zur Navigation springen

Tobi Schlegl im Interview : "Die Arschlöcher sichern mir den Job"

vom

Satire, Kultur, Klamauk: Der gebürtige Hamburger Tobias Schlegl gehört zu den vielseitigsten Talenten im deutschen Fernsehen.

shz.de von
erstellt am 08.Sep.2013 | 09:00 Uhr

Herr Schlegl, wo ist die Kamera versteckt?
(lacht) Gute Frage, aber ich kann Sie beruhigen, es gibt heute keine versteckte Kamera. Wobei: Man sollte sich niemals sicher fühlen. Wir haben tatsächlich auch hier schon mit versteckter Kamera gedreht.

Wenn mich einer von "Ganz schön dreist" zum Interview auf einen Bio-Bauernhof in Schleswig-Holstein lotst und gerade eine neue Staffel ansteht, könnte ja eine versteckte Kamera im Spiel sein.
Zum Glück denken nicht viele Menschen so wie Sie. Die meisten sind vertrauensseliger und nicht so skeptisch. Sonst hätten wir es viel schwerer.

Aber warum treffen wir uns dann hier und nicht in Hamburg?
Das ist ein ganz besonderer Ort für mich. Erstens kaufe ich hier gerne ein, weil ich mir mal gesagt habe: Bevor Du mit Deinem nackten schmutzigen Finger auf andere zeigst, denen etwas vorwirfst und Missstände aufdeckst, musst Du erst mal Dein eigenes Leben überprüfen. Und da ist Konsum, gerade der von Lebensmitteln, ein ganz wichtiger Punkt. Das hier ist nicht nur ein Bio-Bauernhof, sondern sogar ein demeter-Bauernhof, besser geht’s also gar nicht. Ich brauche keine Statussymbole, aber dafür gönne ich mir demeter-Produkte.

Die können Sie doch auch in Hamburg kaufen.
Ja, aber hier kann ich auch mal richtig runterkommen. Gerade wenn ich mich einlesen und Ideen sammeln will, tut es mir einfach gut, hier zu sein. Das ist immer ein zweistündiger Kurzurlaub, der sich wie sechs Stunden oder ein ganzer Tag anfühlt. Ich komme mit der Bahn, bringe mein Fahrrad mit und bin dann ganz schnell hier.

Bereiten Sie auch alles zu, was Sie einkaufen, oder kaufen Sie ein und lassen kochen?
Ich hab ja mal die allererste Kochsendung für jüngere Menschen ins Leben gerufen, das muss 2001 gewesen sein. „Das jüngste Gericht“ hieß das damals, und das Prinzip war: Wir kochen einfach mal drauflos. Wir nannten das damals Rock’n’Roll-Kochen – wir hatten Produkte und haben damit rumprobiert. Der Weg war das Ziel, auch wenn es manchmal nicht schmeckte, was hinten rauskam. Ein Highlight war die Möhrensuppe mit Helge Schneider – der Weg war unfassbar amüsant, das Ergebnis konnte man nicht mal den Kameraleuten vorsetzen, die sich sonst auf alles stürzen, was da rumliegt und essbar ist.

Sie sind Vegetarier?
Ja, und dieser Hof hier hat jede Menge Vegetarier- und vegane Produkte. Hier gibt es Fleischersatz, bei dem, wenn ich ihn jetzt anbraten würde, Sie nicht herausfinden, ob es eine Wurst ist oder nicht.

Kommen Sie mir jetzt nicht mit Tofu.
Nein, Tofu ist nicht so dolle, ganz ehrlich. Schmeckt wie ein Schwamm. Das kann man essen, ist aber unangenehm. Die Weiterentwicklung ist Seitan, das ist Weizeneiweiß.

Lecker.
Ja, wirklich. Das hat die Konsistenz von Fleisch, und schmeckt, richtig gewürzt, auch so. Meine Eltern sind echte Bratwurst-Fans, denen habe ich Seitan-Würstchen vorgesetzt, und sie haben den Unterschied nicht bemerkt. Die waren richtig schockiert, als sie erfahren haben, dass das gar kein richtiges Würstchen war. Für mich war es eine diebische Freude. Es gibt sogar Gyros und Rouladen aus Seitan.

Bei der ganzen Arbeit und Hektik, die Sie haben, könnte man auch meinen, dass Sie sich von Currywurst, Pizza und Tütensuppe ernähren.
Das kenne ich auch. Als Musiker auf Tour, oder wenn ich jetzt auf einer Wahlkampfveranstaltung bin, auf Frau Merkel warte und nur zwei oder drei Sekunden für meinen Einsatz habe. Da kann man sich keine Seitan-Wurst braten. Aber man kann sich vorher ein paar Stullen schmieren, wie zu Schulzeiten. Sonst frisst Du nur Dreck. Ich habe gerade von einem Mann gelesen, der keine Zeit mehr mit essen verschwenden will, sondern nur noch trinkt. Er hat Proteine, Kohlenhydrate und Vitamine in seinem Drink und sich das ärztlich absegnen lassen. Diese Brühe trinkt er dreimal am Tag und muss nicht mehr essen. Ich finde: Ein bisschen Genuss darf schon sein.

Wie ist Gerhard Schröder als Kanzler damals darauf gekommen, Sie in den Rat für Nachhaltigkeit zu berufen?
Das fragen Sie besser mal ihn, ich selbst habe damals auch ein großes Fragezeichen ausgestellt. Ich denke mal, die haben ein jugendliches Gesicht gesucht, das mit Medien zu tun hat, nicht komplett auf den Kopf gefallen und ein bisschen engagiert ist. Ich habe damals Festivals gegen rechts organisiert, und das haben die wohl mitbekommen.

Und wie war’s? Sie haben immerhin drei Jahre dazugehört.
Ich habe mich wie ein journalistischer Spion gefühlt, dem man eine Tür aufgestoßen hat, die ansonsten immer verschlossen ist. Aber da hat mich auch das Thema Nachhaltigkeit, Zukunftsfähigkeit, grünes Denken richtig gepackt. Ich habe mich zeitweise gefühlt wie bei einem privaten Kanzlerduell – man saß mit zehn Leuten an einem Tisch, hier saß Frau Merkel, die damals ja noch keine Kanzlerin war – und dort saß Herr Steinmeier, der damals Schröders rechte und linke Hand im Kanzleramt war. Das war spannend, und ich hab mich da richtig reingeklemmt, Akten gewälzt und Einblicke gewonnen. Das war mein privates Nachhaltigkeitsstudium.

Sind Sie ein Weltverbesserer?
Das klingt immer gleich so missionarisch, das will ich überhaupt nicht. Ich sehe mich eher als Gegenwartskämpfer, ich will Missstände aufdecken, aber die Konsequenzen daraus muss jeder für sich selbst ziehen.

Sie haben mal gesagt, "Die Arschlöcher sind immer in der Mehrzahl".
(lacht) Damit hätten wir vielleicht die Headline: Die Arschlöcher sichern mir den Job. Als Journalist und Satiriker, der immer gegen das Schlechte in der Welt anrennt, bin ich ja geradezu angewiesen auf die Arschlöcher. Aber ich würde lieber tauschen gegen eine gute Welt, in der ich arbeitslos bin oder aber hier auf diesem Hof arbeiten würde.

Jetzt mal weg von der ganzen Correctness: Sie tragen Turnschuhe, die vermutlich in Asien von Kindern, aber zumindest in Billiglohnarbeit gefertigt wurden.
100 Prozent Correctness geht irgendwie nicht. Da müsste man langhaarig, verrückt und nackt rumlaufen. Ich glaube, dass ich mein Leben ganz gut aufgeräumt habe, bevor ich jetzt andere kritisiere. Ich habe einiges überprüft und hingeschmissen, aber das wirklich in jedem Bereich hundertprozentig umzusetzen, ist nahezu unmöglich.

Sie haben kürzlich mal angedroht, aus lauter Protest die bibeltreuen Christen zu wählen. Was nervt Sie so am Wahlkampf?
Sind wir noch im Wahlkampf? Ja, stimmt, fast hätte ich’s vergessen. Das Grundgefühl ist ja, dass die Wahl eigentlich gelaufen ist und das alles jetzt nur ein Ritual ist. Es gibt keinen wirklichen Wahlkampf, und das regt mich am meisten auf. Ich war gerade bei einer Veranstaltung von Frau Merkel, habe mir diese ganze Rede angehört und fand es unfassbar, wie inhaltsleer und visionslos das alles geworden ist. Zukunft ist wichtig, Kinder sind wichtig, alte Menschen sind wichtig – ich kann diese Phrasen nicht mehr hören. Alles bleibt so unscharf.

Sie waren doch sicher nicht nur zum Zuhören da?
Nein, wir haben ein Zeichen gesetzt und in Winsen an der Luhe nicht einen Flashmob, sondern einen Schnarchmob veranstaltet. Wir sind auf Kommando alle gleichzeitig zu Boden gesunken und eingeschlafen. Es gibt ja unfassbar viele Herausforderungen, aber das Härteste ist wirklich, eine einstündige, inhaltsleere Rede von Frau Merkel durchzuhalten. Dazu wollten wir ein Zeichen setzen.

Stefan Raab hat wie Sie bei VIVA angefangen, jetzt hat er das TV-Duell mit moderiert. Wie fanden Sie ihn?
Der hat einen guten Job gemacht. Meine Anerkennung.

Welche Fragen hätten Sie an seiner Stelle gestellt?
Da die Kandidaten eh nicht auf die Fragen antworten, sondern sagen, was sie wollen, ist das egal. Bei auswendig gelernten und antrainierten Phrasen hilft selbst die originellste Frage nichts.

Würden Sie auch gern mal ein TV-Duell mit moderieren?
(lacht) Ich hätte jedenfalls keine Angst davor.

Aha, bei "Aspekte" hat man also ältere Damen als Fans.
Zum Teil. Aber auch Herren, die älter sind, aber der Satire und Kultur gegenüber nicht verschlossen. Es gibt aber auch jüngere Zuschauer, die merken, dass sich da was tut und es einen kleinen Umbruch gibt. Da gibt es nicht nur die belehrende Kultur, sondern sowohl das Intellektuelle als auch das Unterhaltsame. Bei „extra3“ war es übrigens so, dass hauptsächlich auch die älteren Damen und jungen Studenten geguckt haben.

Haben Sie noch einen Moderationstraum? Vielleicht "Wetten, dass…?" oder die "Tagesthemen"?
Der Werdegang von VIVA zu "Aspekte" ist schon so skurril, das ich mir da gar nicht mehr wünschen oder ausmalen kann. Ich bin total froh, dass ich journalistisch arbeiten darf und das politische Feld jetzt auch noch kulturell erweitern konnte: Literatur, Filme, da kommt ja so viel zusammen. Da tut sich ein riesiges Universum auf und ich finde es auch schön, dass nicht jeder Satz ein Gag sein muss. Das ist regelrecht befreiend.

Immer wenn man denkt, jetzt will der Schlegl richtig seriös werden, kommt so ein Format wie "Ganz schön dreist". Ist das die Sendung für das Kind im Manne?
Es ist mein Ventil. Die linke und die rechte Brust kämpfen in mir. Da gibt es den ernsthaften Kern, der immer größer und engagierter geworden ist. Aber es gibt auch eine Seite in mir, die unterhalten und Spaß haben will. Und ich habe bei „Ganz schön dreist“ die komplette Freiheit. Bei "Aspekte" feilt man an den Worten, bei "Ganz schön dreist" macht man einfach und rotzt es ein bisschen hin. Ich mag die Kombination, dass ich das eine tun kann und das andere nicht lassen muss.

Was ist an "Ganz schön dreist" eigentlich anders als an "Verstehen Sie Spaß?" – man nimmt Leute auf den Arm und filmt sie mit versteckter Kamera?
Das stimmt, wobei natürlich auch "Verstehen Sie Spaß?" die versteckte Kamera nicht erfunden hat und sie bei uns nicht immer versteckt ist. Ich finde unsere Nummern subtiler, kantiger und noch mal eine Spur dreister.

Und ich finde, dass man ganz schön blöd sein muss, um auf "Ganz schön dreist" reinzufallen. Wenn Sie als TÜV-Prüfer die Farbe des Autos bemängeln, würde ich mich sofort nach einer versteckten Kamera umsehen.
Sie glauben es nicht: Mit der TÜV-Nummer hatten wir fast eine hundertprozentige Trefferquote. Da gab es keinen, der das verweigert oder sofort aufgedeckt hätte. Es ist natürlich auch eine gemeine Situation: Die Leute wollen die TÜV-Plakette und denken, ich wäre der TÜV-Prüfer. Bevor da jemand den Mund aufmacht, kann ich schon mal meine Spielchen treiben.

Die Unterwürfigkeit der Leute ist fast zum Fremdschämen.
Natürlich. Es ist zwar in erster Linie Unterhaltung, aber da steckt auch ein Warnhinweis drin: Leute, hinterfragt, lasst Euch nicht alles erzählen, nicht alles andrehen.

Bei "extra 3" ist der Spaß auch auf Ihrer Seite, Politiker finden Ihre Aktionen wohl kaum so witzig.
Deswegen ist es auch im Gegensatz zu "Ganz schön dreist" ganz wichtig, dass jeder Film eine politische Kernaussage hat. Er darf nicht nur zum Spaß da sein, sonst wär’s ja Unterhaltung oder im schlimmsten Fall plumpe Comedy. Es muss ein Missstand da sein, den man aufdeckt oder satirisch verarbeitet. Das ist auch meine Antriebsfeder: Der Satiriker ist zornig und wütend. Wenn mich etwas sauer macht, bin ich Überzeugungstäter, und dann habe ich auch keine Angst, mich vor Bahnchef Grube fast nackig auszuziehen.

Welcher Politiker war denn Ihretwegen so richtig zornig und wütend?
Das waren einige, oha. Die meisten sind medienmäßig mittlerweile so geschult, dass sie einfach nur vorbeigehen, vorbeirasen. Richtig sauer aber war Stefan Mappus, damals Ministerpräsident in Baden-Württemberg. Er hatte diesen Polizeieinsatz bei "Stuttgart 21" veranlasst, und ich habe ihm dafür den "Goldenen Knüppel" verliehen. Da ist ihm wirklich die Kinnlade runtergefallen. Und in seinem Gesicht konnte man lesen: Das ist jetzt nicht wahr. Wieso darf der mich jetzt hier ansprechen, warum hat das keiner verhindert? Das war herrlich.

Am 30. September haben Sie Geburtstag – was wünschen Sie sich?
Da ist die Bundestagswahl ja schon gelaufen, da kann man sich nichts mehr wünschen. Dann ist wahrscheinlich alles zu spät. Aber ich wünsche mir manchmal mehr Zeit, hier auf diesem Bio-Bauernhof sein zu dürfen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen