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Mit der Bahn über die Landstraßen

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erstellt am 10.Mai.2013 | 03:59 Uhr

Eine Zugfahrt von Hamburg nach Flensburg dauert knapp zweieinhalb Stunden und kostet 28,50 Euro - zweiter Klasse, wohlgemerkt. Eine Menge Geld für eine einfache Fahrt, einerseits; andererseits bekommt man dafür aber auch oft genug eine Menge geboten. Denn eine Bahnreise durch Schleswig-Holstein ist häufig das, was man neudeutsch eine "Challenge" nennt; ein Abenteuer, von dem man nie weiß, wie und wo es endet. Es gibt Menschen, die für solche Grenzerfahrungstrips viel, viel mehr Geld bezahlen.

Das Abenteuer beginnt beim Einstieg in den Zug, oder besser gesagt beim Überstieg, denn die Wagen sind regelmäßig schon am Hamburger Hauptbahnhof derart überfüllt, dass der Fahrgast über ausgestreckte Beine, hingeworfene Koffer und ausgebreitete Plastiktüten klettern muss. Die Routiniers und Pendler wissen natürlich, dass die Wahrscheinlichkeit, einen Sitzplatz zu ergattern, ungefähr so groß ist wie die auf einen reibungslosen Buchungsdurchlauf am Fahrkartenautomaten. Die Anfänger dagegen hetzen mit hochrotem Kopf durch die dreckigen Flure der alten Waggons, knallen dabei ihr Gepäck gegen die Schienbeine der Konkurrenz - und resignieren am Ende doch.

In diese hoffnungslose Stimmung hinein wird dann nicht selten bereits vor der Abfahrt die erste zeitliche Verzögerung verkündet. Schon an diesem Punkt ist der Wille der Reisenden meist gebrochen. Sie kauern sich auf den Boden, wo der Dreck der vergangenen Jahre sie erwartet, Kinder kriechen in die letzten freien Ecken; Genossen sind sie jetzt alle, verbunden über das Schicksal und die stickige Luft.

Zweieinhalb Stunden in diesem Klima-Mix aus Schweiß, Viren und Schmutz allein sind schon eine Tortur, aber es geht noch härter - wenn Schienenersatzverkehr verkündet wird. Ob Rinder auf der Strecke, langsam fahrende Vorgänger-Züge, defekte Weichen - die Gründe sind vielfältig. Hunderte Fahrgäste müssen dann eilig den Zug verlassen und - ganz auf sich allein gestellt - die Busse für den nächsten Teil der Reise finden. Großmütter mit großen Koffern werden dabei ebensowenig geschont wie kleine Kinder, die dringend mal Pipi müssen, weil sie die notwendige Sechsfachimpfung für das Betreten der Biotope in den Zugtoiletten nicht vorweisen können. Aufmerksame Bahnmitarbeiter sperren die WCs deshalb häufig schon vor der Abfahrt prophylaktisch ab. Eine Zugfahrt, das kann man nicht früh genug lernen, ist kein Zuckerschlecken. Über Schleswig-Holsteins Landstraßen geht es schließlich in überfüllten Bussen zur nächsten Etappe.

Dort wieder raus aus dem Bus und rein in den nächsten Zug: Rempeln, Klettern, Drübersteigen. Survival of the fittest - Darwin in DB. Die Menschen, die in Flensburg schließlich nach gut vier Stunden dem Zug entsteigen, wissen, dass sie fast alles schaffen. Und viel zu erzählen haben sie auch.

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