Verkaufsstart in Deutschland : „Charlie Hebdo“ – viele in Hamburg und SH gehen leer aus

Der Hamburger Friedemann Simon ist einer der Glücklichen: Er konnte am Samstagmorgen eine Ausgabe der begehrten Satirezeitschrift ergattern.
1 von 2
Der Hamburger Friedemann Simon ist einer der Glücklichen: Er konnte am Samstagmorgen eine Ausgabe der begehrten Satirezeitschrift ergattern.

Warteschlangen, Vorbestellungen unter der Hand – viele Menschen versuchen am Samstagmorgen in SH und Hamburg eine Ausgabe des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ zu ergattern. Nur die wenigsten waren dabei erfolgreich.

shz.de von
17. Januar 2015, 09:30 Uhr

Hamburg/Kiel | Run auf „Charlie Hebdo“ in Hamburg: Die erste Ausgabe des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“ nach dem Terroranschlag von Paris ist am Samstag auch in der Hansestadt erschienen – und war binnen Minuten ausverkauft. Auf der Jagd nach dem begehrten Heft wurden die meisten interessierten Hamburger am Samstagmorgen deshalb enttäuscht.

Die meisten Kioske und Geschäfte wurden über Nacht nur mit einer extrem limitierten Stückzahl beliefert, andere wurden sogar komplett ausgelassen und mussten so wartende Kunden vertrösten. Dutzende Menschen verharrte teils stundenlang vor geschlossenen Ladentüren, nur um dann mit leeren Händen nach Hause zu gehen.

Auch am Hamburger Hauptbahnhof wurde der Engpass der Einzelhändler spürbar. Vor einem Buch- und Zeitschriftengeschäft warteten mehr als 60 Leute, aufgereiht in einer Warteschlange. Einige von ihnen machten noch vor der offiziellen Öffnung des Ladens den Wartenden in vorderster Reihe lukrative Angebote für die seltene Ausgabe.

Um kurz nach 6.00 Uhr öffnet der Verkäufer am Hamburger Hauptbahnhof schließlich seine Türen und lässt die ersten sieben Wartenden in den Laden. Dann heißt es schon: „Wir sind ausverkauft!“. „Ich hab von einigen gehört, die unter der Hand den Händler ihres Vertrauens bestochen haben“, witzelt Friedemann Simon, der sich als Erster eine der sieben raren Ausgaben am Hamburger Hauptbahnhof sichern konnte. „Ich hatte wohl einfach gutes Timing – und natürlich ein bisschen Glück“.

Der Rest der mehr als 60 Menschen geht enttäuscht ohne eines der begehrten Hefte nach Hause. „Eine richtige Unverschämtheit ist das!“, beschwert sich eine der Wartenden. Auch an anderen Kiosken der Stadt versuchen es interessierte Hamburger vergeblich. Damit bestätigte sich die Befürchtung vieler Einzelhändler, dass die Lieferung dem Ansturm auf „Charlie Hebdo“ nicht gerecht werden könnte.

Die Redaktion des Magazins war vor gut eineinhalb Wochen Ziel eines Anschlags. Zwölf Menschen kamen dabei ums Leben, der Großteil davon Mitarbeiter der Zeitschrift. Teils sehr derbe frühere Mohammed-Karikaturen von „Charlie Hebdo“ gelten als Hintergrund des Angriffs. Das Titelbild der jüngsten Ausgabe zeigt erneut eine Zeichnung Mohammeds.

Auch in Schleswig-Holstein sind wohl viele leer ausgegangen. In Itzehoe beispielsweise war die Zahl der Vorbestellungen für das erste Exemplar des Satiremagazins nach dem Attentat groß – aber nur die wenigsten Einzelhändler dort konnten am Freitag sagen, ob sie überhaupt ein Exemplar bekommen und weiterverkaufen können.

An der Kasse von Frauke Friedrichs in der Buchhandlung Heymann im Holstein Center ist am Freitag eine ganze Reihe von Zetteln befestigt. „Alles Vorbestellungen. Die Menschen sind sehr interessiert an dem Magazin, über das jetzt überall berichtet wird.“

Vorbestellungen ohne Ende: Frauke Friedrichs zeigt die Liste der Interessenten.
Müller
Vorbestellungen ohne Ende: Frauke Friedrichs zeigt die Liste der Interessenten.

Uwe Zeyn, Geschäftsführer beim Presse-Grossisten Carlsen und Lamich in Kiel, der den größten Teil von Schleswig-Holstein beliefert, weiß: „Sechs Exemplare werden wir nach Itzehoe liefern – alle zu Heymann.“ Zeyn hofft, dass die Auslieferung auch klappt. „Noch haben wir keine Hefte bekommen“, erklärte er am Freitagmittag. Zeyn sagt: „Ursprünglich sollten wir 200 Exemplare von Charlie Hebdo bekommen. Jetzt hoffen wir, dass wir zumindest 75 in Schleswig-Holstein ausliefern können.

So einen Aufwand für so wenig Hefte haben wir noch nie betrieben.“ Das Angebot reiche aber nicht. „Wir haben 3500 Kunden in Schleswig-Holstein, da ist das nicht mal ein Tropfen auf den heißen Stein.“ Nun gelte es „den Schmerz gleichmäßig zu verteilen“. Größere Buchhandlungen würden bevorzugt. „Wir werden nicht einzelne Exemplare ausliefern, sondern eher Pakete von mehreren Exemplaren“, so Zeyn. Bis zu 5000 Hefte hätte er verkaufen können. „Das passiert uns selten, dass wir von irgendetwas zu wenig haben. Und wenn dann einer meckert, dann muss ich das aushalten.“

Deutschlandweit wurden am Samstag 10.000 Exemplare in französischer Sprache zum Preis von vier Euro verkauft, etwa 4000 gingen an Bahnhöfe und Flughäfen. „Da bleiben dann die 110.000 Fachhändler die auch noch was wollen.“ Man müsse aber den Verlag und die Kollegen in Frankreich in Schutz nehmen, die in nur einer Woche das Heft aus dem Boden gestampft hätten.

Sobottka plant, Charlie Hebdo fest ins Programm aufzunehmen. Seit 15 Jahren  ist er im Geschäft – und kann sich nicht erinnern, dass es schon mal so einen Boom auf eine ausländische Zeitschrift gegeben hat. Sobottka: „Es ist schlimm, dass es erst zu einem so furchtbaren Attentat kommen muss, damit sich so ein Magazin so verkauft.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen