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Praxis ohne Grenzen : Experte: Praxen für Nicht-Versicherte senden falsche Signale

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Arztpraxen, in denen Menschen ohne Krankenversicherung kostenlos Hilfe bekommen, schließen eine Lücke im Gesundheitssystem. Doch sie werfen auch Probleme auf, sagt ein Gesundheitsökonom. Er findet: Die Aufnahmebedingungen für private Kassen sollten geändert werden

shz.de von
erstellt am 07.Apr.2014 | 09:22 Uhr

Hamburg | Praxen für Menschen ohne Krankenversicherung sind nach Ansicht des Hamburger Gesundheitsökonomen Prof. Mathias Kifmann aus sozialer Sicht wichtig - sie setzen aber auch falsche finanzielle Anreize. „Das ist ein humanitärer Ansatz, dort wird vielen Leuten kostenlos geholfen“, sagte Kifmann der Nachrichtenagentur dpa. „Aber ein Nebeneffekt ist, dass diese Praxen immer auch Menschen zur Verfügung stehen, die das vielleicht gar nicht brauchen.“ Vor allem manche Selbstständige, bei denen es zwar wirtschaftlich schlecht laufe, die aber nicht wirklich bedürftig seien, zählten zu dieser Gruppe, erklärte der 44-Jährige.

In Hamburg wird an diesem Mittwoch eine „Praxis ohne Grenzen“ vorgestellt. In der Einrichtung sollen von Mai an bedürftige Patienten kostenlos und anonym behandelt werden. In der Hansestadt vermittelt zudem das Medibüro vor allem Leute, die aus anderen Ländern nach Deutschland gekommen sind, an ein Netzwerk aus etwa 150 regulären Praxen. Auch an die Malteser Migranten Medizin können sich Menschen ohne gültigen Aufenthaltsstatus und Menschen ohne Krankenversicherung wenden.

Bundesweit waren im Jahr 2011 - aktuellere Zahlen liegen nicht vor - etwa 137 000 Menschen nicht krankenversichert, wie Kifmann berichtete. Obdachlose und ohne Aufenthaltserlaubnis in Deutschland lebende Menschen wurden allerdings nicht erfasst. „Ich vermute, dass die Zahl seitdem etwas zurückgegangen ist“, betonte der 44-Jährige.

Der Grund dafür sei das Gesetz zum Erlass von Beitragsschulden, das im Sommer 2013 in Kraft getreten und bis Ende vergangenen Jahres befristet war. Eine wichtige Gruppe unter den Nicht-Versicherten seien Selbstständige, deren Geschäfte zwar nicht gut liefen, die aber noch Vermögen - etwa Haus oder Auto - hätten, sagte Kifmann. „Sie wollen nicht alles auflösen - und können oder wollen sich daher keine Krankenversicherung mehr leisten. Wenn sie die Option haben, sich in Arztpraxen umsonst behandeln zu lassen, ist das problematisch.“ 

Dahinter steckt für den Gesundheitsökonomen das strukturelle Problem, dass sich Selbstständige ohne Einkommensprüfung privat versichern können. Der Zugang zur privaten Krankenversicherung müsse daher strenger geregelt werden, forderte Kifmann - etwa indem Selbstständige mehrere Jahre lang ihr Einkommen nachweisen, bis sicher ist, dass sie den Beitrag dauerhaft zahlen können.

Für Obdachlose und Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis sei eine kostenlose medizinische Behandlung dagegen unabdingbar, betonte Kifmann. Hartz-IV-Empfänger übrigens müssen sich nicht an solche Praxen wenden - sie sind automatisch krankenversichert.

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