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Hamburg : „Das Wunder von Bern“ feiert Premiere im Stage-Theater

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Traumhafte Premiere: „Das Wunder von Bern“ im neuen Stage-Theater begeisterte die ersten 1800 Besucher.

shz.de von
erstellt am 24.Nov.2014 | 06:41 Uhr

Hamburg | Um es schon mal vor dem Anstoß festzuhalten: „Das Wunder von Bern“ ist kein Fußball-Musical. Es ist weit mehr. Eine bisweilen traumhafte Kombination aus Vater-Sohn-Drama, Nachkriegsdrama, Generationen-Drama und - ja auch das – jenem wundervollen Fußballdrama, an dessen Ende die deutsche Elf 1954 in der Schweiz unverhofft den Weltmeistertitel holte. All das dargebracht mit ins Ohr gehender Musik und der perfekten dramaturgischen Mischung aus Defensive und Offensive, aus Pathos und Power, Kitsch und Kicken. Mit Fußball als schönster Nebensache der Bühnenwelt.

Unter dem Jubel des Publikums hat die Eigenproduktion der Stage Entertainment am Sonntagabend in Hamburg Gala-Weltpremiere gefeiert. Mit stehenden Ovationen bejubelten die mehr als 1800 Besucher die Musical-Version des Erfolgsfilms von Sönke Wortmann.

Eng angelehnt an den Kino-Kassenschlager erzählt das Singspiel im eigens dafür erbauten Stage-Theater an der Elbe die Geschichte des elfjährigen Matthias Lubanski, Taschenträger und größter Fan von WM-Held Helmut Rahn. Als Mattes' Vater Richard aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrt, beginnt für den Steppke die schwierige Wiederannäherung. Während Ersatzvater Helmut als Rechtsaußen in der Schweiz dem Titel nachjagt, kämpfen Matthias und seine Familie im Ruhrpott gegen einen noch größeren Gegner als die schier übermächtigen Ungarn: Entfremdung, Traumata und Zukunftsängste nach der Kriegskatastrophe.

Das ist herrlich anrührend inszeniert, so wie es sich gehört für ein großes Musical. Zugleich aber auch heiter-lässig aufgelockert durch Ergänzungen des Filmstoffs. Etwa wenn Rahn, Fritz Walter und die anderen Recken im Training plötzlich zur mitreißenden Tab-Dance-Truppe werden.

Für die Balance aus schweren Gefühlen und leichter Unterhaltung sorgen die Kompositionen von Martin Lingnau, die sich mühelos ins Gefühlszentrum der Zuhörer dribbeln. Dazu beseitigen die Songtexte von Frank Ramond mit stets leicht ironischem Unterton alle Ruhrpott-Psycho-Düsternis der 50er, wenn diese erdrückend zu werden droht.

Mit reichlich Augenzwinkern gestaltet die Inszenierung von Gil Mehmert vor allem die Fußball-Episoden. So lernt das Publikum, dass Weltmeistertrainer Sepp Herberger seine unumstößlichen Weisheiten à la „ Der Ball ist rund“ einer nächtlichen Begegnung mit der Putzfrau im Mannschaftshotel verdankt. Dieser „Geist von Spiez“ mit Kopftuch und Feudel verhilft dem knurrigen Übungsleiter zur siegbringenden Lockerheit, wenn sie ihn entschieden ermahnt: „Seien sie nicht so Deutsch!“ Dazu wirbeln die Spieler als glitzernde Revue-Girls – wunderbar.

Orchester und Ensemble überzeugen auf professionellem Topniveau. Das gilt nicht zuletzt für Matthias-Darsteller Riccardo Campione (12). Nach der Medienpremiere am Samstag bekam der Hamburger Jung für seine Leistung Extraapplaus der Kollegen.

Wie in jedem guten Fußball-Match und jedem anständigen Musical muss das Publikum auch beim „Wunder von Bern“ bis zur letzten Minute warten, bis sich die finale Spannung löst. Die betrifft weniger den Ausgang des 54er-Finales, als die Frage, wie Rahns 3:2-Siegtor auf der Bühne gezeigt wird. Die Lösung beeindruckt. Die Regie versucht erst gar nicht, die historische Spielszene fußballerisch-authentisch nachzuempfinden. Vielmehr laufen die Spieler an Gurten befestigt eine Multimedia-Wand auf und ab, auf die das Fußballfeld im Trainertafel-Look projiziert ist.

Fazit nach dem Abpfiff und dem Siegerjubel: Die Produktion ist rund, ein „Wunder“ an der Elbe dauert 180 Minuten, und vermutlich ist die nächste Show immer die schönste.

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