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Abstiegs-Frust : Nach HSV-Absturz: Fans attackieren Spieler

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Der HSV stürzt immer weiter ab. Sechste Niederlage in Serie, dritte 0:3-Pleite in der Rückrunde. Fans gehen auf die Spieler los und legen Hand an. Trainer van Marwijk soll aber bleiben - doch die verzweifelten Rufe nach Magath ebben nicht ab.

shz.de von
erstellt am 09.Feb.2014 | 14:30 Uhr

Hamburg | Beim Hamburger SV sorgt die Abstiegsangst für Wut und Gewalt. Die Führungscrew und die Mehrzahl der Fans sind nach der bitteren Heimklatsche in Schockstarre, die radikale Fraktion der HSV-Anhänger verschärft die Situation beim taumelnden Bundesliga-Dino noch. Nach dem 0:3 gegen Hertha BSC kommt es am Samstagabend zum Aufruhr: Fans attackieren Spieler, treten auf deren Autos ein und schlagen sich anschließend selbst die Köpfe blutig. Die Polizei muss mit Pfefferspray und Schlagstöcken eingreifen und die Randalierer trennen.

Derweil muss Trainer Bert van Marwijk um seinen Posten zittern, obwohl ihm der komplette Vorstand die Treue schwört. Der Aufsichtsrat soll sich nach Informationen des „Hamburger Abendblatt“ bereits vor einigen Tagen mit Felix Magath getroffen haben. „Wenn mir jemand so eine Aufgabe anbieten würde, könnte ich mir Gedanken darüber machen. Bis jetzt ist es nicht passiert“, sagte der 60 Jahre alte Fußballlehrer dem Radiosender WDR 2 am Sonntag. Käme Magath, müssten der Trainer und Sportchef Oliver Kreuzer gehen. Auch Ex-Hannover-Trainer Mirko Slomka ist ein Thema. Am Sonntagnachmittag treffe sich Vorstand und Kontrollgremium zur Krisensitzung.

Doch Vereinschef Carl Jarchow stand auch am Tag danach zum Trainer und verband sein eigenes Schicksal mit dem des Niederländers. „Wir haben alles analysiert und im Vorstand die Entscheidung getroffen, mit Bert van Marwijk weiterzumachen“, sagte Jarchow am Sonntag. Dabei seien drei Fragen in den Mittelpunkt gestellt worden: Erreicht der Trainer die Mannschaft noch? Ist er entschlossen genug? Hat er einen Plan? Jarchow: „Wir haben alle Fragen mit einem Ja beantwortet.“ 

 

„Scheiß Millionäre“, grölen rund 250 Fans auf dem Parkplatz vor dem Stadion, als Rafael van der Vaart nach dem Spiel vor sie tritt. Der Kapitän stürmt wütend auf eine Fangruppe zu, die ihn beschimpft. Er schubst und wird geschubst. Bierbecher fliegen. Später wird gegen die abfahrenden Autos von Leihspieler Ola John und Tolgay Arslan getreten. Polizei und Ordnungskräfte müssen die Abfahrt der Profis sichern. Die Wut trifft auch die Vereinsführung: „Vorstand raus“, schallt es über den Platz.

Die in 51 Bundesliga-Jahren noch nie erlebte Negativserie von sechs Niederlagen bringt die HSV-Anhänger in Rage. Der drohende Abstieg ihrer Mannschaft, die immer nur erstklassig war, ist für sie nicht hinnehmbar. Jarchow stellt sich den aufgebrachten Anhängern. „Jarchow raus“, echot es aus der Menge. „Es ist eine gewisse Frustrationsgrenze erreicht“, sagt der Clubchef.

Oliver Scheel, als Vorstands-Vize zuständig für Mitglieder-Belange, greift die randalierenden Fans an. „Was da passiert ist, geht zu weit“, bekennt Scheel am Sonntagmorgen. Er will polizeiliche Ermittlungen abwarten und dann Maßnahmen durch den Verein gegen die Täter einleiten. „Ich habe mit den Spielern gesprochen. Manche stecken das, was passiert ist, nicht so gut weg.“ Die Folge: Es wird noch mehr Verunsicherung auf dem Rasen herrschen.

Noch am Samstagabend sollen Aufsichtsratsmitglieder die Trennung vom Trainer gefordert haben, meldet „Bild am Sonntag“. Eine Bestätigung dafür gibt es nicht. Der Vorstand ist gegen eine Trennung. „Der Trainer bleibt definitiv“, betont Kreuzer. „Wir haben kein Trainerproblem, wir haben ein Defensivproblem.“ 

Van Marwijk soll den HSV auf jeden Fall am Mittwoch im DFB- Pokalviertelfinale gegen Bayern München und am nächsten Samstag beim Tabellenletzten Eintracht Braunschweig betreuen. Kreuzer: „Wenn ich wüsste, ein anderer Trainer sitzt draußen, und mit dem spielt die Verteidigung besser, wechsel ich gleich morgen. Aber das Gefühl habe ich nicht.“ 

In der gegenwärtigen Verfassung kann die Hamburger Mannschaft in der Bundesliga nicht bestehen. „Wir stehen sehr nahe vor der Zweitklassigkeit“, gibt auch Kreuzer zu. Erschütternd, wie ansonsten begnadete Fußballer wie van der Vaart, Hakan Calhanoglu oder Milan Badelj scheinbar alles verlernt haben. Die Verunsicherung hat ihr Selbstvertrauen wohl aufgefressen. Selbst Nationalspieler sind nur noch ein Schatten ihrer selbst. Die Fehlleistungen der Innenverteidiger Heiko Westermann, deutscher Nationalspieler, und Johan Djourou, Schweizer Nationalspieler, sprechen Bände. „Nichts“, sagte Westermann, als er gefragt wird, was ihm zur Leistung der Mannschaft einfällt.

Marwijk appelliert verzweifelt an die Spieler: „Wir steigen nicht ab! Wir haben noch 14 Spiele.“ Überzeugt scheint das Team nicht zu sein. „Ich weiß nicht, ob eine Situation schon einmal so erdrückend war wie im Moment“, stöhnt Außenverteidiger Marcell Jansen. Seit Saisonbeginn sammelt der HSV Gegentreffer, derzeit steht das Team bei 47. In der Rückrunde gingen alle drei Partien mit 0:3 verloren. Jansen: „Wir sind eigentlich immer nur in der Defensive.“ 

Torhüter René Adler, der nach längerer Verletzungspause erstmals wieder im Kasten stand, warnt: „Wir müssen aufpassen, dass die Mannschaft nicht auseinanderbricht.“ Er hatte mit einem gehaltenen Foulelfmeter von Doppeltorschütze Adrian Ramos eigentlich das Signal für einen leidenschaftlichen Kampf seines Teams gegeben. Wenige Sekunden später ging Hertha mit 1:0 in Führung und zerlegte anschließend das Gastgeberteam. „Ich glaube, jeder hat Angst“, gesteht Adler und ergänzt kämpferisch: „Wir liegen heute am Boden, aber spätestens morgen stehen wir wieder auf.“ 

Das Pokalspiel gegen die Über-Bayern am Mittwoch kommt zur Unzeit. „Da erwartet niemand etwas von uns“, sagt Kreuzer. Torhüter Adler will hingegen „gute Situationen sammeln“, um das Selbstbewusstsein zu stärken. Eine deftige Klatsche kann aber auch das Gegenteil bewirken.

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