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Erschossener Austauschstudent : „Ein Supertyp“: Hamburg trauert um 17-Jährigen

vom

Ein US-Hausbesitzer stellt potenziellen Einbrechern eine Falle in seiner Garage. Dann schießt er - und tötet einen deutschen Austauschschüler. Der 17-Jährige aus Hamburg war sportlich, freundlich und beliebt.

shz.de von
erstellt am 29.Apr.2014 | 13:43 Uhr

Hamburg | Nach den tödlichen Schüssen auf einen 17-jährigen Austauschschüler aus Deutschland drohen dem Schützen in den USA mindestens zehn Jahre Gefängnis - möglicherweise sogar lebenslang. Der 29-Jährige wurde wegen vorsätzlicher Tötung angeklagt. Zwar räumt sein Heimatstaat Montana für die Verteidigung des eigenen Hauses das bewaffnete Recht auf Notwehr ein. Laut Anklageschrift stellte der Mann aber potenziellen Dieben eine Art Falle und legte sich auf die Lauer.

Nach zwei Einbrüchen innerhalb der vergangenen drei Wochen hatte der Schütze laut einer Zeugin gesagt, einen „verdammten Typen“ erschießen zu wollen. Sein Anwalt sagte laut einem Bericht der Lokalzeitung „Missoulian“, der 29-Jährige werde sich nicht schuldig bekennen, da er in Selbstverteidigung gehandelt habe. Der Schütze vermutete einen Einbrecher in seiner Garage. Der Jugendliche hatte der Anklageschrift zufolge die Garage in der Stadt Missoula im US-Bundesstaat Montana betreten, wurde von Schüssen am Kopf und am Arm getroffen und starb später im Krankenhaus. Er war im August in die USA gekommen und hatte in Missoula eine High School besucht.

Die tödlichen Schüsse haben in seiner Heimatstadt Hamburg Entsetzen und Trauer ausgelöst. „Er war ein Mensch, den jeder Vater sich wünschen würde“, sagte sein Fußballtrainer Garip Ercin am Dienstag. „Er war nicht aggressiv, er war beliebt - einfach ein Supertyp.“ In wenigen Wochen sollte der talentierte Fußballspieler nach Deutschland zurückkehren, erzählte Ercin: „Er hätte noch 43 Tage gehabt.“

Laut Anklageschrift wollte der 29 Jahre alte Bewohner nach mehreren Einbrüchen potenziellen weiteren Dieben eine Falle stellen. Das Garagentor stand rund anderthalb Meter weit offen, als der Teenager das Grundstück in Grant Creek, einer ruhigen Wohngegend von Missoula, betrat. Die Partnerin des Todesschützen hatte eine Handtasche als Köder in die Garage gestellt, sagte sie der Polizei. Beide überwachten den Bereich mit Bewegungssensoren, einem Babyfon und Kameras. Was der 17-Jährige auf dem Grundstück beabsichtigte, war für die Ermittler in den USA aber noch völlig unklar.

Fußballtrainer Ercin, der Jugendleiter beim Verein SC Teutonia 1910 ist, sagte, die Eltern des Schülers hätten ihn am Sonntagnachmittag über den gewaltsamen Tod informiert. Kurze Zeit später sei die ganze Mannschaft zu der Familie gegangen: „Eine Stunde später waren alle da.“  Die Schulbehörde will den Hamburger Mitschülern Hilfe anbieten. „Es ist ja doch ein sehr einschneidendes Erlebnis“, betonte Sprecher Thomas Bressau. Da in Hamburg derzeit Ferien sind, hätten viele Schüler möglicherweise noch nichts mitbekommen. Wenn die Schule am Montag wieder beginnt, sollen sich Mitarbeiter der Beratungsstelle Gewaltprävention um die Mitschüler kümmern. Der 17-Jährige sei sportbegeistert, freundlich und gut vernetzt gewesen, berichtete Bressau. „Man hört nichts Negatives, im Gegenteil.“ Das habe ihm der Schulleiter erzählt, der derzeit im Urlaub sei. Der Fußballverein des 17-Jährigen rief dazu auf, für die Eltern zu spenden. „Wir wünschen den Eltern und Angehörigen alle Kraft und Unterstützung in diesen schweren Zeiten“, hieß es auf der Homepage. Am Mittwoch (17.45 Uhr) gibt es zudem ein Benefizspiel.

Die tödlichen Schüsse haben auch bei seiner Austauschorganisation in den USA Entsetzen ausgelöst. Alle Mitarbeiter von Council on International Educational Exchange (CIEE) seien traurig über den tragischen Tod des 17-Jährigen, erklärte eine Sprecherin am Dienstag in Portland (US-Bundesstaat Maine). Die Organisation habe Vertreter nach Montana geschickt, berichtete die Sprecherin. „Wir werden unser Bestes geben, um die Familie des Schülers, seine Gastfamilie und die Stadt Missoula zu unterstützen.“ Nähere Angaben zu dem Vorfall oder der Vorbereitung deutscher Schüler auf den Aufenthalt in den USA wollte die Sprecherin nicht machen.

Die Familie des Jugendlichen wurde mit Hilfe des Deutschen Generalkonsulats in San Francisco kontaktiert. Am Dienstag sollte eine Vertreterin des Konsulats in den US-Staat Montana reisen, um die Gastfamilie und die Angehörigen zu unterstützen. „Das ist in dem Fall wohl notwendig“, sagte ein Sprecher, der von besonderen Umständen sprach. Auch der Vater des Jungen werde erwartet.

Einer Zeugin zufolge soll der Todesschütze über die Einbrecher gesagt haben: „Ich warte nur darauf, einen verdammten Typen zu erschießen.“ Drei Nächte in Folge habe er bereits mit seinem Gewehr gewartet, um die Einbrecher zur Strecke zu bringen. Er hatte vier Schüsse in die dunkle Garage abgefeuert, nachdem sein Alarmsystem ihn auf einen Eindringling aufmerksam gemacht hatte. Der Jugendliche wurde am Kopf und am Arm getroffen und starb später im Krankenhaus.

Bürger Montanas dürfen sich wie in rund der Hälfte der 50 US-Staaten notfalls mit Waffengewalt verteidigen. Laut der sogenannten „Castle Doctrine“ (Schloss-Doktrin) ist der Einsatz tödlicher Gewalt gegen Eindringlinge in Haus und Garten in den meisten Fällen erlaubt. In Staaten wie Missouri und Ohio gilt dies sogar für Autos. Allerdings muss sich der Schütze ernsthaft bedroht fühlen.Was der Teenager bei seinem nächtlichen Gang durch die ruhige Wohngegend Grant Creek wollte, sei völlig unklar, sagte ein Polizeisprecher. Das Haus lag weit entfernt von der Big Sky High School, wo er seit August die elfte Klasse besuchte. Ein zweiter Mann habe ihn begleitet, sei aber geflohen, als die Schüsse fielen.Auch die US-Austauschorganisation Council on International Educational Exchange (CIEE), über die der 17-Jährige in die USA gekommen war, schickte Vertreter nach Montana.

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