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Hamburg-Wilhelmsburg : Morgens, wenn der Stübenplatz zum Arbeitsstrich wird

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Sie wissen nicht, von wem sie heute Geld bekommen und was sie zu erledigen haben. Jeden Morgen werden in Hamburg-Wilhelmsburg Einwanderer aus Osteuropa abgeholt – um für einen Hungerlohn zu arbeiten.

shz.de von
erstellt am 23.Feb.2014 | 17:20 Uhr

Hamburg | 6 Uhr morgens. Der Asphalt ist nass vom Regen der vergangenen Nacht. Die Lichter der Straßenlaternen spiegeln sich in den Pfützen. In kleinen Grüppchen stehen die Männer auf dem Stübenplatz im Hamburger Hafenviertel Wilhelmsburg – die Hände in den Taschen, den Jackenkragen gegen die Kälte hochgeschlagen. Sie rauchen und telefonieren. Sie kommen aus Rumänien und Bulgarien. Deutsch verstehen die wenigsten von ihnen. Ihr Ziel für den heutigen Tag: Arbeit. Hin und wieder kommt ein Transporter oder Kleinbus auf den Platz gefahren. Ein kurzes Gespräch – einige Männer steigen ein.

Ein türkische Bäckerei am Platz hat bereits geöffnet. Ihr Besitzer gibt sich wortkarg, als er auf die wartenden Männer vor seinem Laden angesprochen wird. „Die stehen hier jeden Morgen. Ich weiß nicht, was die machen“, sagt er. Der Stübenplatz verwandelt sich morgens in einen Arbeiterstrich. Dutzende Osteuropäer warten hier täglich auf einen Job. Die neue Freizügigkeit, die Rumänen und Bulgaren seit Jahresbeginn erlaubt, in Deutschland regulär nach Arbeit zu suchen, hat an ihrer Situation wenig geändert. Von den neuen Arbeitsregelungen hat am Stübenplatz bisher kaum einer gehört.

„Die Arbeitnehmerfreizügigkeit wird auch so schnell nichts an der Situation ändern. Die Tagelöhner-Praxis hat sich einfach durchgesetzt“, erklärt Rüdiger Winter, von der Hamburger Beratungsstelle Arbeit und Leben. Er berät seit zwei Jahren osteuropäische Migranten, die im deutschen Arbeitsmarkt Probleme haben. Immer wieder kommen auch Tagelöhner vom Stübenplatz zu ihm. 80 Prozent von ihnen kommen aus Polen, Bulgarien und Rumänien. Viele von ihnen haben keine Berufsausbildung. Sie beladen und entladen Container im Hafen, machen Abrissarbeiten, arbeiten in der Fleischverarbeitung oder als Reinigungskraft. „Das mit dem Sozialtourismus ist eine Mär“, sagt Winter entschieden. Sicherlich gäbe es vereinzelt Ausnahmen, aber in der Regel kämen die Bulgaren und Rumänen, weil Deutschland mit Arbeit locke.

Auch die Behörden wissen über die Situation bescheid. „Nach Auskunft der Bundesfinanzdirektion Nord stehen auf dem Stübenplatz täglich bis zu 70 Personen, bei denen zu vermuten ist, dass sie sich dort zur Anbahnung von Beschäftigungsverhältnissen aufhalten“, schreibt der Senat in seiner Antwort auf eine kleine Anfrage der FDP-Sozialpolitikerin Martina Kaesbach. Doch das sei nicht der einzige Ort in Hamburg. Die Zollverwaltung beobachtet mehrere Gebiete seit längerem, befragt dort die Arbeitssuchenden und überprüft gegebenenfalls die Auftraggeber und Baustellen.

Dass die Hamburger Behörden so genau Bescheid wissen, ärgert Martina Kaesbach: „Der Senat unternimmt aber kaum etwas, frei nach dem Motto: ,Aus den Augen, aus dem Sinn‘.“ Ein bisschen beobachten und überprüfen reiche nicht aus. Sie kritisiert, dass der Senat nicht wisse, ob gegen die anwerbenden Unternehmer oder Privatpersonen konsequent ermittelt oder diese gar belangt würden. „Obwohl hier doch mit großer Wahrscheinlichkeit Hungerlöhne gezahlt und Sozialabgaben umgangen werden.“ So würde der Senat diese illegalen Arbeitsmärkte quasi institutionalisieren.

Doch vielen Arbeitern sei nicht bewusst, dass sie scheinselbstständig seien. Die Arbeitgeber sparen an ihnen Sozialabgaben, Steuern und Gehälter. Die müssten die Arbeiter zahlen. Doch ihr Verdienst liegt meist weit unter dem Mindestlohn. Zehn bis zwölf Stundenschichten mit einem Tageslohn von 20 Euro seien keine Seltenheit, sagt Winter. „Mit einem Verdienst von 500 bis 600 Euro im Monat können sie sich keine Krankenversicherung leisten“, erklärt Winter. „Häufig müssen sie noch bis zu 300 Euro für ein Bett im Mehrbettzimmer in völlig unhygienischen Kellerlöchern zahlen.“ Wenn dann noch der Lohn nicht gezahlt wird, bleibt nur noch ein Leben auf der Straße.

Wie viele Osteuropäer in Hamburg in solchen Verhältnissen Leben und arbeiten, lässt sich kaum schätzen. In den vergangenen zwei Jahren haben Rüdiger Winter und sein Team rund 4200 Beratungsgespräche geführt und über 380 Gerichtsverfahren eingeleitet – in den meisten Fällen, weil den Tagelöhnern kein Lohn gezahlt wurde. „Am Ende kommt es meist zu einem Vergleich und die Tagelöhner ziehen in eine andere Stadt oder gehen zurück in ihre Heimat.“

Auf dem Wilhelmsburger Stübenplatz ist der Arbeiterstrich nach einer halbe Stunde vorbei. Kein Transporter kommt mehr. Die Männer ziehen sich zurück. Sie werden morgen wiederkommen. Und den Tag darauf. Immer in der Hoffnung, dass ihre Arbeit gebraucht wird.

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