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Hamburger Landgericht : Mutter tötet schwerst behinderte Tochter - Bewährungsstrafe

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Sie wollte ihre schwerst behinderte Tochter nicht in fremde Hände geben - aus Sorge, dass sie dann schlecht versorgt würde. Doch irgendwann kann die Mutter nicht mehr.

shz.de von
erstellt am 21.Feb.2014 | 14:42 Uhr

Hamburg | Eine Mutter hat ihre schwerst behinderte Tochter über Jahrzehnte hinweg gepflegt und schließlich getötet - weil sie keinen anderen Ausweg sah. Das Hamburger Landgericht verurteilte die 67-Jährige am Freitag wegen Totschlags in einem minderschweren Fall zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren. „Sie haben Ihre Tochter getötet, einen Menschen, den Sie überaus geliebt haben“, sagte die Vorsitzende Richterin. Die Tötung eines Menschen könne und dürfe allerdings nie ein Ausweg sein. Nach der Tat hatte die Angeklagte vergeblich versucht, sich selbst das Leben zu nehmen.

Bei der Urteilsbegründung wischte sich die Frau immer wieder Tränen aus dem Gesicht. „Ihre Tat stellt jedes Gericht vor ein Dilemma“, betonte die Richterin. Die Angeklagte selbst stehe ihrem Handeln fassungslos gegenüber - und leide unter dem Verlust der 38-Jährigen.

Die Tochter war nach einer Impfung im ersten Lebensjahr behindert und auf eine Pflege rund um die Uhr angewiesen. Sie konnte nicht laufen und nicht sprechen. 30 Jahre lang teilte sich die Mutter mit ihr das Schlafzimmer - denn nachts hatte die Tochter oft heftige Krampfanfälle. Die 67-Jährige habe die Frau aufopferungsvoll und selbstlos zu Hause gepflegt, sagte die Richterin.

Als die Angeklagte ihre Tochter ausnahmsweise in fremde Hände geben musste, wurden ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt: Sie wurde fixiert und mit Medikamenten ruhiggestellt, stand in ihrem Rollstuhl unterkühlt auf einem Gang. Für die 67-Jährige war das ein Schock.

Die Gesundheit der Angeklagten litt zunehmend - sie hatte zwischenzeitlich auch noch ihre über 90 Jahre alte Mutter bei sich aufgenommen und gepflegt. Die Frau sei an ihre physischen und psychischen Grenzen gestoßen, erklärte die Richterin. Die 67-Jährige habe nächtelang verzweifelt gegrübelt, was mit ihrer Tochter geschehen sollte. Im Juli 2013 habe sie beschlossen, dem Leben ein Ende zu setzen, habe ihrer Tochter mit Schnaps versetzten Saft eingeflößt und sie erdrosselt. Nach einem Selbstmordversuch habe die Angeklagte schließlich den Notruf gewählt - und rund 15 Minuten lang eindringlich geschildert, was passiert sei. „Keiner von uns wird diesen Notruf je vergessen“, sagte die Richterin.

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