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Interview mit Stefan Hesse : Jesus wäre bei Facebook: Hamburgs neuer Erzbischof im Gespräch

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Warum sich Hamburgs neuer Erzbischof noch an die Anrede Gewöhnen muss und wie er alle Gelegenheiten nutzen will, „Gott ins Gespräch zu bringen“.

Hamburg | Herr Heße, Sie sind als Erzbischof ernannt, aber noch nicht geweiht. Wie dürfen wir Sie ansprechen? Exzellenz in spe?
Heße: Die Exzellenz können Sie weglassen. Mit der Ernennung zum Erzbischof ist man zwar schon eine Exzellenz, schon vor der Weihe. Aber ich fremdele noch, wenn Menschen mich so ansprechen.

Wenn wir von Ihrem Namenspatron Stephan ausgehen: Sind Sie eher der Diakon oder der Märtyrer?
Von beidem etwas. Märtyrer heißt der Blutzeuge oder auch einfach der Zeuge. Ich glaube, der Bischof soll ein Zeuge sein. Und nach der katholischen Lehre bleibt man auch Diakon, wenn man Priester oder Bischof wird. Von daher steht es einem Bischof gut an, ein Diener zu sein.

Sie kommen aus dem Rheinland. Wie empfinden Sie die Menschen im Norden?
Die Leute, die ich bisher getroffen habe, habe ich als sehr offen und freundlich erlebt. Zugleich glaube ich, dass ich als Rheinländer Offenherzigkeit mitbringe. Wir haben also eine gute Schnittmenge.

Wie ist Ihr erster äußerer Eindruck von der neuen Heimat, etwa wenn Sie am ersten Arbeitstag die Regentropfen am Fenster sehen?

An meinem Ankunftstag öffnete sich tatsächlich der Himmel über Hamburg, und es kam ein bisschen die Sonne raus. Ich habe schon gehört, dass bei norddeutschem Schmuddelwetter der Regen von allen Seiten kommt. Aber ich finde dann die richtige Kleidung.

Und der Vergleich vom Kölner Dom zum Hamburger Marien-Dom?

Also, der Marien-Dom ist klein, aber fein. Ich muss sagen, er gefällt mir immer wieder. Diese Helligkeit im Inneren hat etwas Ergreifendes. Er ist neoromanisch und damit hat er etwas Bergendes. Ich habe den Eindruck, dass man im Marien-Dom schön und intensiv Gottesdienst feiern kann.

Ist die Lage des Doms in einem sozialen Brennpunkt wie St. Georg auch Programm?

Ja. Ich glaube, dass grundsätzlich die Kirche im Hier und Heute sein muss. Wir müssen da sein, wo die Menschen und die Probleme sind. Und zwar im örtlichen wie im zeitlichen Sinne. Kirche darf sich nie in die heile Welt zurückziehen. Und wir müssen auch immer in der Gegenwart leben. Es bringt nichts, sich in die Vergangenheit zu flüchten. Mit dem Mystiker Meister Eckhart gesprochen: Der wichtigste Ort ist immer hier, die wichtigste Zeit ist das Jetzt, und der wichtigste Mensch ist immer der, der mir gegenübersteht.

Sie kommen aus einem Zentrum des Traditionskatholizismus. Jetzt sind Sie in der Diaspora. Wie wollen Sie Tradition und Moderne der Kirche im Norden miteinander verbinden?
In Köln sind noch etwa ein Drittel der Menschen Katholiken. Das ist hier vollkommen anders. Im gesamten Erzbistum Hamburg liegt der Anteil bei etwa sieben Prozent der Bevölkerung. Ich denke, wir müssen deshalb vor allem sehen, wie wir das Glaubensgut in die Gegenwart transportieren können. Wie man also Gott in der Gegenwart entdecken, leben, glauben kann. Diese Frage hat jeder Mensch zu stellen und eine Antwort zu finden.

Zum Glauben gehören lebendige Kirchengemeinden. Wie ist das mit dem Konzept der Pastoralen Räume zu vereinbaren, also dem Zusammenschluss eigenständiger Kirchengemeinden zu Großgemeinden?
Ich glaube, dass an den Pastoralen Räumen, wie Erzbischof Thissen sie eingeführt hat, kein Weg vorbeiführt. Gerade in der Diaspora-Kirche müssen wir als Katholiken sehen, wo Menschen gemeinsam ihren Glauben leben können, wo sich kirchliches Leben verdichtet. Ich denke allerdings, ein Gottesdienst in einer vollen Kirche ist ein ganz anderes Erlebnis als in einer leeren.

Wie wollen Sie die Gläubigen in dem sehr ausgedehnten Gebiet des Erzbistums erreichen?

Ohne die verschiedenen Arten von Medien wird das nicht gehen. Vielleicht müssen wir dabei auch auf ganz neue Wege der Kommunikation setzen. Zum Beispiel gibt es in Skandinavien Gemeinden, die von der Fläche noch viel größer sind als unsere in Norddeutschland. Dort läuft der Kommunionunterricht übers Internet. Für junge Leute sind diese Medien heute selbstverständlich. Es wäre töricht, wenn die Kirche das nicht erkennen würde.

Wäre Jesus heute bei Facebook?

Das kann ich mir ganz leicht vorstellen. Jesus hat sehr kreativ verkündet, etwa mit seinen Gleichnissen. Ich denke, er hätte keine Berührungsängste mit modernen Kommunikationsmitteln. Aber wir müssen bei allem authentisch bleiben. Das darf keine abgedrehte Cyber-Welt sein, in der wir uns bewegen.

Muss sich die Kirche stärker einmischen in den gesellschaftlichen und politischen Dialog? Aktuell zum Beispiel in die Volksinitiative zum Gottesbezug in der schleswig-holsteinischen Landesverfassung?
Dass sie sich einmischen muss, stimmt auf jeden Fall. Grundsätzlich sollten wir alle Gelegenheiten nutzen, Gott ins Gespräch zu bringen. Deshalb bin ich auch dankbar, dass es die Volksinitiative gibt. Durch den Gottesbezug in der Verfassung wird das Wichtigste unseres Glaubens ins Gespräch gebracht: Gott und die Liebe. In Gestalt der Liebe ist jeder Gott nahe. Wenn das mit der Volksinitiative bewusst gemacht werden könnte, dann hätten wir für Schleswig-Holstein und darüber hinaus ziemlich viel getan.

Sie haben mit der Offenlegung der Finanzen im Erzbistum Köln gerade ein starkes Signal für Transparenz gesetzt. In Hamburg war das schon üblich. Hält ein neuer Stil der Offenheit Einzug in den Katholizismus?

Was heißt neu? Wir hatten auch vorher in Köln schon Finanzberichterstattung. Die Kirche soll mit dem ihr anvertrauten Vermögen gut umgehen. Es gehört ja nicht ihr, sondern unseren Kirchensteuerzahlern und unseren Mitgliedern. Transparenz steht aber einem Christen allgemein gut an. Einer meiner Lehrer hat einmal gesagt: Theoretisch muss alles, was ein Priester tut, öffentlich werden können. Das ist eine kluge Regel. Dahinter steht: Sobald du etwas tust, was nicht öffentlich werden dürfte, bist du auf dem Holzweg. Für einen Christen dürfte es nichts geben, was er nicht nach außen sagen könnte...

... das ist ein hoher Anspruch.
Ja. Aber Transparenz heißt doch, dass Gott durch mich hindurchstrahlt wie Sonnenlicht durch ein Kirchenfenster.

Sie werden von drei Bischöfen geweiht. Wie sind Sie zu der Auswahl gekommen?
Mit den drei Personen sind drei Kreise vertreten: Bischof Franz-Josef Bode aus Osnabrück vertritt die Metropolie Hamburg als deren dienstältester Bischof. Kardinal Rainer Maria Woelki ist Vertreter meiner Kölner Heimat. Und Weihbischof Norbert Werbs aus Mecklenburg ist der dienstälteste im Erzbistum Hamburg.

Die Auswahl ist also kein Signal gegen Altbischof Werner Thissen?

Nein. Der Altbischof wird bei der Weihe dabei sein. Er wird mir beim Hereinkommen in den Dom ein Bischofskreuz überreichen.

Hamburg streitet seit zwei Jahren leidenschaftlich über ein Bleiberecht für mehrere Hundert Flüchtlinge der Lampedusa-Gruppe. Die Stadt besteht darauf, dass jeder Betroffene seine Identität preisgeben muss, doch diese lehnen ab. Sollte sich Kirche in solchen Situationen auf die Seite der Menschen in Not stellen?

Grundsätzlich muss die Kirche immer da stehen, wo Menschen Not leiden, seien es nun Flüchtlinge, Kranke, Behinderte, Verfolgte oder Opfer von Missbrauch. Ganz klar ist für mich aber auch, dass die Kirche in einem Rechtsstaat lebt. Wir müssen nüchtern anerkennen, dass Recht und Gesetz auch für die katholische Kirche gelten. Wenn es in Hamburg diese besondere Situation gibt, dann muss man alle Möglichkeiten ausschöpfen, für die Menschen das Beste herauszuholen.

Schließen Sie das Mittel des Kirchenasyls aus?

Ich will es nicht generell ausschließen. Ich würde es aber auch nicht als die Lösung im Normalfall ansehen. Ich glaube, wenn man auf das Institut des Kirchenasyls zugreift, muss man genau prüfen, was möglich ist und was nicht. Es darf nicht zu einer Ausweitung der Asylverfahren führen und nicht dazu, staatliche Gesetze zu unterwandern.

Noch eine Hamburgensie: Ihr Bischofsvorgänger Werner Thissen ist Fußball-Fan und ging mit HSV-Schal ins Stadion. Ist das von Ihnen auch zu erwarten?
Oha, ich habe zu meinem Abschied in Köln Schals vom HSV und vom FC St. Pauli geschenkt bekommen. Aber der Norden ist ja aktuell vor allem im Handball eine wirkliche Macht.

Ihr Vater hatte eine Bäckerei, Sie sind Einzelkind. Hat Ihr Papa mal gedacht, Sie könnten das Geschäft übernehmen?
(lacht) Zu einem gewissen Zeitpunkt ja. Ich sag’ mal so: Meine Stärken lagen eher im Verkauf als beim Backen. Ich würde beim Backen und Kochen zwar nicht verhungern, aber anderen das zu verkaufen, muss nicht sein.

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