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Ankündigung für Hamburg : „Pickup“: Aufreiß-Seminare sorgen für Empörung

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Männer geben viel Geld aus, um zu lernen, wie man Frauen ins Bett bekommt. Auch in Deutschland formiert sich Widerstand.

Hamburg | In ihrer Welt sind Frauen „Targets“, also Ziele. Das oberste Gebot: Möglichst viele Frauen ohne große Umwege ins Bett zu kriegen. Dabei wird vor physischer und psychischer Manipulation nicht zurückgeschreckt – vielmehr liegt hierin die Taktik dieser Männer. Die Rede ist von selbst ernannten Pickup-Artists, Künstlern im Aufreißen. Hinter dem Spiel mit dem „Objekt Frau“ steht eine riesige weltweite Community, in teils geheimen Foren über das Internet organisiert oder in lokalen Gruppen, sogenannten „Lairs“ gemeinsam auf Pirsch.

Julien Blanc ist einer von ihnen – für die Pickup-Gemeinde ist er Vorbild und Mentor, gibt weltweit Seminare, die vor Rassismus und Sexismus nur so triefen, schreckt auch vor dem Aufruf zur Gewalt nicht zurück. Blacs Publikum ist groß. „In Tokio kannst du als weißer Mann tun, was du willst. Ruf einfach Pokémon oder Pikachu und greif sie dir.“, diese und andere Weisheiten predigt er vor einem Saal voller Männer, die mal anerkennend lachen, mal Notizen machen. In dem Seminar, von dem ein Video bei Youtube für Empörung sorgt, lernen verunsicherte Männer, wie sie zu echten Aufreißern werden – etwa indem sie den Kopf einer wildfremden Frau ungefragt in Richtung Schritt drücken. Mit dem Hashtag #Chokinggirlsaroundtheworld, verherrlicht der 25-jährige Amerikaner seine gewalttätigen Praktiken in den sozialen Netzwerken.

Julien Blanc ist einer von mehreren „Coaches“, die für das US-Unternehmen Real Social Dynamics (RSD) weltweit mehrtägige Seminare und Bootcamps anbieten, in denen unsichere Männer gezielt lernen sollen, Frauen gefügig zu machen. Eine der fragwürdigen psychologischen Taktiken, die den Teilnehmern dabei vermittelt wird, basiert auf dem Prinzip „Push and Pull“, Abstoßung und Anziehung. Ziel ist es, das Objekt der Begierde durch den gezielten Einsatz von Komplimenten und Beleidigungen zu unterwerfen.

Solche „Ausbildungslager“ wurden von RSD nun auch für Deutschland angekündigt. Ein unter dem Pseudonym „Ozzie“ agierender Trainer, Autor des Buches „Wie man Frauen physisch verführt und ins Bett kriegt“, soll in einer mehrtägigen Veranstaltung unter anderem in Hamburg auftreten. Viele Informationen dazu finden sich auf der Webseite des Unternehmens nicht, lediglich ein Datum steht fest: 7. – 9. Mai 2015. Wo die Zusammenkunft stattfinden soll, wird dem Teilnehmer erst nach einer Onlineanmeldung mitgeteilt – unter Leistung einer Anzahlung von umgerechnet etwa 400 Euro. Stolze 1600 Euro lassen sich die Männer das Aufreiß-Coaching mit Praxiseinheiten, sogenannten „Streetgames“, kosten. Eine entsprechende Veranstaltung in Berlin, die offenbar noch bis zum Sonntag andauern soll, ist nach Angaben des Unternehmens ausgebucht.

Im Netz formiert sich seit Monaten massiver Widerstand gegen die Bewegung, Gallionsfigur Julien Blanc steht dabei im Zentrum der Aufregung. Unter den Hashtags #takedownjulienblanc und #takedownrsd protestieren Twitter-Nutzer auf der ganzen Welt:

Im australischen Melbourne sorgten heftige Proteste und eine Online-Petition mit inzwischen über 50.000 Unterzeichnern dafür, dass der Amerikaner des Landes verwiesen wurde. Kanada denkt über eine Einreisesperre für den 25-Jährigen nach. Auch in Deutschland haben sich erste Politiker zu Wort gemeldet. „Nicht nur Julien Blanc ist untragbar. Auch Veranstalter sollten endlich überlegen, ob sie diesem Coach der Gewalt und des Sexismus noch Räume vermieten“, sagte die Linken-Bundestagsabgeordnete Cornelia Möhring im Gespräch mit der taz. Nach Angaben von Spiegel Online wird derzeit auch im Bundesinnenministerium diskutiert, wie in Deutschland gegen die Coaches von RSD vorgegangen werden kann. Auf dem Alexanderplatz wird am Freitag gegen den Aufruf zur sexualisierten Gewalt protestiert.

Unterdessen wächst die Szene in Deutschland weiter. Das größte einschlägige Onlineforum in Deutschland zählt inzwischen über 100.000 Mitglieder, Tendenz steigend. Die Untergruppe „Der hohe Norden“ hat dort mit über 2600 Nutzerbeiträgen den deutschlandweit höchsten Zulauf – vom Kieler Studenten über den Hamburger Manager und den Teenager aus Husum sind dort fast alle Alters- und Gesellschaftsgruppen vertreten.

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erstellt am 14.Nov.2014 | 15:23 Uhr

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