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18. Oktober 2017 | 04:59 Uhr

„Mir blutet das Herz“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Innerhalb von Minuten räumten Polizisten die einsturzgefährdeten Esso-Häuser auf St. Pauli / Bewohner und Lokal-Betreiber stehen vor dem Nichts

shz.de von
erstellt am 17.Dez.2013 | 00:31 Uhr

Es sollte eine rauschende Party-Nacht werden. Der Club Planet Pauli im Schatten der Esso-Häuser war voll, eine Menschenschlange wartete noch vor der Tür um eingelassen zu werden. „Von einem Moment auf den anderen ist alles vorbei gewesen“, erinnert sich Zlatko Bahtijarevic, Inhaber des Clubs am Spielbudenplatz. „Wir konnten nicht einmal die Küchengeräte ausschalten – innerhalb von Minuten hat die Polizei den Laden geräumt.“ In der Nacht zu Sonntag musste der 43-Jährige, wie rund 100 Anwohner, die angrenzende Tankstelle und Kneipen, Bars und Clubs die Esso-Häuser und den Bereich darum räumen. Der Grund: Starke Einsturzgefährdung. Zwei Anwohner hatten am späten Abend bei der Polizei angerufen, weil ihre Wände wackelten und Putz von der Decke fiel.

Zwei Tage später lehnt Zlatko Bahtijarevic mit dem Rücken am Bauzaun, der in rund zehn Metern Abstand um die berühmte Esso-Tankstelle, die beiden aus den frühen Sechzigern stammenden, sechsstöckigen Wohnblöcke und die Clubs und Kneipen zu ihren Füßen gezogen ist. „Ich kann es kaum ertragen mich umzudrehen und meinen Club dort zu sehen. Mir blutet das Herz.“ Am Sonntag habe er seinen Club noch einmal kurz betreten können. „Ich konnte den Umsatz von Sonnabend holen, die Klimaanlage abschalten und ein bisschen der Technik mitnehmen.“

14 Mitarbeiter hat Zlatko Bahtijarevic. Bis gestern. Da musste er allen fristlos kündigen. „Ich war heute mit meinen Mitarbeitern zusammen auf dem Arbeitsamt – da sind Tränen geflossen“, erzählt er und presst die Lippen aufeinander. „So etwas wünsche ich meinen ärgsten Feinden nicht“, sagt er. „Der Laden war mein Lebenstraum.“

Wie es nun weiter geht, wissen Zlatko Bahtijarevic und die Bewohner der Esso-Häuser nicht. Immer wieder kamen gestern evakuierte Mieter an den Bauzaun, um ihren Ärger los zu werden oder Neuigkeiten zu erfahren. Einer von ihnen ist Michel Martinez. Drei Jahre wohnte der 25-Jährige im vierten Stock über der Esso-Tankstelle, bis er in der Nacht zu Sonntag von einem Moment auf den anderen seine Wohnung verlassen musste. „Ich war zu Hause, als bei meinen Nachbarn an die Tür gebollert wurde“, erinnert er sich. „Ich dachte, da würde jemand randalieren, aber es war die Polizei.“ Er solle für eine Nacht Sachen einpacken, sei ihm gesagt worden. Mehr Zeit sei nicht gewesen. Nun wohnt er im Hotel. Noch in der selben Nacht seien die Gebäude mit Bauzäunen abgesperrt worden. Seither kontrollieren Polizisten die Ein- und Ausgänge. „Am Sonntag konnten wir noch mal für eine Viertelstunde in unsere Wohnungen“, sagt Michel Martinez. Er habe Computer, X-Box und Wertsachen zusammengesucht. Wann und ob er den Rest seines Hab und Guts holen kann, weiß er nicht.

„Klar ist das ein komisches Gefühl, wenn man auf seinem Balkon Steine von der Fassade findet und ihn irgendwann gar nicht mehr betreten darf“, sagt er. Aber gewackelt habe das Gebäude nicht. „Das wart mal wieder ihr“, sagt er und grinst Isa Erki an. Der 22-Jährige wohnte mit seiner Freundin und den Eltern in dem zweiten Esso-Haus, von dem am Sonnabend die beiden Anrufe bei der Polizei eingingen, dass ihre Wände wackelten und der Putz von der Decke fallen würde.

Vor dem Bauzaun äußern die evakuierten Mieter gestern immer wieder Zweifel, dass es wirklich so schlimm um die Häuser gestanden habe. Es ist von Entmietungs-Taktiken des Eigentümers, der Bayerischen Hausbau GmbH, die Rede. Man habe die Mieter schnell aus dem Gebäude bekommen wollen. „Seit die das Areal hier gekauft haben, haben sie so gehandelt, als hätten sie ein Grundstück in der Wüste gekauft und nicht 300 Schicksale miterworben“, sagt Zlatko Bahtijarevic.

Zusammen mit anderen Anwohnern wartet er auf Neuigkeiten. „Da sind die Statiker“, ruft plötzlich jemand. Eine Gruppe verlässt das Gebäude. Im Schutz der Polizeibeamten wird sich unter dem Dach der nunmehr verlassenen Tankstelle mit ernsten Mienen beraten. Isa Erki gelingt es, den Hausmeister abzufangen. Neugierig scharen sich Zlatko Bahtijarevic, Michel Martinez und die anderen um ihn. „Es sieht verdammt schlecht aus, meint er“, sagt Isa Erki. Betretene Gesichter.

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