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Sicherheitsbranche : Geschäft mit der Angst der Millionäre

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Sicherheitsbranche boomt – und Millionäre aus dem Norden greifen immer häufiger auf ihre Produkte zurück.

Till Lorenz ist Mitglied der Wirtschaftsredaktion. von
erstellt am 24.Aug.2014 | 15:12 Uhr

Kiel | Der Reichtum im Norden nimmt zu – und auch die Angst vieler Vermögender. „Es gibt einen erhöhten Bedarf in der Sicherheitsbetreuung“, sagt Sven Leidel. Er ist Partner und Mitbegründer des Hamburger Unternehmens Privatimus. Mit einem Team kümmert sich Leidel um die Sicherheit vermögender Familien. Und die Nachfrage gerade in Schleswig-Holstein und Hamburg steigt. „Wir sehen den Zulauf verstärkt aus Norddeutschland“, berichtet der gelernte Bankkaufmann und studierte Betriebswirt. Früher seien die Kunden vor allem aus dem süddeutschen Raum gekommen – Bayern oder Baden-Württemberg. Jetzt holt der Norden offenbar auf.

Kein Wunder: 226 Einkommensmillionäre lebten 2013 laut Kieler Finanzministerium im Land – 17 Prozent mehr als noch im Vorjahr. Und der Trend hält an. Die Zahl der Vermögensmillionäre ist noch weitaus größer. Insgesamt liegen nach Berechnungen der Commerzbank rund 49 Milliarden Euro zwischen Flensburg und Lauenburg auf der hohen Kante. Zwei Handvoll Kunden beziehungsweise Familien im Norden nehmen derzeit die Dienste von Leidel und seinem Team in Anspruch. Es ist vor allem das „alte Geld“, das Rat und Tat bei ihm sucht, alteingesessene Unternehmerfamilien. Dreiviertel der norddeutschen Kunden hätten das Vermögen schon in der dritten oder vierten Generation, so Leidel. Eine Familie habe ihr Geld in der New Economy gemacht.

15 Mitarbeiter zählt Privatimus. Daneben arbeiten sie mit zahlreichen Dienstleistern zusammen, um beispielsweise Kameras zu installieren. Schutz von Vermögenswerten und Personenschutz gehören zu den Aufgaben, das Entwickeln von Sicherheitskonzepten für Reisen oder die eigenen vier Wände. Das Reputationsmanagement sei ein wichtiges Thema, sagt Leidel. Gerade in Zeiten von sozialen Netzwerken wie Facebook und Co. – denn längst nicht alle Vermögenden verstehen sich so auf Understatement und Verschwiegenheit wie die Albrecht-Familien der legendären Discounter-Gründer. „Der Aldi-Clan ist ein sehr gutes Beispiel“, sagt Leidel. Bilder der Milliardärsbrüder galten zu ihren Lebzeiten als Seltenheit.

Der Kampf um die Sicherheit der Vermögenden beginnt heutzutage immer häufiger im Internet. Es geht um den Schutz der Identität, Image-Pflege und Krisenkommunikation. Leidel spricht vom „Positive Story Telling“ – dem Erzählen guter Geschichten, um die unerwünschten zu verdrängen und zu überlagern. So sorgen seine Spezialisten beispielsweise dafür, dass unliebsame Internetseiten bei Suchmaschinen wie Google auf die hinteren Plätze verbannt werden. Dorthin, wo sie viele Nutzer schon gar nicht mehr interessieren.

Privatimus ist auf Expansionskurs. Und nicht nur für das Hamburger Unternehmen laufen die Geschäfte gut. Die Sicherheitsbranche ist in Deutschland an Wachstumsmarkt, der seinesgleichen sucht. Das Geschäft mit der Angst funktioniert. Nach Angaben des Bundesverbands der Sicherheitswirtschaft zählt die Branche insgesamt mehr als 250 000 Beschäftigte. Allein bei den Unternehmen, die sich auf Sicherheitsdienstleistungen spezialisiert haben, sind es 185 000, die einen Umsatz von mehr als fünf Milliarden Euro erwirtschaften – und die Branche legt jährlich im Schnitt mehr als drei Prozent zu.

Die Gründe für die steigende Nachfrage sind vielfältig. „Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander“, sagt Leidel in Hamburg zum Beispiel. „Der Neidfaktor ist sehr ausgeprägt.“ Als „Ersatz für die Polizei“ verstehen Leidel und sein Team sich dabei explizit nicht. Schwindende Kapazitäten der Polizei dürften aber auch eine Rolle spielen. „Das ist hier im norddeutschen Raum vielleicht noch ausgedünnter“, so Leidel. Eine Einschätzung, die die Gewerkschaft der Polizei in Schleswig-Holstein teilt. „Es ist so, dass schon seit langer Zeit die privaten Sicherheitsdienste an Bedeutung gewinnen“, sagt dort Karl-Hermann Rehr. Zugleich zieht sich die Polizei zurück. Nach Rehrs Einschätzung seien allein seit 2012 bis zu 42 Polizeidienststellen im Norden abgebaut worden – mit der Folge des „sichtbaren Verlusts von polizeilicher Präsenz“, wie er sagt. Wo sich die Polizei aber zurückziehe, „gibt es eine Konjunktur für die private Sicherheitswirtschaft“.

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