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Diskretion bis zuletzt: Aus für das „Cölln’s“ nach 183 Jahren

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Hamburger Traditions- und Nobelrestaurant fehlte Nachfolger und neues Konzept – geschlossen

shz.de von
erstellt am 04.Jan.2016 | 16:11 Uhr

Zar Nikolai und Kaiser Wilhelm II. wurden hier satt, ebenso wie der Eiserne Kanzler Otto von Bismarck, Schauspieler Hans Albers und ungezählte Mitglieder der feinen Hamburger Gesellschaft. Schließlich galt in „Cölln’s Restaurant“ außer Kaviar und Austern auch die gediegene hanseatische Atmosphäre als legendär. Seit Neujahr ist nun Schluss mit diesem besonderen Kapitel Hamburger Gastrogeschichte, eines der ältesten Speiselokale der Stadt hat seine Pforten geschlossen. Zu Silvester tischte Betreiber Holger Urmersbach letztmalig in den 13 Separees auf – das Aus nach fast 183 Jahren.

Der 76-Jährige habe keinen Nachfolger gefunden, heißt es in einer kurzen Mitteilung des Immobilienbesitzers. Und: Das Separree-Konzept entspreche wohl nicht mehr dem „heutigen Zeitgeschmack des ,Sehens und gesehen Werdens’“. Bereits 2005 hatte die Hamburgensie in der Altstadt für zwei Jahre schließen müssen, dann sprang Urmersbach ein. Er renovierte das angestaubte Interieur und brachte das Geschäft wieder in Gang. Diesmal ist kein Retter in Sicht.

Kulinarische Spezialitäten aus dem Meer, serviert in vollendeter hanseatischer Diskretion – diese Mischung war das Erfolgsrezept seit 1833. Damals hatte Johann Cölln den 1760 gegründeten Fisch- und Austernladen am Brodschrangen zum Restaurant ausgebaut. Es war die Zeit, als die Ewer die fangfrische Ware noch an die Rückseite des Hauses lieferten.

Cölln ließ eine noble Marmortreppe einbauen und unterteilte die Räumlichkeiten in unterschiedlich große Salons. Gäste konnten bei geschlossener Tür speisen und reden, die Kellner durften erst auf einen Klingelton hin eintreten. Das „Cölln’s“ war im 19. Jahrhundert das erste Lokal der Stadt mit Tischklingeln und privater Telefonanlage. Die Speisekarte umfasste zunächst nur Fisch und anderes Meeresgetier – mit einer Ausnahme. Einziges Fleischgericht war ein „hohes Filetmittelstück mit blonden Zwiebeln und panierten Bratkartoffeln“ – das berühmte Cölln’s Filetmittelstück, das bis zuletzt serviert wurde. Generationen Hamburger Senatoren pflegten zum Mittelstück politische Entscheidungen der Stadt zu erörtern.

Die Nachfolger des Restaurantgründers sicherten sich in Astrachan am Kaspischen Meer die Fischereirechte zur Produktion von Beluga Malossol Kaviar, urkundlich verbrieft durch den russischen Zaren. Der edle Fischrogen kam fortan per Eisenbahnwaggons mit dem Firmenlogo nach Hamburg und Berlin. Die Firma wurde zum größten Kaviarlieferanten Europas, versorgte Adelshäuser und die berühmtesten Hotels der Zeit. 1897 schritten Zar Nikolai II. und seine Gattin persönlich die Stufen zum Souterrain-Eingang hinab und ließen es sich im „Cölln’s“ schmecken. Bis zuletzt trug Separee Nr. 7, dessen Inneneinrichtung in Astrachan gefertigt worden war, den Namen „Russisches Zimmer“. Ebenfalls erhalten sind 27  500 handbemalte Wand- und Bodenfliesen im Jugendstil sowie ein Wandfliesengemälde mit der Darstellung der Elbe und ihres Reichtums an Meeresfrüchten im Foyer.

In der Wirtschaftswunderzeit der Bundesrepublik blühte das „Cölln’s“ nochmals auf. Sagenumwoben waren die Mittwoch-Stammtische einiger der wichtigsten Verleger der Stadt, ja der ganzen Republik. In den 1980er speisten und debattierten dort Rudolf Augstein, Gerd Bucerius, Marion Gräfin Dönhoff und John Jahr senior in angeregter Runde. 1984 schieden schließlich die letzten Erben der Besitzerfamilie aus, Urmersbach übernahm ein erstes Mal und veredelte sein Menüangebot mit einem Michelin-Stern.

Diskretion zählte bis zuletzt zu den Prinzipien des Hauses, so dass Namen von Stammgästen und Gelegenheitsbesuchern meist nur hinter vorgehaltener Hand zu erfahren waren. Loki Schmidt, so viel ist bekannt, lud im „Cölln’s“ gern und regelmäßig zum Karpfenessen und empfing dabei Freunde wie Altbürgermeister Henning Voscherau und Ex-SPD-Chef Björn Engholm.

 

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