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Bergedorf und Rahlstedt : Hamburg: Verletzte und Festnahmen nach Gewalt in Flüchtlingsunterkünften

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Vier Menschen werden in der Nacht in Bergedorf verletzt. Auch in Hamburg-Rahlstedt muss die Polizei anrücken.

Hamburg | Die Polizei ist in der Nacht zum Donnerstag in Hamburg wegen mehrerer Schlägereien in Erstaufnahmestellen für Flüchtlinge ausgerückt. Dutzende Beamte waren im Einsatz. Es gab Verletzte und Festnahmen.

Nach Mitternacht musste die Polizei gleich zweimal zur Unterkunft im einstigen Max-Bahr-Baumarkt in Hamburg-Bergedorf ausrücken. Zunächst waren drei Bewohner in Streit geraten, andere solidarisierten sich mit ihnen und es kam zu Prügeleien. Drei Flüchtlinge, ein 16-jähriger Afghane und zwei 16 und 18 Jahre alte Syrer, sowie ein 53-jähriger Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes, wurden verletzt und mussten mit Platzwunden im Krankenhaus ambulant behandelt werden, teilte die Polizei mit. Die Feuerwehr musste einen brennenden Müllcontainer auf dem Gelände löschen.

Gegen 3 Uhr alarmierte der Sicherheitsdienst dann erneut die Polizei, weil sich zwei Gruppen von je 50 Bewohnern erneut mit Schlagwerkzeugen bewaffnet hätten. Als die Polizeibeamten eintrafen, zog sich der Großteil der Bewohner in die Unterkünfte zurück. Acht Bewohner wurden vorläufig festgenommen. Diverse Tische und Stühle seien zu Bruch gegangen, sagte der Polizeisprecher. Den Sachschaden konnte er nicht beziffern.

Die Polizei muss in der Nacht zum einstigen Max-Bahr-Baumarkt in Hamburg-Bergedorf anrücken. Zwei Flüchtlingsgruppen waren in der Unterkunft aneinander geraten.
Die Polizei musste in der Nacht zum einstigen Max-Bahr-Baumarkt in Hamburg-Bergedorf anrücken. Foto: Peter Wüst

850 Flüchtlinge waren Ende der vergangenen Woche aus einer Messehalle in die Bergedorfer Unterkunft gebracht worden. Wegen der unzureichenden Einrichtung der provisorischen Unterkunft - es gab zunächst zu wenig Betten, Sichtschutz fehlte - hatten einige Bewohner protestiert. Seit Anfang August hatte die Messehalle B6 als Unterkunft für bis zu 1200 Menschen gedient. Dort findet Ende Oktober die Messe „Hanseboot“ statt.

In Hamburg-Rahlstedt waren bereits am späten Abend mehrere Bewohner mit Holzlatten und Besenstielen aufeinander losgegangen. Auslöser war ein Streit um ein Mobiltelefon. Ein 19-Jähriger beschuldigte einen Mitbewohner, ihm das Gerät gestohlen zu haben. 15 Funkstreifenwagen waren im Einsatz. Der mutmaßliche Dieb, ein 23-jähriger Iraker, und vier weitere Beteiligte wurden vorläufig festgenommen, später dann aber entlassen.

Die Unterbringung von Flüchtlingen wird in Hamburg immer mehr zum Problem. Denn die Stadt kann vorläufig keine Flüchtlinge mehr in offiziellen Unterkünften unterbringen. Erstmals seit Beginn der Krise seien die Kapazitäten völlig erschöpft, sagte Björn Domroese, Büroleiter von Innensenator Michael Neumann (SPD), am Mittwoch. Am Dienstag hätten 500 Menschen nicht mehr untergebracht werden können.

Sie mussten die Nacht zu Mittwoch vor der Registrierungsstelle in der Harburger Poststraße unter freiem Himmel verbringen oder sich selbst einen Platz suchen. Unter ihnen waren auch Familien mit Kindern. Auch am Mittwoch konnten die Menschen nicht auf Unterkünfte verteilt werden. „Momentan zeichnet sich keine Entspannung ab“, räumte Domroese ein. Man versuche alles, um eine neue Unterkunft fertigzubekommen, sagte Domroese dem Hamburger Abendblatt.

Eine leerstehende Tennishalle in Hamburg-Eimsbüttel wurde in der Nacht zu Donnerstag nicht wie geplant zu einem Notquartier für Flüchtlinge umfunktioniert. Für die Asylsuchenden habe sich kurzfristig eine andere Unterbringungsmöglichkeit ergeben, sagte ein Polizeisprecher. Wohin die Flüchtlinge gebracht wurden, sagte er nicht.

An der Harburger Poststraße muss sich jeder anmelden, der eine Unterkunft in Hamburg haben möchte. Am Dienstag waren dort 600 Flüchtlinge registriert worden. Lediglich 100 konnten in Containern und Zelten untergebracht werden. Bereits zu Wochenbeginn kamen nach Senatsangaben täglich zwischen 400 und 500 Flüchtlinge in Hamburg an. Derzeit seien etwa 30.000 Flüchtlinge in der Stadt.

Unter denen, die keinen Platz mehr in einer Flüchtlingsunterkunft bekommen haben, waren auch die Brüder Anas und Mohammad aus Syrien. Sie waren bereits einige Wochen in Nordrhein-Westfalen und sollten jetzt gemäß dem Verteilungsschlüssel nach Hamburg kommen. „Am Hauptbahnhof waren noch Dutzende Helfer, die uns versorgt haben, und hier ist kein einziger“, sagte Anas.

Wissen nicht wohin: Die Brüder Anas (r) und Mohammad aus Syrien.
Wissen nicht wohin: Die Brüder Anas (rechts) und Mohammad aus Syrien. Foto: dpa
 

Sein Bruder Mohammad meinte, in Syrien könne man nicht mehr leben. „Es gibt kein Wasser, keinen Strom, keine Schule. Die Städte sind zerstört.“ Eine andere Familie aus dem syrischen Homs war ebenfalls am Mittwoch aus NRW nach Hamburg gekommen. „Meine Eltern sind krank und hier ist niemand, mit dem wir sprechen können“, sagte die 19 Jahre alte Ragad.

Ihre Mutter habe eine schwere Knieverletzung, der Vater sei herzkrank. Die Familie war vor eineinhalb Jahren vor dem Krieg aus Syrien geflüchtet. „Wir haben im Libanon, in Saudi-Arabien und in der Türkei gelebt, aber immer nur ein Visum für wenige Monate bekommen. „Wir wollen in Deutschland bleiben“, sagte die 19-Jährige.       

Bundesweit sind nach Angaben des bayerischen Innenministers Joachim Herrmann (CSU) im September mehr als 270.000 Flüchtlinge in Deutschland angekommen - und damit mehr als im gesamten Jahr 2014.

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erstellt am 01.Okt.2015 | 10:22 Uhr

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