Weihnachten : Die Weihnachtsmannkatastrophe

Wie verabschiedet man sich von jemandem, den es gar nicht gibt? Foto: sh:z
Wie verabschiedet man sich von jemandem, den es gar nicht gibt? Foto: sh:z

Wie verabschiedet man sich von jemandem, den es gar nicht gibt? Eine wahre Weihnachtsgeschichte von Autor, Komponist und Musiker Sören Sieg aus Hamburg.

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26. Dezember 2012, 03:48 Uhr

Wenn man schon Atheist ist, sollte man wenigstens an den Weihnachtsmann glauben. Das müssen sich meine Eltern gedacht haben, damals in Offenau, einem Dorf zwischen Elmshorn und Barmstedt. Hinter unserem Haus gab es eine Terrasse und dahinter einen kleinen Garten. Und von da her kam jedes Jahr der Weihnachtsmann und klopfte an die Terrassentür. Für mich war es selbstverständlich, dass der Weihnachtsmann aus diesem Garten kam. Dabei wusste ich ja, dass es hinten im Garten einen hohen Zaun gab, und dahinter waren rechts die Schweineställe von Herrn Huckfeldt und links der Hundezwinger von Herrn Gieseking. Das heißt, der Weihnachtsmann hätte entweder durch die Schweineställe durchlatschen oder am Hundezwinger vorbeischleichen müssen, um dann über unseren Palisadenzaun zu klettern.
Aber darüber habe ich nie nachgedacht, weil ich mich auf das plattdeutsche Gedicht konzentrierte, das ich aufsagen wollte. Und das war schwierig genug, denn mein Vater war zwar plattdeutscher Schriftsteller, hat mit uns aber nie platt gesprochen. Es war, als müsste man chinesisch sprechen: Kiek an, wat is de Himmel so rod... Leider hat mein Vater nie miterlebt, wie ich das Gedicht meisterte, weil er immer genau dann, wenn der Weihnachtsmann kam, die Heizung im Keller reparierte. Dabei kann mein Vater keinen Nagel in die Wand schlagen, ohne sich mehrere Finger dauerhaft zu beschädigen. Die Frage, wie er jeden Heiligabend in zehn Minuten ohne Hilfe meiner Mutter und ohne rumzubrüllen die Heizung repariert hat, stellte ich mir dennoch nie.
Mein Vater war echt cool. Ich kann nicht so gut lügen. Ich habe Eva geheiratet, die genau so atheistisch ist wie ich, wir haben drei Kinder bekommen, die auch nicht an Gott glauben, aber den Weihnachtsmann wollte ich ihnen gönnen. Nur kann ich we-der lügen noch schauspielern. Deshalb mussten wir immer jemand engagieren. Und da begannen die Probleme.

"Das war ja schwarze Pädagogik!"

Onkel Horst sah aus wie eine gute Wahl. Grauer Bart und kein Lampenfieber. Er kam pünktlich, fragte die Gedichte ab und verteilte die Geschenke. "Oh Mann", sagte er dann. "Das ist vielleicht saukalt draußen. Habt Ihr vielleicht ’n Bier?" Der kleine Leo sah ihn ungläubig an. "Äh, Weihnachtsmann", beeilte sich Eva zu sagen, "musst du nicht los zu den anderen Kindern?" - "Sicher", sagte Horst, "aber erst mal braucht der Weihnachtsmann jetzt ’n Bier... Habt Ihr was in der Küche?" Dort saß er eine Viertelstunde, trank in aller Ruhe sein Flens und erzählte, wie er nachher noch nach Indien und Japan müsse. Das konnte sogar der vierjährige Leo kaum glauben.
Im Jahr darauf kam Herr Waibisch, der Vater unserer Nachbarin. Zwei Meter groß, Ivan-Rebroff-Bass und Schwabe. Ich fand es schon merkwürdig, dass er mich am Telefon so lange nach den Kindern ausfragte. Nach dem er die Geschenke überreicht hatte, zog er ungefragt ein riesiges goldenes Buch aus der Tasche. "Sodele", brummte er, "Leo... du hascht also letztes Jahr angfange, Gitarre zu spiele?" - "Ja", sagte Leo. "Und ich höre, du hascht au wieder aufg’hört?" Leo nickte ängstlich. Der Weihnachtsmann sah ihn streng an. "Das isch aber nit gut. Die Eltern ham den teuren Unterricht g’zahlt. Und du hörscht einfach auf?" Tränen schimmerten in Leos Augen. "Nun muss der Weihnachtsmann aber los", sagte Eva. "Na, na, da isch ja noch der Lukas. Ich hab g’hört, du hascht letztes Jahr nit gnug für die Schule getan?" - "Na ja", krächzte Lukas. Herr Waibisch hob die Rute. "Das muss sich ändern!" - "Äh, wie?", fragte Lukas.
"Das war ja schwarze Pädagogik!", regte Eva sich nachher auf. "Nie wieder holen wir einen Weihnachtsmann!" - "Eva," ich lächelte verlegen, "Der Typ war daneben, ok..." - "Da kriegt man ja Albträume!", sagte Eva. "Nächstes Mal nehmen wir je-mand vom Weihnachtsmannservice", schlug ich vor. "Die zieh’n das professionell durch und sind auch nach fünf Minuten wieder draußen."

Leo wird sieben, nächstes Mal feiern wir ohne

Professionell. Das war das Stichwort. Wir zahlten fünfzig Euro, mussten die Bescherung auf halb vier vorziehen und bekamen einen Gregor-Gysi-großen Studenten mit sehr heller Stimme und einer Billigkutte, die er für drei Euro bei Aldi erstanden haben musste. Sie war zu kurz, und darunter lugten schlierige, ausgelatschte Turnschuhe hervor. "Wisst Ihr denn, wer ich bin?", piepste er zu allem Überfluss.
Letztes Jahr dann der Höhepunkt. Der Typ vom Weihnachtsmannservice war noch okay gewesen, abgesehen vom sehr breiten Hamburger Akzent. Am nächsten Tag aber besuchten wir meine Eltern in Offenau, und plötzlich sagte meine Mutter, sie müsse sich um die Gans kümmern. Da klopfte es schon an die Terrassentür, und ein Weihnachtsmann trat ein, der verdächtig nach einer sehr kleinen Weihnachtsfrau aussah. "Äh, Weihnachtsmann", sagte Lukas, "du warst doch gestern schon da!" - "Nun, nun", meine Mutter presste ihre Stimme nach unten, "mir waren da noch ein paar Geschenke vom Schlitten gefallen..." Da musste selbst Lina losprusten. Und Eva und ich beschlossen: Jetzt ist Schluss. Leo wird sieben, nächstes Mal feiern wir ohne.
Letzte Woche erzählte Leo, dass er sich eine Uhr zu Weihnachten wünsche, dabei hatten wir längst das Lego-Raumschiff besorgt, das er sich Mitte November ge-wünscht hatte. "Mal sehen, ob der Weih-nachtsmann das noch besorgen kann", wiegelte ich ab. "Haha, der Weihnachtsmann!", lachte Leo. "Papa, ich glaub doch nicht mehr an den Weihnachtsmann!" - "Weiß ich doch", sagte ich. "Deshalb wird er dieses Jahr auch nicht mehr kommen." - "Wieso das denn?" Leo sah mich entsetzt an. "Weil er nur zu den Kindern kommt, die auch an ihn glauben." Leo guckte auf seinen Teller. "Äh, Papa - kein Weihnachtsmann?" - "Leo, wenn hier niemand mehr an ihn glaubt..." Eine Träne lief ihm die Wange runter. "Ihr wollt mich erpressen! Dass ich an den Weihnachtsmann glauben soll!" - "Leo..." - "Weil er sonst nicht mehr kommt. Und dann krieg ich gar nichts mehr geschenkt!" Er schmiss seinen Löffel hin. "Aber Leo, natürlich kriegst du was geschenkt..." - "Ja, vielleicht irgendein dummes Bild von Lina. Toll! Die richtigen Geschenke bringt doch der Weihnachtsmann!" Er rannte heulend in sein Zimmer. Die Hauptgeschenke hatten wir immer dem Mietweihnachtsmann in den Sack gelegt. "Ich mal dem gar kein Bild mehr, dem Dummi", murmelte Lina.

"Schwere Halsentzündung, sorry"

"Papa", sagte Leo, als ich ihn zu Bett brachte, "einmal soll der Weihnachtsmann noch kommen. Ein einziges Mal. Damit ich ihm ein Abschiedsgeschenk geben kann!" Ich rief sofort den Weihnachtsmannservice an. Die Frau am anderen Ende lachte trocken. "Dieses Jahr? Da haben wir noch einen Termin um halb eins mittags. Oder um Mitternacht." - "Und wenn ich mehr zahle?" Aufgelegt. Ich rief meinen besten Freund Ole an. Er ist 1,90 groß und hat keine Kinder. "Aber Sören", jammerte er, "ich war mit Leo letztens erst in der Stadt. Der erkennt mich doch!"- "Quatsch. Doch nicht in dem Kostüm." - "Marie will mit mir zu ihren Eltern." - "Marie findet die Idee süß. Ich hab schon mit ihr gesprochen. Du bist perfekt. Heiligabend 17 Uhr!" Ich legte schnell auf, ehe er widersprechen konnte.
23.12., 22 Uhr. Ole rief an. "Mich hat’s erwischt", röchelte er. "Marie hat mich angesteckt. Schwere Halsentzündung, sorry". Er legte ganz schnell auf. "Wer war das?", fragte Lukas. "Der Weihnachtsmann. Er kann nicht." - "Geht ja gar nicht", sagte Lukas, "Leo rechnet fest damit. Und du hast es ihm versprochen!" Ich nickte. Und ging zu Eva. "Dann machst du das eben!", bestimmte sie. "Ich kann nicht!", sagte ich. "Dann geh hin und sag’s ihm!", sagte Eva.
Ich schlich in Leos Zimmer. Und gestand ihm die Wahrheit: Kein Weihnachtsmann dieses Jahr. "Hahaha!", lachte er, "den Trick kenn ich von Omi Christa! Du willst mich nur reinlegen!" - "Nein, mein Spatz", sagte ich, "es ist wirklich..." - "Keine Chance, Papa!", kicherte er. "Ich durch-schau dich! Bis morgen!"

"Hier ist ein Kind"

Heiligabend. Baumschmücken, Miracoli essen, Spazierengehen. Um fünf entzündet Eva die Kerzen am Baum. "Und jetzt singen wir einfach so lange, bis er kommt!", strahlt Leo. Lina freut sich, weil sie so gerne singt. Lukas hat vorsorglich den Arm um seinen kleinen Bruder gelegt. Wir singen das ganze Buch durch. Um halb sechs sagt Eva: "So, und nun können wir ja mal mit Auspacken anfangen..." - "Nein!", flüstert Leo. "Erst muss doch der Weihnachtsmann kommen!" Eva will Leo in den Arm nehmen. Da klopft es. "Jaa!", jubelt Leo und rennt zur Tür. Öffnet. Und bittet ihn herein. "Hier ist ein Kind", brummt der Weihnachtsmann, "das sich von mir verabschieden will?" - "Genau!", piepst Leo. Eva und ich sehen uns ungläubig an. Ole ist das nicht. Auch niemand aus der Familie. "Dabei hattest du mit einigen meiner Assistenten ja wirklich Pech. Einer wollte Bier. Einer trug hässliche Turnschuhe. Und einer war gar eine Frau." Hä? Woher weiß er das alles? "Aber heute", sagt er weihevoll, "bin ich selbst gekommen. Nun sag mir mal dein Gedicht auf." Leo schluckt. "Kiek an, wat is de Himmel so rod", beginnt er zitternd. Mein Vater hat es ihm letzte Woche am Telefon beigebracht. Lina sagt Vom drauß vom Walde auf. Lukas wird verschont. "Dafür bekommt Ihr jetzt ein Ü-Ei", brummt der Weihnachtsmann. "Der echte Weih-nachtsmann hat nämlich kein Geld." Leo lacht glucksend und rennt in sein Zimmer. Eva sieht mich fragend an. Lukas guckt in den Baum. Und lächelt ganz leicht. Da sehe ich, dass der Weihnachtsmann teure italienische Schuhe trägt. Wie sonst nur Eduardo. Lukas bester Freund. Ein Sizilianer. Leo kommt angerannt. "Für dich, lieber Weihnachtsmann!" Er drückt ihm ein riesiges, selbstgemaltes Bild in die Hand: Sechs Strichmännchen vor einer Tanne. Das war’s, denke ich. Mein jüngstes Kind verlässt seine Zauberwelt. Mir kommen die Tränen, aber ich schlucke sie schnell runter.
Der Weihnachtsmann geht. Wir machen Bescherung und essen Hot Dog. Spätabends bringen Lukas und ich das Altpapier weg. "Na, was hast du ihm bezahlt?", frage ich Lukas. "Edu? Der mag Leo doch total." - "Gar nichts?", frage ich. Lukas grinst. "Na gut. Ein Sixpack." Und ich denke: Wenn Lukas mal Kinder hat, werden die auch jedes Jahr diesen Besuch bekommen. Wenn man schon Atheist ist, sollte man wenigstens an den Weihnachtsmann glauben.

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