Karambolage von Alt und Neu

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01. Juni 2013, 03:59 Uhr

In Hamburg wird gebaut. Gerade in der Innenstadt: Wo man hinguckt, es knarrt, scheppert und kracht. Alte Betonwände werden eingerissen, kraterhafte Löcher ausgegraben und neue Bauten mit viel Glas und Mörtelmisch kreiert. Auch die Hafencity wächst und gedeiht. Ein Hobbyfotograf, der die Linse auf den schon fertigen Kaiserkai Richtung Elbphilharmonie hält, erklärt mir die neuesten Tricks der Architekturfotografie. Ein sogenanntes Tilt-und-Shift-Objektiv kann unter anderem alle stürzenden Linien schon vor der Aufnahme ausrichten. Im Ergebnis sind die Gebäude dann auf den Fotos manipuliert grade. Schön und ein wenig schöngemacht, passend zum Mammutprojekt Hafencity. Nur wenige hundert Meter weiter östlich dann eine Karambolage von Alt und Neu. Der Bau des Quartier Baakenhafen mit geplanten 1800 Wohnungen und 5000 Arbeitsplätzen im Einzelhandel, Gastronomie und Kultur ist im vollen Gange. Am Horizont strahlt der gewöhnungsbedürftige Neubau des Spiegel-Verlags an der Ericusspitze, der rote Backsteinbau von Dole-Bananen hat dagegen schon mehrere Epochen hinter sich. Hier eine alte Lagerhalle, dort die Eisenbahnbrücke, die zum Oberhafen führt. Auch die U4 Hafencity Universität ist erst halbfertig: Sie fährt nur am Samstag, Sonntag und Feiertag.

Manipulierte Fotos auch auf der Ausstellung "World Press Photo Award" preisgekrönter Bilder, die jährlich bei Gruner & Jahr am Baumwall stattfindet. Besonders das Siegerfoto von Paul Hansen wurde schon im Vorfeld kritisiert, weil es maßgeblich mit Photoshop bearbeitet und in Farbe, Form und Kontrast verändert wurde. Der Wirkung tut dies kaum Abbruch: Die Leichen zweier kleiner Kinder werden von ihren Onkeln in Gaza-Stadt für die Beerdigung zur Moschee getragen. Auch ihr Vater starb bei einem israelischen Raketenangriff, die Mutter überlebte schwer verletzt. Insgesamt eine beeindruckende Ausstellung, inhaltlich wie ästhetisch. Ich glaube, dass die emotionale Tiefenwirkung dieser Fotos ist nicht durch Computerprogramme manipulierbar. Wer weiß? Da wird ein trauriger Löwe im chinesischen Zoo gezeigt, eine mutige Iranerin, die sich scheiden lassen wollte und vom Ehemann Paare in Vietnam, mit Säure übergossen wurde. Gleichgeschlechtliche Paare in Vietnam, das Hospitalschiff in Guinea mit entstellten Menschen oder Basketballerinnen in Somalia, die die Rache der Al-Qaida-Milizen fürchten müssen. Ich wirke mit Block und Stift anachronistisch, andere nutzen den QR-Code bei jedem Bild: "Download our free Exhibition-Guide".

Der neueste Gatrotipp: "Altes Mädchen" in den Schanzen-Höfen, das Restaurant der 2012 frisch eröffneten Ratsherrn-Brauerei. Richtig lecker essen, ist das eine. 60 Biersorten probieren, das andere. Wem das nicht langt, und wer nach dem kredenzten Bierbrett mit fünf kleinen verschiedenen Kostproben - Dry Stout, Porter, Pale Ale, Helles, English Mild, Oyster Stout, Ordinary Bitter oder Rotbier - des Gerstengebräus immer noch nicht weiß, dass Bier weit mehr ist als Zechen, muss in den anliegenden Laden gehen, der erst kürzlich eröffnete und mit über 300 Biersorten die meisten in ganz Deutschland führt.

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