zur Navigation springen
Meldungen

19. Oktober 2017 | 09:46 Uhr

Hamburg als Teil des Ganzen

vom

shz.de von
erstellt am 04.Mai.2013 | 03:59 Uhr

Auf dem Weg zurück vom Kleingarten in Allermöhe in die Schanze bat ich meine Freundin am Tag der Arbeit, mich am Hauptbahnhof rauszulassen. Noch zwei Stunden Zeit bis zum Champions-League-Halbfinalspiel. Zeit genug, einen Fußmarsch durch die Innenstadt zu wagen. Dort, wo an diesem sonnigen ersten Mai der Kirchentag begann. Mal sehen, wer als Erstes Zuhause ist (sie natürlich), schließlich hatte es wegen Straßenarbeiten am Tag zuvor Lombardsbrücke Richtung Dammtor stundenlange Verzögerungen gegeben. Meinen Vorschlag, trotz Massentrubel mit unserem R 5 "Rocko" über die Mönkebergstraße zu fahren, mussten wir wegen Straßensperren wieder verwerfen. Ich also per Fußmarsch Richtung Binnenalster. Eine autofreie Innenstadt ist einfach toll. Und Tausende von Menschen waren wirklich eines: friedfertig. Hier tirillierte eine Gruppe Pfadfinder muntere Lieder, dort bezeugten ein paar junge Mädchen mit ihrem blauen Mottoschal ihren christlichen Glauben. Ein netter Herr scheint den Überblick zu haben. Kurz blitzen mich seine wachen Augen an. Bestimmt ein protestantischer Pastor. Ob er erkannt hat, dass ich vor 20 Jahren aus der Kirche ausgetreten bin? Das Schönste am modernen Christentum ist für mich sowieso die laizistische Grundlage. Auch der Kirchentag wirkt sehr weltlich, mit Hamburg als Tor dazu.

Zudem berichten die Medien über das fünftägige Event. Interessant war ein Beitrag im Deutschlandfunk über mein Lieblingsthema: Stadtentwicklung. Wie wollen wir in unseren Städten leben? Wie gestalten wir Wohnen und Mobilität in Zukunft? Wie entwickeln wir "soziale Städte", in denen die Spaltung zwischen Arm und Reich überwunden wird? Diese Fragen wurden erstmalig in einem eigenen Projekt beim Kirchentag behandelt. Hamburg bietet dafür etliche Anknüpfungspunkte. Ein Pastor referierte über die "Kreuzberger Mischung". So nennt man jenes spezifische Gemisch aus Wohnen und Arbeiten, das sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Kreuzbergs Südosten entwickelt hat.

Zugewanderte Arbeiter suchten in der pulsierenden Metropole ihr Glück und fanden hier billiges Quartier im Hinterhof zur Untermiete. Die Vorderhäuser waren meist von Angestellten und Beamten bewohnt. Doch auch die Arbeiterfamilie hoffte, irgendwann den sozialen Sprung ins Vorderhaus zu schaffen. Bis heute hat sich hier auch das Kleingewerbe gehalten: von der Kerzengießerei bis zur Computerfirma, Eckkneipen, Krämerläden, Werkstätten, Ateliers. Menschen aus vielen Regionen und Nationen haben hier ein Zuhause gefunden. Auch Christen prägen dieses Projekt, verstehen sich aber als Teil des Ganzen.

Eine meiner eindrucksvollsten Recherchen als Hamburg-Korrespondent war die Tour ins mecklenburg-vorpommersche Nostorf/Horst, wo Hamburg gemeinsam mit dem Nachbarland eine Flüchtlingsunterkunft hält. Nun kam raus, dass die Innenbehörde, obwohl sie stets beteuerte, schwangere Frauen ab der 26. Woche nicht aus Hamburg raus in die unwirtliche Außenstelle zu verlegen, eine hochschwangere Frau dort schon Mitte Dezember hinbrachte. Nächstenliebe sieht anders aus.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen