Hamburg-Hamm : Geiselnahme am Tag vor der Bluttat

Die Ermittler am Tatort in Hamburg-Hamm - ein Mann hat auf drei Menschen geschossen. Foto: rtn
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Die Ermittler am Tatort in Hamburg-Hamm - ein Mann hat auf drei Menschen geschossen. Foto: rtn

Das Blutbad von Hamburg wäre womöglich zu verhindern gewesen, wenn zwei frühere Opfer den Todesschützen rechtzeitig angezeigt hätten.

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10. April 2011, 10:00 Uhr

René von S. (36) hatte die beiden am Dienstag mit einer Schusswaffe bedroht und stundenlang in seiner Wohnung festgehalten. Die Frau (28) und der Mann (36) gingen erst einen Tag später zur Polizei.
Zu spät. In der Minute, als sie die Geiselnahme auf dem Revier zu Protokoll gaben, schoss der Sportschütze auf der Straße wild um sich. Von S. feuerte auf seine Ex-Freundin (34), weil sie ihn verlassen hatte, auf deren Bruder (30) und einen Passanten (28). Der Bruder starb, die beiden anderen wurden schwer verletzt. Der Täter erschoss sich vor den Augen der Polizei.
Warum zeigten die Geiseln den dramatischen Vorfall vom Dienstag nicht sofort an? "Sie haben angegeben, zu geschockt gewesen zu sein", sagte Polizeisprecher Mirko Streiber. Nach seinen Angaben hatte Sportschütze von S. seine beiden Bekannten unter einem Vorwand in die Wohnung gelockt. Dort bedrohte er sie mit der Waffe sagte ihnen, er sei wegen der Trennung von seiner Freundin verzweifelt. Erst als seine Mutter dazu kam, ließ der Geiselnehmer die beiden gehen.

Die Mordkommission hat die Geschehnisse vom Mittwoch inzwischen rekonstruiert. Die 34-Jährige wollte Sachen aus der gemeinsamen Wohnung holen und hatte wohl zum Schutz ihren Bruder mitgenommen. Von S. passte seine Ex-Freundin vor der Haustür ab. Es kam zum Streit, der Jurastudent zog eine Pistole und schoss. Seine ehemalige Lebensgefährtin wurde in der Leistengegend getroffen und überlebte nach einer Not-OP. Der Bruder starb noch am Tatort, nachdem ihn ein Projektil in die Brust getroffen hatte. Tatwaffe war eine Neun-Millimeter-Pistole, die von S. als Sportschütze ebenso legal besaß wie zwei Gewehre, die in der Wohnung lagen.
Passant Yaser C. (28) hätte seine Zivilcourage beinahe mit dem Leben bezahlt. Er sah zufällig, wie von S. auf seine Ex-Freundin einschlug und wollte ihr helfen. Da schoss der Täter zweimal auf den Nachbarn. "Er wollte doch nur Zigaretten holen", sagt Miriam M. (26). Der 28-jährige Kellner und sie sind beste Freunde. Yaser sei nur Zigaretten holen gegangen, doch er kam nicht wieder. Dann hört Miriam M. die Rettungswagen. "Ich sah, dass direkt vor unserer Tür ein Amoklauf war. Ich stand unter Schock und bin auf die Straße gelaufen." Als sie ankommt, fährt der Rettungswagen gerade ab. Die 26-Jährige bittet ein Kamera-Team, ihr Video ansehen zu dürfen. Auf den Bildern sieht sie, wie Retter ihren Freund versorgen. Miriam M. bricht zusammen: "Ich dachte, dass er stirbt."
In einer mehrstündigen Notoperation retten die Ärzte des AK St. Georg das Leben des Mannes, der einen Beckendurchschuss erlitten hat. Zwar ist sein Zustand stabil, aber der 28-Jährige liegt weiterhin auf der Intensivstation. "Nur die Familie darf derzeit zu ihm. Ich würde ihn so gerne in den Arm nehmen", sagt Miriam M. Sie hat bereits mit dem Opfer telefoniert. In dem Gespräch schilderte der junge Mann die Tat: "Ich bin an denen vorbeigegangen und habe gesehen, wie der Mann die Frau schlägt." Als er ihm zurief, er solle sofort die Frau in Ruhe lassen, habe der Täter erwidert: "Verpiss Dich!" Dann fielen auf einmal die Schüsse. Ilhan T. (25), ein Freund des Opfers, berichtet, wie hilfsbereit Yaser ist. "Er ist dafür bekannt, dass er jedem zu Hilfe eilt."
(mlo, ge)

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