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19. August 2017 | 02:29 Uhr

Kindliche Unschuld

vom

Kürzlich war in Hamburg Einschulung. Aus meinem Fenster heraus war sie zu beobachten, diese kindliche Unschuld, orchestriert von bunten Schultüten und kecken Ranzen mit Konterfeis von Lillifee, Drachen oder Cowboys. Eltern und Großeltern, fein rausgeputzt wie ihre Liebsten, begleiteten diesen Glückstag. Doch am nächsten Tag begann der Ernst des Lebens. Dabei greift immer stärker das Prinzip Ganztagsschule. Weit über die Hälfte aller Kinder und Jugendlichen an Hamburger Schulen werden bereits über die Mittagszeit hinaus betreut, Tendenz steigend. 64 Schülerinnen und Schüler der drei ersten Klassen tummeln sich am Nachmittag in den Spielräumen der Grundschule Rothestraße in Ottensen gleich um die Ecke. Nach dem Schulprogramm am Vormittag koordinieren nun Erzieher ihre Freizeit. Es geht wild und ungestüm zu. "Wir bringen ihnen auch das Stillsitzen bei", sagt ein Erzieher. "Es ist perfekt", lobt Ben, 6, die Organisation. Ina fordert frech: "Ich will auch lernen." Dass es viel Arbeit ist, kindliche Unschuld ins geregelte Leben zu moderieren, wird schnell klar. Es kann sich lohnen: Ich habe vor 20 Jahren als Student nachmittags Hausaufgaben im Hort um die Ecke mit Kindern dieser Grundschule gemacht. Leo ist jetzt Top-DJ in Südafrika, Vukani Hebamme und Mittelfeldregisseurin bei Altona 93. Wir haben viel getobt.

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Die Welt ist klein. Ich wollte meinen alten Ledersessel aus den Siebzigern reparieren lassen, der Kfz-Mechaniker im Selbsthilfeladen in Bahrenfeld schickte mich gleich weiter zum Schlosser nach Schnelsen. Der Weg lohnte sich, für 30 Euro mache er mir das gute alte Stück wieder heil. "Soll ich ihn rumfahren, wenn ich auf der Ecke bin? Wo wohnen Sie?", fragt er. "Rothestraße." "Kann ja nicht sein, da hatten wir früher die Werkstatt, vor fünf Jahren haben wir das Haus verkauft." Für viel Schotter, denn wie bekannt, ist das Viertel längst angesagter Hot-Spot der Stadt, Immobilienpreise sind innerhalb einer Dekade um fast das Doppelte gestiegen. Das Haus kenne ich natürlich auch. In diesem skurrilem Schräghaus, ein wenig von der Straße weg, wohnen auch heute wohl coole Leute, wie die beiden Liegen zum Sonnenbaden direkt vor dem Eingang bezeugen. Und der Schlosser ist ja auch immer noch gut zu erreichen. Den Sessel hatte ich dann zwei Tage später heil wieder zurück - ohne Aufpreis fürs Bringen.

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Die Veränderung der Großen Bergstraße in Altona schreitet in Meilenstiefeln voran. Woche für Woche kann man beobachten, wie der Mammutbau City-Ikea voranschreitet. Der Rohbau steht fast. Im Zeitraffer sieht man die Jahrzehnte vorbeirauschen. Hier die alte Ladenzeile mit "Claus Kröger - Kaffee und Süßwaren" und dem "Lee-Asia-Shop", dort das Scheppern tausender Tonnen von Stahl und Beton. 100 Meter entfernt hat sich eine kleine Menschentraube gebildet, auch hier krasser Sound. Fünf junge Rapper reimen gegen Sozialabbau und fordern stärkeren Zusammenhalt gegen Rassismus. Ein K-Gruppenveteran drückt mir einen Flyer in die Hand, auf dem steht: "Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands: Radikal links - Revolutionär - Sozialismus." Es riecht ein wenig nach 70er-Jahre-Nostalgie. Zukunft trifft auf Vergangenheit.

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erstellt am 17.Aug.2013 | 07:26 Uhr

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