Inventur in Hamburg : Gruselkabinett „Dungeon“ – Rekordjahr der schwachen Nerven

Hamburger Gruselkabinett „Dungeon“ - Rekordjahr der schwachen Nerven
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Mitarbeiter testen bei der Inventur im Hamburger Dungeon die einzelnen Stationen im Gruselkabinett. Hier: Die Besucherenthauptung.

Das „Dungeon“ in der Hamburger Speicherstadt sorgt für Schrecken bei den Besuchern. Bei der jährlichen Inventur wird auch überprüft, wie sich der Schreck bei den Besuchern auswirkte: in Kilogramm „Kotzestreu“.

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18. Januar 2015, 15:51 Uhr

Hamburg | Blut läuft ihm aus den hervorstehenden Augen, ein paar verbrannte Hautfetzen hängen von seiner Wange und die ausgefranste Zunge streckt er über die Zähne aus dem Mund. Bis vor kurzen hing der abgetrennte Kopf eines Piraten noch auf dem Pfahlmast direkt neben drei anderen, doch jede Woche rutschte er eine Handbreit weiter nach unten. Zeit für eine Generalüberholung der Figur, stellten die Mitarbeiter bei der jährlichen Inventur des Gruselkabinetts „Dungeon“ in der Hamburger Speicherstadt fest.

Jährlich zählt das Gruselkabinett seine Kostüme, Figuren und selbst die benötigten Kilo „Kotzestreu“, die den Geruch überdecken sollen, wenn sich einem Besucher bei der Show der Magen umdreht - 2014 waren es 42 Kilo. Denn es war das Jahr der schwachen Nerven: 114 Besuchern ging der Schrecken in die Knochen; sie klappten in den Katakomben des „Dungeon“ zusammen, wie Leiter Andreas Köller mit ein wenig Stolz erklärt. So viele schreckhafte Menschen wie noch nie zuvor in der 15-jährigen Geschichte des Hamburger Verlieses.

Besonders im Sezierraum bekommen die Besucher meist wackelige Beine, wo sie von einem beißenden Geruch empfangen werden. Auf einem wuchtigen hölzernen Seziertisch ist eine Pestleiche aufgebahrt. „Die gesamte Figur besteht aus Latex und ist daher auch unser teuerstes Requisit - und gleichzeitig auch das am meisten beanspruchte“, sagt Köller und öffnet mit einer leichten Handbewegung den Oberkörper der Puppe wie die Seite eines großen Buches.

Auf dem Tisch platziert er den Magen, eine leckende Blase und ein pumpendes Herz. Das Kabel, das ein Pochen auslösen soll, liegt schon seit einigen Wochen durch den ständigen Gebrauch fast frei. „Das muss dringend repariert werden“, sagt Köller. Dann legt er das Metermaß an den Dünndarm der Puppe an - 151,5 Zentimeter. Diesmal stimmt die Länge, doch zu leicht nutzen sich die Latexschichten ab. „Durch kleine Löcher und Risse schwindet die Illusion“, sagt Köller.

Deswegen müssen die Requisiteure auf alle Details achten. Der Umfang der Pestbeulen am Hals und am Handgelenk der Puppe soll im Idealfall drei bis vier Zentimeter zählen. Die Pestbeulen lecken ab und an und müssen geflickt werden. Die Besucher grapschen gerne nach ihnen. Bei der großen Besucherzahl benötigte die Hamburger Pestpuppe im vergangenen Jahr über 127 Liter „verspritzte Eiterflüssigkeit“.

Das Hamburg „Dungeon“ eröffnete im Jahr 2000. Die Verbindung von Lokalgeschichte mit Grusel und Entertainment funktioniert nicht nur in der Hansestadt: Ähnliche Dungeons gibt es mehrfach in England sowie in Schottland, Amsterdam und San Francisco. Ein zweites Gruselkabinett in Deutschland existiert seit zwei Jahren in Berlin.

Blutunterlaufene Augenringe und kalkweiß geschminkte Fratzen sollen bei den Gästen für Zittern und Gänsehaut sorgen. Dazu nutzten die rund 50 Schauspieler im vergangenen Jahr 498 Kilo Schminke, 138 Flaschen Haarspray.

Doch richtig gruselig wird es für den Leiter Andreas Köller nur, wenn es unerwartet im Keller des Gebäudes kratzt und ruckelt. 64 echte Spinnen und knapp 80 Ratten fasste der Kammerjäger im vergangenen Jahr. Durch die Sturmflut suchten die Tiere Zuflucht in den Gebäuden der Speicherstadt. Die längste gefundene Kellerratte im „Dungeon“ war nach seinen Schilderungen riesig: „62 Zentimeter mit Schwanz“.

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