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Im Alter von 96 Jahren gestorben : Helmut Schmidt ist tot - Deutschland trauert

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Altkanzler Helmut Schmidt starb friedlich zu Hause in Hamburg. Vor seinem Haus legten Menschen Blumen nieder.

Hamburg | Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt ist tot. Der Sozialdemokrat starb am Dienstag zu Hause in Hamburg mit 96 Jahren im Kreis seiner Familie. Führende deutsche und europäische Politiker würdigten ihn als eine der prägendsten Persönlichkeiten der Nachkriegsgeschichte. „In seinen öffentlichen Ämtern, ganz besonders als Bundeskanzler, hat Helmut Schmidt Großes geleistet“, schrieb Bundespräsident Joachim Gauck an Schmidts Tochter Susanne Kennedy-Schmidt. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nannte Schmidt, der Deutschland zwischen 1974 und 1982 regiert hatte, eine „politische Institution der Bundesrepublik“. Weitere Reaktionen lesen Sie hier. Die CDU-Politikerin Erika Steinbach sorgte mit einem Trauer-Tweet für Empörung im Netz.

„Er ist sehr, sehr friedlich gestorben“, sagte Schmidts Leibarzt Prof. Heiner Greten der Deutschen Presse-Agentur. Der Hamburger Herz- und Gefäßspezialist behandelte den SPD-Politiker seit über 30 Jahren und war ein enger Freund. Im Interview nannte er Schmidt einen „absoluten Kämpfer“. Der Altkanzler habe in seinem Leben viele schwere Krankheiten überstanden.

Interview mit Helmut Schmidts Arzt nach seinem Tod:

Frage: Ist Helmut Schmidt während Ihrer Visite gestorben?
Antwort: Ich war dabei. Ich war zwei, drei Stunden vorher schon im Haus. Er ist sehr friedlich und entspannt, allerdings ohne Bewusstsein wie schon in den vergangenen Tagen über, eingeschlafen und verstorben.

Frage: Er hatte also zum Schluss keine Schmerzen?
Antwort: Er hatte die ganze letzte Zeit keine Schmerzen. Ärzte können die Schmerztherapie immer so gestalten, dass der Patient schmerzfrei ist. Er war sicher schmerzfrei. Er wollte immer zu Hause sterben, und er ist zu Hause gestorben.

Frage: Wer war in der Stunde des Todes außer Ihnen bei ihm?
Antwort: Seine Lebensgefährtin Frau Loah und seine Tochter Susanne waren im Haus, auch das Pflegepersonal.

Frage: Hat er sich vor seinem Tod noch verabschiedet?
Antwort: Das ist schwer zu beantworten. Also der Tod ist ja heute eingetreten. Heute hat er sich nicht verabschiedet, weil er nicht bei Bewusstsein war und gestern auch nicht. Ich denke aber, dass er in den Tagen zuvor sich vielleicht doch von seinen Lieben verabschiedet hat.

Frage: Wann war er das letzte Mal bei Bewusstsein?
Antwort: Vielleicht vor einem oder zwei Tagen. Ich habe ihn jeden Tag gesehen und versorgt, bin aber natürlich nicht den ganzen Tag da gewesen.

Frage: Er ist also in seinem Bett gestorben?
Antwort: Richtig.

Frage: Im Schlafzimmer?
Antwort: Ja richtig.

Frage: Können Sie etwas zur Todesursache sagen?
Antwort: Die Todesursache ist in so einem Fall, bei einem 96-jährigen alten Herren mit vielen Grunderkrankungen, zum Schluss immer ein Versagen von vielen Organen, der Atmung, des Herzens. Ich denke, zum Schluss hat er einfach aufgehört zu atmen.

Frage: Sie sagten schon, er ist friedlich gestorben.
Antwort: Er ist sehr, sehr friedlich gestorben, jawohl.

Frage: Und sein Gesicht sah entspannt aus?
Antwort: Alles entspannt und friedlich.

Frage: War die Operation im vergangenen September seine schwerste gesundheitliche Krise?
Antwort: Nein, er hat viele schwere Krankheiten durchgemacht, die er alle bewunderungswürdig überstanden hat, mit viel Energie und auch mit sehr viel Verständnis gegenüber der Medizin. Jetzt zum Schluss war die Krankheit per se eigentlich nicht so schwierig. Ich glaube, man muss einfach sagen, dass sein körperlicher Zustand insgesamt dazu beigetragen hat, dass er gestorben ist. Die Krankheiten zuvor - wie jeder weiß hatte er eine Bypass-Operation am Herzen - waren zum Teil schwierig. Die hat er alle gut überstanden. Aber jetzt zum Schluss kam eben diese schwere Erkrankung der Beine hinzu, bei der die Arterien der Beine verschlossen waren. Aber auch das hatte er eigentlich ganz gut überstanden. Zu guter Letzt ist so langsam sein Allgemeinzustand immer schlechter geworden, wobei ich auch nicht ganz ausschließen will, dass er zum Schluss auch ein wenig resigniert hat, was er vorher nie getan hat.

Frage: Er war ja quasi das Stehaufmännchen?
Antwort: Ja absolut, ein absoluter Kämpfer.

Heiner Greten ist Direktor des Herz-, Gefäß- und Diabetes-Zentrums an der Hamburger Asklepios-Klinik St. Georg.

Nach der Nachricht von seinem Tod legten Menschen am Nachmittag vor seinem Haus Blumen nieder und zündeten Kerzen an. Zahlreiche Fernsehteams und Fotografen versammelten sich.

Menschen nehmen an Schmidts Haus in Hamburg Abschied, das Medieninteresse ist groß.
Menschen nehmen an Schmidts Haus in Hamburg Abschied, das Medieninteresse ist groß. Foto: Peter Wüst

Die Stadt ließ an den Fahnenmasten des Rathauses schwarze Bänder anbringen. An der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr sowie im Rathaus sollen Kondolenzbücher ausgelegt werden. Die Hamburgische Bürgerschaft will in ihrer Sitzung am Mittwoch mit einer Schweigeminute dem Hamburger Ehrenbürger gedenken.

Nach einem Medienbericht soll es einen Staatsakt in Hamburg geben. Die Veranstaltung solle in zwei bis drei Wochen stattfinden, berichtete die Zeitung „Die Welt“ am Dienstag in ihrer Online-Ausgabe unter Berufung auf nicht genannte Quellen im Rathaus.

Schmidts (politisches) Leben:

Schmidt war von 1974 bis 1982 als Nachfolger von Willy Brandt Bundeskanzler. In der Großen Koalition führte er von 1967 bis 1969 die SPD-Bundestagsfraktion und war danach Verteidigungs- und Finanzminister. Den Hamburgern blieb Schmidt auch als tatkräftiger Innensenator während der Sturmflut von 1962 im Gedächtnis.

Zu den größten Herausforderungen in Schmidts Kanzlerzeit gehörten die Ölkrise in den 70er Jahren und der Kampf gegen den Terrorismus der Roten Armee Fraktion (RAF). Resultierend aus den Erfahrungen als Soldat der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg war dem Diplomvolkswirt die europäische Einigung ein Herzensanliegen. Der SPD trat Schmidt nach der Entlassung aus britischer Kriegsgefangenschaft bei.

Als einer der Ersten wies Schmidt auf die Gefahren für das Rüstungsgleichgewicht durch neue sowjetische Mittelstreckenraketen hin. Der Nato-Doppelbeschluss führte zu einer heftigen Konfrontation auch mit seiner eigenen Partei.

Im Herbst 1982 scheiterte Schmidt mit seiner sozialliberalen Koalition an Differenzen in der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Durch ein konstruktives Misstrauensvotum wurde Helmut Kohl (CDU) am 1. Oktober 1982 zu seinem Nachfolger gewählt.

Schmidt gehörte dem Bundestag noch bis 1987 an. Seit 1983 war er Mitherausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“. Er schrieb zahlreiche Bücher und reiste für Vorträge um die Welt. Auch im hohen Alter waren seine Meinung und sein Rat gefragt und geschätzt. Seine Sprüche sind legendär. Schmidt erhielt zahlreiche Auszeichnungen, seine Bücher standen wochenlang auf den Bestseller-Listen. Helmut Schmidts Leben in neun Videos können Sie hier nachverfolgen.

Seine Frau Loki, mit der 68 Jahre verheiratet war und die er seit der Schulzeit kannte, war am 21. Oktober 2010 im Alter von 91 Jahren gestorben. Im August 2012 bekannte sich Schmidt zu Ruth Loah als neuer Gefährtin. Sie zählte schon seit Jahrzehnten zu seinen Vertrauten. Tochter Susanne, promovierte Volkswirtin und Finanzjournalistin, lebt mit ihrem Ehemann Brian Kennedy in England.

Sorge um seine Gesundheit:

Der Gesundheitszustand von Helmut Schmidt hatte sich seit dem Wochenende noch einmal „dramatisch zugespitzt“. Der Altkanzler habe sich zusätzlich zu weiteren Beschwerden in Folge einer schweren Gefäß-OP vor zwei Monaten eine unklare Infektion zugezogen, habe hohes Fieber und sei derzeit nicht mehr ansprechbar, berichtete bild.de am unter Berufung auf Schmidts Familie und seinen Leibarzt Prof. Heiner Greten.

Bereits vor zwei Monaten war die Sorge um Schmidt groß gewesen. Der SPD-Politiker war am 1. September auf die Intensivstation der Asklepios-Klinik in Hamburg-St. Georg gebracht worden. Mit einem Kathetereingriff ohne Vollnarkose konnten die Ärzte einen Gefäßverschluss im rechten Oberschenkel beseitigen. In Anbetracht des hohen Alters des Patienten fürchteten Freunde und Ärzte um das Leben Schmidts. Nach zwei Wochen konnte Schmidt die Klinik aber wieder verlassen.

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erstellt am 10.Nov.2015 | 18:29 Uhr

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