Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg : In Hamburg baut man auf tickenden Zeitbomben

Gesucht, gefunden und entschärft:  Blindgänger im Baakenhafen im Februar 2014.
Gesucht, gefunden und entschärft: Blindgänger im Baakenhafen im Februar 2014.

Neue Kampfmittelverordnung: Blindgänger-Suche ist in Hamburg nicht mehr Pflicht. Das Bündnis warnt vor tödlichen Folgen.

shz.de von
18. Januar 2015, 14:09 Uhr

Hamburg | In Hamburgs Untergrund lagern geschätzt noch etwa 3000 Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg. Die unentdeckten Bomben ticken lauter denn je, warnt jetzt das „Bündnis Sicher Wohnen & Bauen“. Der Zusammenschluss von Bauunternehmen und Bombensuchern fürchtet: Mit der erfolgten Lockerung der Kampfmittelverordnung in der Hansestadt bestehe die große Gefahr, dass Grundstücke vor der Bebauung nicht mehr ausreichend auf Blindgänger untersucht werden. Uwe Hinzmann von Hauptverband der Deutschen Bauindustrie: „In Hamburg dürfen jetzt Laienschauspieler die Freigabe von Baugrundstücken erteilen.“

Die Innenbehörde hatte die Verordnung zum 1. Oktober 2014 novelliert. Seitdem, so der Hauptvorwurf des Bündnisses, liege es weitgehend im Ermessen des Grundstücksbesitzers, wie er mit der Möglichkeit explosiver Kriegsüberreste auf seinem Grund und Boden umgeht. Zwar müssten private Bauherren weiterhin vor Baubeginn bei der Stadt anfragen, ob es sich um eine Verdachtsfläche handelt. Darunter fallen alle Bereiche, in denen anhand von Luftaufnahmen und Aufzeichnungen aus dem Zweiten Weltkrieg Blindgänger vermutet werden. Galt eine Fläche als verdächtig, musste der Bauherr bisher einen Fachbetrieb damit beauftragen, das Erdreich genau zu untersuchen. Die Spezialfirmen machen dies in der Regel mit Rasterbohrungen in einer Tiefe von sechs bis acht Metern, bei denen Sonden metallische Gegenstände aufspüren. Erst wenn sich dabei keine Hinweise auf Blindgänger ergaben, erteilte die Stadt die Baugenehmigung.

Jetzt, so Bündnis-Anwalt Florian Werner, verlange die Verordnung nur noch schwammig „geeignete Maßnahmen“ zur Sondierung des Bodens. Das bedeute, so Werner, dass letztlich der Bauherr als Laie entscheide, wie untersucht wird und in welchem Umkreis. Bei öffentlichen Bauvorhaben entfalle die Pflicht zur Ermittlung einer Verdachtsfläche gleich ganz.

Die Folgen könnten dramatisch sein, sagt Gerhard Schmitt, Ehrenvorsitzender des Bundes Deutscher Feuerwerker und Wehrtechniker. „Beim Bau einer Schule kann nun eine fachfremde Person entscheiden, ob der Baugrund genügend nach Kampfmitteln abgesucht wird.“ Wenn aber auf Bomben gebaut werde, gerieten nicht nur Bauarbeiter in Lebensgefahr, sondern auch die Nutzer des Gebäudes.

In einem offenen Brief an Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) verlangt das Bündnis, die Verordnung wieder so zu verschärfen, dass vor Erteilung der Freigabe zwingend professionelle Bombensondierer einzuschalten sind. Es müsse staatliche Aufgabe bleiben, den Umfang der Untersuchungen festzulegen.

Der Senat schließt dagegen eine größere Gefährdung der Bevölkerung durch die Novelle aus. Die Lockerungen begründet er mit Zeit- und Kostenersparnis. Allein die Hafenbehörde HPA hat bisher jährlich für etwa 20 Millionen Grundstücke nach Bomben abzusuchen lassen. Nicht immer sei dies tatsächlich notwendig gewesen.

Experte Schmitt hält das Kostenargument für mehr als dürftig: „Wer ein 15 mal 15 Meter großes Grundstück sondieren lässt, zahlt dafür nicht einmal 5000 Euro.“ Das sollte der Stadt die Sicherheit ihrer Bürger allemal wert sein.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen