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Prozessbeginn in Hamburg : Conergy-Manager erklären sich vor Gericht für unschuldig

vom
Aus der Onlineredaktion

Vier Männer stehen vor Gericht. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft: Bilanzfälschung. „Abwegig", sagt Firmengründer Hans-Martin Rüter dazu.

Hamburg | Die vier Angeklagten erscheinen in Schlips und Kragen im Verhandlungssaal, an ihrer Seite eine Riege namhafter Verteidiger. Mit demonstrativ breiter Brust will das Quartett ehemaliger Manager des Hamburger Solarunternehmens Conergy jene schweren Vorwürfe entkräften, die seit Dienstag vor dem Landgericht behandelt werden. Angeklagt sind drei Ex-Vorstände sowie der damalige Aufsichtsratsvorsitzende des pleite gegangenen Sonnenenergie-Konzerns.

Laut Staatsanwaltschaft haben die vier in den Jahren 2006 und 2007 nicht nur die wirtschaftlichen Probleme des einstigen Börsenlieblings verschleiert, sondern obendrein ihre privaten Conergy-Aktien abgestoßen, als sie den Kurssturz kommen sahen. Juristisch hätten sich die Männer um Firmengründer Hans-Martin Rüter der Bilanzfälschung, Marktmanipulation und des Insiderhandels schuldig gemacht. Ihnen drohen bis zu fünf Jahren Haft sowie der Verlust ihrer Aktiengewinne in Millionenhöhe.

„Wir halten die Vorwürfe für nicht gerechtfertigt“, sagte Rüter in einer geschliffenen Erklärung zum Prozessauftakt. Die kritisierte Bilanzierung für das Geschäftsjahr 2006 sei sehr wohl korrekt, „abwegig" die Vermutung, eine strittige Ad-hoc-Mitteilung im Dezember 2006 habe bewusst falsche Informationen enthalten. Auch der damalige Aufsichtsratsvorsitzende und frühere Tchibo-Vorstandschef Dieter Ammer (64) erklärte sich für unschuldig. Die ebenfalls angeklagten Ex-Manager Heiko Piossek und Nikolaus Krane wollen sich am Freitag äußern.

Ganz anders bewerten die Ankläger jene Vorgänge, mit denen vor acht Jahren der Niedergang des Solar-Pioniers begann. Laut Anklage hatte der Conergy-Vorstand mittels Bilanztricks für 2006 einen Konzerngewinn von 46 Millionen Euro ausgewiesen. In Wahrheit habe jedoch ein Minus von zwei Millionen zu Buche gestanden. Staatsanwalt Gerwin Moldenhauer: „Die Angeklagten wollten so verhindern, dass der Aktienkurs fällt und ein notwendiger 600-Millionen-Euro-Kredit nicht zustande kommt.“ Ammer als Chef des Aufsichtsrats habe um die falschen Zahlen gewusst, diese aber abgesegnet.

Die frisierte Bilanz diente laut Ankläger dem Zweck, Anlegern die Liquiditätskrise des Unternehmens zu verheimlichen. Vor der geplanten Kapitalerhöhung durch Ausgabe neuer Aktien habe die Conergy-Spitze potenzielle Käufer keinesfalls verschrecken wollen, sagte Moldenhauer, Aus demselben Grund sei der beschlossene Rauswurf des „überforderten“ Finanzvorstandes Piossek der Öffentlichkeit über Monate verschwiegen worden.

Mit ihrem Insiderwissen, so der Ankläger weiter, verkauften die vier Angeklagten Ende März 2007 große private Aktienpakete an dem Unternehmen - und machten kräftig Kasse: Rüter strich 16,4 Millionen Euro ein, Krane 13,9 Millionen, Ammer 10,9 Millionen und Piossek 108.000 Euro. Das Nachsehen hatten die Käufer der Papiere und die anderen Aktionäre. Als wenig später die wirtschaftlichen Schwierigkeiten von Conergy publik wurden, rauschte die Börsennotierung in den Keller. 2011 musste das Unternehmen Insolvenz anmelden. Seit 2013 führt der US-Investor Kawa Teile des Solarparkentwicklers fort.

Rüter beklagte sich vor Gericht über die lange Dauer des Verfahrens. Tatsächlich hatten die Ermittlungen 2008 begonnen, bereits 2011 erhob die Staatsanwaltschaft Anklage. Dass bis zum Prozess weitere vier Jahre vergingen, erklärte der Vorsitzende Richter Torsten Schubert unverblümt mit der „Überlastung" der Hamburger Justiz. Er sei über sieben Jahre stigmatisiert worden, so der Conergy-Gründer, habe wegen des schwebenden Verfahrens mehrere Jobangebote sowie zwei Aufsichtstratsmandate nicht annehmen können. Als aktuellen Wohnsitz gab der Manager die Elbchaussee an.

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erstellt am 22.Apr.2015 | 16:42 Uhr

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