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Oberbillwerder : Comeback der Großsiedlungen in Hamburg

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Hässliche Bausünden und beginnende Ghettoisierung: Eigentlich wollte Hamburg keine neuen Hochhaussiedlungen mehr. Doch jetzt sollen bezahlbare Wohnungen für bis zu 15.000 Menschen entstehen.

Hamburg | Steilshoop, Mümmelmannsberg, Kirchdorf-Süd – in Hamburg haben die Namen dieser Quartiere keinen guten Klang. Die in den 1960er und 70er Jahren konzipierten Hochhaus-Viertel gelten heute als schwere städtebauliche Fehler. Ballung sozialer Probleme, Ansätze von Ghettoisierung - „nie wieder“ hieß es deshalb über Jahrzehnte im Rathaus. Nun der 180-Grad-Schwenk. Den freilich verkündet Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) nicht selbst, sondern überlässt dies wegen der politischen Brisanz dem SPD-Kreisverband Bergedorf.

Die dortigen Genossen schlagen vor, im Osten der Metropole an der Bille eine Großsiedlung für bis zu 15.000 Bewohner zu errichten. Unter dem Arbeitstitel „Oberbillwerder“ ist nördlich des S-Bahnhofs Allermöhe auf bisherigen landwirtschaftlichen Flächen eine Siedlung aus Einzelhäusern, Reihenhäusern, aber auch Geschoss- und Sozialwohnungen vorgesehen. Insgesamt 5000 bis 7000 Einheiten. Dazu Kindergärten, Schulen, Geschäfte. Es wäre das zweitgrößte Wohnbauprojekt Hamburgs nach der Hafencity. Ties Rabe, Kreischef der SPD Bergedorf und im Hauptamt Schulsenator unter Scholz: „Wir haben insbesondere junge Familien im Blick, die sich eine Existenz aufbauen und nicht ins Umland abwandern wollen.“

Der anhaltende Wegzug ist einer von zwei Gründen für das wahrscheinliche Comeback der lange verpönten Großwohnsiedlungen. Zwar wächst Hamburgs Bevölkerung seit Jahren, zugleich aber bauen immer mehr Familien ihr Häuschen lieber im Speckgürtel – was Hamburg wegen ausbleibender Steuern auch finanziell trifft. Ursache der massenhaften Wegzüge ist das knappe Angebot an bezahlbaren Immobilien in der Metropole. Der so genannte Wanderungssaldo mit dem Umland ist entsprechend tiefrot. 2014 siedelten 7800 mehr Menschen in die Randkreise in Schleswig-Holstein und Niedersachsen um als von dort zuzogen. Das ist eine Zunahme um 50 Prozent binnen sechs Jahren.

Zum anderen hat aber auch der enorme Flüchtlingszustrom des Sommers die Verantwortlichen zum Umdenken gebracht. Noch im Juni hatte die Rathaus-SPD ganz ähnliche Vorschläge der Handelskammer zum Bau von Wohnungen für 20.000 Menschen im Bereich der Bille als überdimensioniert zurückgewiesen. Auch deshalb, weil die mitregierenden Grünen den Verlust von Grünflächen in einem so großen Stil ablehnten. Inzwischen setzt sich aber auch bei der Ökopartei die Erkenntnis durch, dass Wohnraum im Zweifel vor Naturschutz geht.

120 Hektar groß ist das Areal von Oberbillwerder, in etwa die Größenordnung der Hafencity. Von den Wiesen, Weiden und dem Marschland hat die Stadt bereits 70 Hektar aufgekauft. Dass ausgerechnet in Allermöhe die erste Hamburger Großsiedlung des 21. Jahrhunderts entstehen soll, ist mehr als pikant. Denn nur einige hundert Meter entfernt ist zu besichtigen, wie Hamburgs Stadtplaner in den 1990er Jahren ein weiteres Mal daneben lagen. Die Siedlungen Neu-Allermöhe I und Neu-Allermöhe II haben mit einem Sozialwohnungsanteil von 50 Prozent ebenfalls reichlich soziale Probleme. Dort haben sich in erster Linie osteuropäische Aussiedler gesammelt. Daher unkt Sven Noetzel, CDU-Fraktionschef in der Bezirksversammlung Bergedorf: „Jetzt plant die SPD Neu-Ballermöhe III.“

Rabe räumt ein, dass nicht alle früheren Planungen fehlerfrei gewesen seien, betont aber: „Daraus haben wir gelernt.“ Oberbillwerder solle ein „schöner, grüner Stadtteil am Wasser“ werden, der gut zu Bergedorf passe. Übers Knie brechen wollen die Sozialdemokraten das Vorhaben nicht. Noch sei nichts sei entschieden, zunächst sollten die Bürger vor Ort in einem breiten politischen Diskussionsprozess mitreden dürfen. Für die Verwirklichung der Vision setzt Rabe einen Rahmen von zehn bis 15 Jahren.

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erstellt am 07.Nov.2015 | 15:47 Uhr

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