zur Navigation springen

Wackelnde „Esso-Häuser“ : Panik und Zukunftsangst auf der Reeperbahn

vom

In der Nacht klopft die Polizei bei den Bewohnern der „Esso-Häuser“. Kurz darauf stehen die Nachbarn auf der Straße - zwischen Koffern und Tüten. Wie soll es jetzt weitergehen?

shz.de von
erstellt am 16.Dez.2013 | 09:44 Uhr

Hamburg | Günter Szybalski und seine Nachbarin stehen zwischen ihren Koffern, Reisetaschen und Tüten auf der Hamburger Reeperbahn und sind verzweifelt. Vor drei Stunden haben sie erfahren, dass sie kein Zuhause mehr haben. Über acht beziehungsweise zehn Jahre haben sie in den sogenannten Esso-Häusern gewohnt - doch seit dem Wochenende steht fest: Die beiden Gebäude drohen einzustürzen. „Wir haben natürlich gehofft, dass es nicht so schlimm ist“, sagt der 56-Jährige. Seine Nachbarin weint.

Ein paar Meter weiter, hinter der glitzernden Kulisse des Weihnachtsmarktes bietet sich an diesem Sonntagabend eine gespenstische Atmosphäre. Ein Absperrband der Polizei flattert im Wind, die „Esso-Häuser“ liegen im Dunkeln - nur vereinzelt gehen Lichter an. In einem Zelt, in dem eigentlich für Weihnachtsmarkbesucher gestrippt wird, warten 70 bis 100 Bewohner darauf, in ihre Wohnungen zu dürfen. Einen nach dem anderen begleiten die Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks hinein. Zehn Minuten hatte Szybalski Zeit, das Nötigste zu packen.

Karen Laatsch wartet bereits seit zwei Stunden. „Ich werde versuchen, so viel wie möglich zusammenzuraffen“, sagt die 32-Jährige ruhig. Frische Kleidung, Kosmetik und Tiernahrung braucht sie auf jeden Fall. Als die Polizei in der Nacht bei ihr klopfte, packte sie nur Meerschweinchen Ginny und Moki sowie etwas Futter ein - alles andere ließ sie zurück.

Knapp 100 Mieter, die bei Verwandten, Freunden oder in Hotels unterkamen, durften am Montag nochmals Haustiere, Medikamente und Wertsachen aus ihren Wohnungen holen. Die Notunterkunft in einer Turnhalle wurde nach Angaben des Hauseigentümers Bayerische Hausbau (München) aufgelöst.

Unter Hochdruck werde nach Ersatzwohnungen gesucht, berichtete Grote. Er hofft, dass Mieter und Gewerbetreibende noch ihr gesamtes Inventar herausholen können. Ziel sei ein geregelter Auszug. Stünden die Häuser leer, könnte nach Einschätzung von Bezirksamtschef Andy Grote (SPD) ein Abriss schon im 1. Quartal realistisch werden. Die Behörde stehe im engen Kontakt mit dem Grundeigentümer Bayerische Hausbau.

Die Bewohner wissen seit langem, dass die Gebäude marode sind. Die Bayerische Hausbau plant einen Neubau mit knapp 20.000 Quadratmeter Geschossfläche, fast viermal so viel wie bisher. Die Gewerbefläche soll sich auf 5000 Quadratmeter nahezu verdoppeln.

Nach früheren Angaben erhalten die Mieter ein Rückzugsrecht. Für vergleichbar große Wohnungen sollte die aktuelle Bruttoquadratmetermiete garantiert werden. Eine Sanierung kam Unternehmensangaben zufolge wegen der weitaus höheren Kosten nicht infrage. „Auch wäre es aufgrund der bereits ausgereizten Statik unmöglich, den Brand-, Schall- und Wärmeschutz heutigen Standards anzupassen“, hieß es im Sommer. Eine Initiative wirft Investoren und Politik vor, sie hätten den Gebäudekomplex „vorsätzlich“ verfallen lassen, was von der Gegenseite bestritten wird.

Das ist offensichtlich: Die Balkone dürfen nicht betreten werden, im Juni 2014 hätten alle ausziehen müssen. Viele sind wütend, dass es so weit gekommen ist. „Da ist all die Jahre nichts gemacht worden“, sagt Norbert Moß, der seit acht Jahren Dauergast in dem Hotel in den „Esso-Häusern“ ist. Die nächtliche Evakuierung hat viele trotzdem überrascht: „Ich habe mich nicht gefürchtet, hier zu wohnen“, sagt Karen Laatsch. Vom Wackeln der Wände hat sie nichts gemerkt.

Uwe Christiansen stand hinter dem Tresen seiner Bar, als die schlechte Nachricht kam. „Zuerst hatte ich Panik. Aber wir haben es ja geahnt. Das Gebäude fällt seit Jahren in sich zusammen“, sagt der 54-Jährige. „Ich habe immer gehofft, dass es nicht so weit kommt.“ Er trägt gerade seinen Computer zum Auto, die Kasse und das Bargeld konnte er noch in der Nacht sichern. Sorgen macht er sich vor allem um seine 13 Angestellten: „Die stehen jetzt auf der Straße.“ 

Christiansen war bereits dabei, sich nach einer neuen Location umzuschauen. Doch wie er haben die meisten Bewohner und Geschäftsleute noch keine Alternative gefunden. Das soll sich nun schnell ändern. „Aber wie soll in Hamburg in drei Tagen eine Wohnung für uns gefunden werden?“, fragt eine Bewohnerin. Marine Michel wollte eigentlich am Montag zu ihrer Familie nach Frankreich fahren, um Weihnachten mit ihr zu verbringen. „Das habe ich nun abgesagt - und keine Ahnung, wo ich an den Feiertagen bin.“

Unterdessen wurde bekannt, dass sich Unterstützer der Bewohner einer geplanten linksalternativen Demonstration anschließen. Für den kommenden Samstag haben Aktivisten aus dem Umfeld des Kulturzentrums „Rote Flora“ zu Protesten unter anderem gegen das Gewinnstreben von Hauseigentümern aufgerufen. Die Polizei erwartet mehr als 3000 Teilnehmer. „Wir gehen davon aus, dass es reichlich ruckeln wird“, sagte ein Polizeisprecher am Montag. Für den Großeinsatz sei bereits Unterstützung aus anderen Bundesländern angefordert worden.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen