt Eimsbüttel hieß es gestern, bei Besuchen der Sozialarbeiter sei die Wohnung unaufgeräumt gewesen, nicht aber verdreckt. Allerdings: Mehrfach sollen die Eltern den Betreuen den Zutritt verwehrt haben.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Kindeswohlgefährdung. Ein Familiengericht muss nun entscheiden, ob den Eltern das Sorgerecht dauerhaft entzogen wird. Dabei gerät auch das Schicksal des nächsten Geschwisterchens in den Blick. Denn die Mutter ist erneut schwanger, im fünften Monat.

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