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Hamburg 1945 : Die ermordeten Kinder vom Bullenhuser Damm

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Hamburg vor 70 Jahren: 20 jüdische Kinder werden in eine Schule gebracht, nachts - und ermordet. Niemand soll wissen, dass mit ihnen im KZ Neuengamme medizinische Experimente gemacht wurden.

Hamburg | Teddys, Kuscheltiere und beschriftete Steine liegen vor einer Gedenkinschrift für 20 jüdische Kinder im Keller einer ehemaligen Schule in Hamburg-Rothenburgsort. Vor 70 Jahren, nur wenige Tage vor der Befreiung Hamburgs durch britische Truppen, ermordeten hier SS-Leute die zehn Jungen und zehn Mädchen im Alter von fünf bis zwölf Jahren. In derselben Nacht brachten die SS-Männer auch die vier Betreuer der Kinder sowie 24 sowjetische Kriegsgefangene um. Die Kinder hatte der SS-Arzt Kurt Heißmeyer zu medizinischen Versuchen aus Auschwitz in das Konzentrationslager Neuengamme bringen lassen. Vor der Einnahme Hamburgs durch die Briten wollten die Nazi-Verbrecher ihre Spuren verwischen.

Die Kinder wurden in der Nacht zum 21. April 1945 mit einem Lastwagen aus Neuengamme in die Schule am Bullenhuser Damm gebracht, die in dem zerbombten Stadtviertel als Außenstelle des KZ diente. Im Keller mussten sich die Jungen und Mädchen ausziehen, Lagerarzt Alfred Trzebinski gab jedem Kind eine Morphiumspritze, dann hängte man sie an Haken an der Wand auf. SS-Mann Johann Frahm erklärte später in einem Verhör, er habe sich mit seinem ganzen Körpergewicht an die Kinder hängen müssen, damit sich die Schlinge um den Hals zuzog. Die Leichen wurden im Krematorium von Neuengamme verbrannt.

Die Morde blieben nicht verborgen. Sechs der Täter wurden 1946 in den sogenannten Curiohaus-Prozessen von einem britischen Militärgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet. Heißmeyer, der die Kinder mit TBC-Erregern infiziert hatte, konnte bis 1964 unerkannt als Lungenarzt in der DDR praktizieren. 1966 wurde er vom Bezirksgericht Magdeburg zu lebenslanger Haft verurteilt. Nur der SS-Mann Arnold Strippel, nach Aussagen im Curiohaus-Prozess ein Mittäter, musste nie für das Verbrechen büßen, obwohl er wegen anderer Morde im KZ viele Jahre im Gefängnis saß. Die Hamburger Rechtsanwältin Barbara Hüsing, die Strippel 1979 noch einmal vor Gericht zu bringen versuchte, meint im Rückblick: „Die bundesdeutsche Justiz ist ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden.“ Das Gedenken an den Kindermord entwickelte sich zögerlich. Zunächst kamen alljährlich ehemalige Neuengamme-Häftlinge in die Schule zu einem Gedenken, wie die Kuratorin der Gedenkstätte, Iris Groschek, erklärt. In der 1948 wiedereröffneten Schule selbst habe man den Schülern von dem Geschehen nichts erzählen wollen. Ehemalige Schüler hätten jedoch berichtet, dass alle von dem Massaker im Keller mit einem gewissen „Gruselfaktor“ erfahren hätten.

Die heutige Gedenkstätte verdankt ihre Existenz ganz wesentlich den Bemühungen des Journalisten Günther Schwarberg (1926-2008). Er griff 1979 den Mord an den Kindern in einer Artikelserie für den „Stern“ auf. Dank seiner hartnäckigen Recherchen wurden die Namen und viele biografische Details der Opfer bekannt. Zusammen mit Angehörigen der Opfer gründete er die Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm.

Die städtische KZ-Gedenkstätte Neuengamme, die den Gedenkort in Rothenburgsort schließlich übernahm, ließ die Kellerräume der seit 1987 geschlossenen Schule neu gestalten. Seit 2011 gibt es eine Ausstellung, die sich vor allem an junge Besucher wendet. In einem Kreis angeordnet liegen farbig gestaltete symbolische Koffer mit Informationen über die ermordeten Kinder und Bildern aus ihren Familien. „Wir zeigen sie bewusst nicht als Opfer“, sagt Groschek.

Von den fast 5700 Besuchern der Gedenkstätte waren im vergangenen Jahr mehr als 3000 Jugendliche. An den 125 Führungen nahmen vor allem Schulklassen teil. Manche Schüler kämen „wahnsinnig gut vorbereitet“, andere hätten noch nie etwas vom Holocaust gehört, berichtet Nicole Heinicke von der Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm. Der Gang in die kahlen, weiß getünchten Taträume sei für jeden Besucher aufwühlend. „Mehr Emotion braucht man nicht“, sagt Heinicke.

Die jungen Besucher prägen auch die Art des Gedenkens. Nicht nur die Kuscheltiere und ein Rosengarten am Rande des Schulhofs zeugen von echter Trauer. Im eigentlichen Tatraum ist stets eine Kunstinstallation einer Schule zu sehen, derzeit ein schwebender „Erinnerungsbaum“ mit kolorierten Karten und Fotos der Opfer, der von der Goethe-Schule Harburg gestaltet wurde. „Der einzige Zweck, den Kunst an diesem Ort haben kann, ist Trost zu geben“, zitiert Groschek eine Schülerin.

Bereits 1982 hatte die aus Radom in Polen stammende Rose Grumelin-Witonska, deren Kinder Eleonora (5) und Roman (6) ermordet wurden, Schwarberg in einem Interview gesagt: „Ich habe den Eindruck, dass ich am Begräbnisort meiner Kinder bin.“ Zu der Gedenkfeier zum 70. Jahrestag des Verbrechens werden am Bullenhuser Damm mehrere Angehörige der ermordeten Kinder aus Israel, Frankreich, Italien und den USA erwartet. Bereits drei Tage vorher treffen sich rund 50 Jugendliche aus Frankreich, Italien, Polen, den Niederlanden und Deutschland zu einem Workshop.

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erstellt am 17.Apr.2015 | 10:36 Uhr

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