Hamburger Alster-Spektakel : "Die Schwäne sind weg - der Winter ist da"

'Schwanenvater' seit 13 Jahren: Olaf Nieß. Foto: dpa
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"Schwanenvater" seit 13 Jahren: Olaf Nieß. Foto: dpa

"Das Herz der Hamburger hängt an den Schwänen", weiß "Schwanenvater" Olaf Nieß. Seit 13 Jahren sorgt er für die Vögel auf der Alster. Sie sind nun wieder im Winterquartier.

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18. November 2008, 07:37 Uhr

Husch husch ins Körbchen! Alljährliches Spektakel in der "Wohnstube" der Hamburger: Am Montagvormittag wurde die "Alsterflotte" in ihr Winterquartier gebracht. "Schwanenvater" Olaf Nieß und sein Team trieben die Vögel in der Schleuse vor dem Rathaus zusammen, fingen sie ein und schipperten sie in zwei mit Stroh gepolsterten Booten ins Winterquartier. Die Schwäne überwintern traditionell im künstlich eisfrei gehaltenen Mühlenteich in Hamburg-Eppendorf und werden dort von Olaf Nieß betreut.
Der Revierjagdmeister sitzt auf dem wohl ältesten Behördenplatz der Welt, seine Planstelle im "Hamburger Schwanenwesen" gibt es schon seit 1674. Es ist der Wunschtraum jedes Polizisten: Kaum schlagen dreiste Tierdiebe zu, kaum wirkt ein Schwan kränklich, kaum sind irgendwo im weitverzweigten Kanalnetz Jungtiere geschlüpft, wird Nieß alarmiert. "Das Herz der Hamburger hängt an den Schwänen, wir kriegen überall Informationen her", erzählt der 41-Jährige schmunzelnd. "Das ist ein absolut engmaschiges Netz." Büroangestellte haben in ihren Pausen einen Blick auf die weiß gefiederten Vögel, Jogger und Anwohner passen auf, dass ihnen niemand etwas zuleide tut.
Für großen Wirbel sorgen die Schwäne mindestens zwei Mal im Jahr: Im Herbst, wenn Nieß und seine Kollegen die Tiere in Boote setzen und in ihr Winterquartier im Stadtteil Eppendorf bringen. Und im Frühjahr, wenn sie wieder zurück dürfen auf die Alster. Das Winterquartier sei zwar "eine traditionelle Sache", habe aber auch heute noch Sinn, erklärt Nieß. "Die Schwäne würden sonst bei Kälte im Innenstadtverkehr marschieren, dann hätten wir Notfalleinsätze wie in anderen Städten." Weil die Alster von außen nach innen zufriert, könnten entkräftete Tiere zudem in der Mitte des Sees sterben.
Das "Schwanenwesen" kümmert sich um alle Wildtiere
Das Amt als "Schwanenvater" ist für Nieß der absolute Traumjob. Wenn er von seinen Einsätzen erzählt, ist Begeisterung zu spüren: Ob es um den Hirsch geht, der sich im Hamburger Hafen verirrte und stundenlang gejagt werden musste. Oder das Reh, das in der historischen Speicherstadt im Schlamm feststeckte. Das Hamburger Schwanenwesen kümmert sich - trotz seines Namens - nicht nur um die Vögel, sondern generell um Wildtiere. "Schwerpunkt der Einsätze sind nicht die klassischen Alsterschwäne, sondern Unfälle mit Wildtieren."
Das Klischee, dass er mit Boot und weißer Mütze auf der Alster herumschippert, kann Nieß inzwischen nicht mehr hören. "Wenn man an einem Tag den dritten blutverschmierten Schwan hat, ist die Romantik dahin." Das ist die Kehrseite seines Jobs - auch mit Tierquälerei, Schussverletzungen und Ölunfällen hat der 41-Jährige zu tun. Auf der Internetseite des Schwanenwesens sind dazu drastische Fotos zu sehen. Gerade bei Nässe muss sich Nieß zudem um zahlreiche "Flugunfälle" kümmern: Gänse, Enten und Schwäne stürzten dann "wie Albatrosse" auf den Asphalt - "weil die nassen Straßen von oben aussehen wie große Teiche".
Ein großer schlanker Mann in Lederkluft
Nieß Amtsvorgänger war ausgerechnet sein Vater - der hatte die Stelle 46 Jahre lang inne. Inzwischen sitzt der Sohn in dem winzigen Büro mit den gelb gestrichenen Wänden in Eppendorf. Hamburgs "Schwanenvater" ist groß, schlank und dunkelblond, er trägt Brille und häufig Lederkluft. "Sonst sehe ich bei Matschwetter aus, als hätte ich mich zwei Wochen nicht umgezogen." Außerdem zerreißt das Leder nicht, wenn sich die Schwäne daran festkrallen.
Früher durften übrigens nur Adelige Schwäne halten. "Bürgern war es bei Todesstrafe verboten, das war ein klassisches Adelszeichen", erzählt Nieß. Erst als die Freie und Hansestadt Hamburg gegründet wurde, hätten die Bürger "als Zeichen der Gleichwertigkeit" ein eigenes Schwanenwesen bekommen. Seit dem 17. Jahrhundert stehen die Alsterschwäne unter besonderem Schutz. Der Rat der Stadt bedrohte jeden mit Strafe, der die Vögel tötete, verletzte oder auch nur beleidigte. Man glaubte, dass nur solange es in Hamburg Schwäne auf der Alster gäbe, Hamburg Hansestadt bliebe. Heute sind die Tiere beliebte Gastgeschenke der Hansestadt: Als elegante Botschafter Hamburgs ziehen sie etwa auch in japanischen, türkischen und brasilianischen Gewässern ihre Kreise.
Ölverschmutzung: Einige Tiere kamen schon vor Wochen ins Winterquartier

Schwäne hält der 41-Jährige für "interessante Charaktere": "Sie sind sehr familienbetont, völlig ausgeglichen, lassen sich durch nichts aus der Ruhe bringen." Auch Nieß sehnt sich in seiner Freizeit vor allem nach Ruhe - wenn er nicht gerade schwimmt, Fahrrad fährt, mit seinen Hunden durch den Wald streunt oder mit seinen beiden Kindern herumblödelt. "Ich bin definitiv nicht der klassische Briefmarkensammler."
Rund 120 dieser Tiere leben auf der Alster, etwa die Hälfte musste in diesem Jahr wegen einer Ölverschmutzung auf der Binnenalster schon früher umziehen. Jetzt war der Rest an der Reihe. "Wenn die Schwäne weg sind, weiß man immer, dass der Winter jetzt da ist", sagte eine Zuschauerin. Nicht alle Vögel wollten freiwillig umziehen. Ein eigensinniges Tier flog Olaf Nieß unter energischem Gequake davon, doch der "Schwanenvater" wird den Ausreißer in den nächsten Tagen holen und zu seinen Artgenossen in den Mühlenteich bringen.

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