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Projekt „Gamecity“ : Hamburg - Hauptstadt der Computerspiele

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Kaum eine Stadt in Deutschland profitiert so sehr vom Geschäft mit blinkenden Pixeln wie Hamburg. Mehr als 4400 Menschen leben in der „Gamecity“ von der Entwicklung von Computerspielen.

shz.de von
erstellt am 17.Dez.2013 | 07:41 Uhr

Hamburg | Weihnachten steht vor der Tür. Seit Tagen trommelt die Werbemaschinerie für die neueste XBox, die neueste Version der Playstation oder irgendeine andere Spielekonsole. Immer nach dem Motto: Schneller, bunter und besser. Wo früher Bücher oder Zinn-Soldaten auf dem Wunschzettel standen, finden sich heute zunehmend Computerspiele ganz oben auf der Geschenkliste. Und kaum eine Stadt profitiert so sehr vom Geschäft mit den blinkenden Pixeln und animierten Geschichten wie Hamburg. Wenn TV-Sports virtuelle Schlachten oder Online-Strategie-Spiele rauf und runter bewerben, sitzen die Macher dahinter nicht selten in der Hansestadt. Mitunter dort, wo sie kaum vermutet werden.

Die Spiele-Karriere der Brüder Kai und Christian Wawrzinek begann in den elterlichen Kellerräumen. Irgendwo in Hamburg. Dort dachten die beiden jungen Männer über Spiele-Ideen nach. Irgendwann über eine eigene Firma. 2009 gründeten sie diese unter dem Namen Goodgame-Studios, schon bald darauf sollte daraus ein Unternehmen werden, das heute 550 Mitarbeiter zählt. Mit Beginn des kommenden Jahres könnten es wohl schon 650 Mitarbeiter sein, sagt Unternehmenssprecher Andreas Haase. Ende 2014 sollen nach Angaben des Unternehmens, das neben Inno-Games und Bigpoint heute zu den großen drei in der Hansestadt zählt, mehr als 1000 Designer, Programmierer und Entwickler beschäftigt werden.

Schwere Anfänge vor zehn Jahren

Hamburg ist die Hauptstadt der Spieleindustrie. Der Aufstieg begann zu einer Zeit, als kaum jemand in Deutschland die Branche auf dem Schirm hatte. „Im Jahr 2003 waren Computerspiele noch Teufelszeug“, erinnert sich der Wirtschaftsförderer Stefan Klein an die damalige Stimmung in vielen bundesdeutschen Kommunen. Doch mit dem Projekt „Gamecity“ sollte sich das zumindest in Hamburg ändern. Mit der Initiative stellte sich erstmals eine Stadt vor Grafiker, Spieleentwickler und Designer, bekannte sich zu einem bis dahin vernachlässigten Wirtschaftszweig, der nach Kleins Einschätzung inzwischen „ein veritabler Teil der Medienlandschaft“ in der Metropole geworden ist. Die nackten Daten geben ihm da recht: Allein von 2010 zu 2012 ist die Zahl der Beschäftigten aus der Computerspiel-Branche in der Hansestadt um 25 Prozent auf mehr als 4400 Mitarbeiter angewachsen – der Großteil davon in sozialversicherungspflichtigen Jobs. Bundesweit hängen inzwischen 10.000 Stellen direkt am Geschäft mit digitalen Bildern und Pixel-Figuren und setzen zwei Milliarden Euro im Jahr um. Und der Wille zu expandieren ist bei vielen Unternehmen ungebrochen, neue Firmen kommen beständig hinzu – den inzwischen immer deutlicher werdenden Problemen der Branche zum Trotz.

Denn das Wachstum in der fast zwei Millionen Einwohner zählenden Hansestadt kennt Grenzen. Es mangelt an Menschen und es mangelt an Platz. So ist die Zahl der Bewerber zwar gewaltig. Doch der Fachkräftemangel zugleich gravierend. Allein bei Goodgame-Studios gehen jeden Monat 3000 Bewerbungen ein. Für den Job geeignet sind die wenigsten, Kompromisse für die Unternehmen nicht denkbar. „Es ist einfach wichtig, die besten Leute zu haben“, betont Goodgame-Sprecher Haase. Gamecity versucht mit einem Studiengang Abhilfe zu schaffen. In Kooperation mit der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) hat sie den bundesweit ersten Master-Studiengang „Games“ auf die Beine gestellt. In drei Semestern werden pro Jahrgang 19 Studierende zu Spiele-Designern und Entwicklern qualifiziert. Mit dem Gamecity-Port wiederum hat die Initiative aus einer ehemaligen Lagerhalle die bundesweit erste Immobilie für die Spielebranche geschaffen. Vor allem jungen Firmen soll der Start so erleichtert werden, für die es sonst auf dem regulären Mietmarkt in Hamburg schwer wäre. Der Erfolg spricht für sich: „Das Ding ist proper voll“, so Klein. 200.000 Euro Zuschuss habe die Stadt den Eigentümern einst für den Umbau bezahlt, mit Auflagen wie die Räume genutzt werden müssen, berichtet Klein. 6,40 Euro kostet die netto Kaltmiete pro Quadratmeter am Rande des Hamburger Schanzenviertels – üblich ist dort preislich mehr als das Doppelte. Sozialer Wohnungsbau für die Spiele-Industrie.

Die Masse macht das Geschäft aus

Goodgame-Studios ist auf sogenannte Browser-Games spezialisiert. Spiele, die also überall auf der Welt gespielt werden können – sofern ein Internetzugang vorhanden ist – und auf plakative Namen wie „Mafia“, „Farmer“ oder „Empire“ hören. Nach Schätzungen gibt es allein in Deutschland mehr als 14 Millionen regelmäßige Spieler. Doch verdienen können Firmen nur an der Masse. Bei Goodgame rechnet Haase vor: Gerade einmal fünf Prozent aller Spieler geben ihm zufolge Geld für das Zocken im Internet aus. Ein hartes Geschäft. Und der Druck in der Branche nimmt zu. „Wir haben mit sehr einfachen Spielen angefangen“, erzählt Haase. Doch die Spiele seien komplexer geworden, der Anspruch der Spieler gewachsen. Dauerte die Entwicklung neuer Spiele früher noch drei bis sechs Monate, müsse heute mit mindestens einem Jahr gerechnet werden.

„Die Zyklen werden immer schneller“, bestätigt auch Stefan Klein. 2003 seien Browser-Games aufgekommen. „Jetzt rennen alle dem neuen Trend Mobile-Games hinterher“. Auch Goodgame-Studios setzen seit diesem Jahr auf solche Spiele für Smartphone und Tablets. Daneben sollen neue Browser-Spiele in Planung sein. Die Zielsetzung der Hamburger ist, glaubt man den Worten von Goodgame-Studios-Sprecher Haase, klar: nach oben. 2020 wollen sie zu den 20 umsatzstärksten Spielefirmen der Welt gehören.
 

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