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Nach Tod von Sigfried Lenz : „Deutschstunde“ im Hamburger Thalia Theater uraufgeführt

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Hommage an einen großen Schriftsteller: Sechs Wochen nach dem Tod von Siegfried Lenz wird am Hamburger Thalia Theater eine Bühnenfassung des Erfolgsromans „Deutschstunde“ uraufgeführt - als Kammerspiel.

Hamburg | Das Epische der für ihre norddeutschen Landschaftsbeschreibungen bekannten „Deutschstunde“ muss zwangsläufig wegfallen: Aus dem 500-Seiten-Roman von Siegfried Lenz hat der preisgekrönte niederländische Regisseur und Intendant der Münchner Kammerspiele, Johan Simons (68), am Hamburger Thalia Theater ein Kammerspiel gemacht: ein psychologisches Hochkonzentrat, das die Seelennöte der Menschen wie im Labor seziert.

 Das Publikum nahm die Uraufführung am Samstag - sechs Wochen nach dem Tod von Lenz - spürbar betroffen auf. Erst nach Sekunden der Stille setzte freundlicher, langer Applaus ein. Kreischen von Möwen ist (vom Band) zu hören, die Bühne ist dunkel - so beginnt die Inszenierung. Siggi Jeppsen (Jörg Pohl) sitzt mit einer Kerze in der Hand auf der Bühne, sagt, „sie haben mir eine Strafarbeit gegeben“, er muss im Arrest in einer Jugendstrafanstalt einen Aufsatz schreiben über „Die Freuden der Pflicht“.

Dann hellt das ungewöhnliche Bühnenbild auf, das in den nächsten zwei Stunden den intensiven Abend prägen wird. Meterhohe Spiegelwände begrenzen von drei Seiten die dunkel gehaltene Bühne. In der Mitte, hell ausgeleuchtet, bildet eine von allen Seiten schräge Holzkonstruktion die Spielfläche für die Schauspieler: In V-Form sind zwei lange Holzwände gestaltet, die Rückfront bildet eine weitere nach hinten schräge Wand. Aufgehängt ist die Konstruktion von oben nach unten an einer Hydraulik, die die Konstruktion ein einziges Mal wie in Zeitlupe gerade werden lässt - bei einer Vision des Dorfpolizisten Jens Ole Jepsen, dass das Meer die Bomben und Schrecken des Krieges einfach schluckt. Was soll die Holzkonstruktion darstellen? Die Arrestzelle, in der Siggi Jepsen seine Erinnerungen an die von pervertiertem Pflichtgefühl und Ideologie getränkte NS-Zeit sich von der Seele schreibt? Oder soll es Chiffre sein für das Leben in einem Dorf als Welt, der man nicht entrinnen kann? Auch ein Boot mit all seinen Implikationen ist vorstellbar, aber auch die Assoziation eines aufgeschlagenen Buches können die Holzwände wecken.

„Das Bühnenbild ist ein Kampf. Aber diese Figuren kämpfen auch alle mit sich selbst“, sagt Simons, diesjähriger Gewinner des Deutschen Theaterpreises, im Interview des Programmheftes. „Sie haben keinen festen Halt, und sie entkommen weder sich selbst noch den anderen.“ Wie auf Gemälden arrangiert der Regisseur die sieben Darsteller immer wieder neu. Einige liegen still in Embryohaltung oder suchen aneinandergereiht menschliche Nähe, mal breiten manche, an eine Wand gelehnt, die Arme aus wie der Gekreuzigte, während andere heftig streiten. Die durchweg überragenden Schauspieler überzeugen nicht nur durch Mimik und sprachliche Ausdruckskraft. Immer wieder rutschen sie sausend von den schrägen Wänden, nach unten. Oder sie klettern die Wände hoch, um (vergeblich) Situationen zu entkommen. Gerade stehen, der aufrechte Gang, ist nicht möglich. Siegfried Lenz hat 1968, in der Zeit der Studentenrevolte, die sich auch gegen das Schweigen der Väter über die NS-Zeit richtete, seine „Deutschstunde“ veröffentlicht. Darin geht es um persönliche Verantwortung und Schuld, um ein Vater-Sohn-Verhältnis, um Ausgrenzung durch ideologische Verblendung.

Der Dorfpolizist Ole Jepsen setzt im Krieg ein Malverbot gegen den seit Jugendzeiten mit ihm befreundeten Maler Max Ludwig Nansen (Sebastian Rudolph) aus Pflicht durch - und das auch noch weit über das Kriegsende hinaus. Der Sohn Siggi steht zwischen beiden. Sein Bruder Klaas (Seabstian Zimmler) hat sich verstümmelt - er will dem Kriegsdienst entrinnen - und wird von den Eltern verstoßen. Hilke (Franziska Hartmann), die Schwester, soll sich vom Verlobten, dem Epileptiker Addi (Ferdinand Reinsch) trennen („wir brauchen keinen Kranken in der Familie“). Dass sie sich von Nansen hat malen lasssen für das Bild „Die Wellentänzerin“, empfinden die Eltern als ehrverletzend für die ganze Familie.

Simons vergibt keine Schuldzuweisungen. Er versucht, auch die Täter - hier vor allem den Dorfpolizisten - als Opfer ihrer selbst zu zeigen, gefangen in Ideologie und Kleinbürgertum. Für ihn ist die „Deutschstunde“ „eine menschliche Geschichte“. „Wie das politisch gegangen ist, wissen die Deutschen besser.“ Trotz aller sprachlichen und körperlichen Schauspielkunst bleibt die Inszenierung textlastig. Simons hat mit Thalia-Dramaturgin Susanne Meister ausschließlich Passagen aus dem Roman für die Bühnenfassung verwendet. Das unvermittelte Wechseln von Themen und Problemen auf der kargen Bühne setzt beim Besucher voraus, den Roman gut zu kennen. Vielleicht weckt der Theaterabend Appetit, noch einmal das Original in die Hand zu nehmen.

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erstellt am 23.Nov.2014 | 11:05 Uhr

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