Vor Hamburger Bürgerschaftswahl : CDU-Kandidat Wersich: „Scholz hat sein Limit erreicht“

Klar abgeschlagen geht CDU-Spitzenkandidat Dietrich Wersich gegen den beliebten Amtsinhaber Olaf Scholz ins Rennen um den Posten des Hamburger Stadtoberhaupts. Ein Interview.

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23. Januar 2015, 06:59 Uhr

Hamburg | Knapp drei Wochen vor der Bürgerschaftswahl in Hamburg am 15. Februar liegt die CDU mit Spitzenkandidat Dietrich Wersich laut Umfragen deutlich hinter der regierenden SPD von Olaf Scholz. Mit der Deutschen Presse-Agentur sprach Wersich über den schleppenden Wahlkampf und sein Verhältnis zu Bürgermeister Scholz.

Herr Wersich, wenige Wochen vor der Wahl hat laut Umfragen nicht einmal jeder zweite Hamburger eine Meinung zu Ihnen. Wie gehen Sie damit um?

Ja, es gibt einen großen Anteil von politisch Interessierten, die verfolgen, was in der Ukraine und weltweit los ist, aber nicht mehr, was in der eigenen Stadt passiert. Das bedeutet aber gleichzeitig für die CDU, dass wir jetzt noch erhebliche Chancen im Wahlkampf haben. Olaf Scholz hat sein Limit erreicht. Wenn in den Umfragen von seinen 42 Prozent noch ein Drittel der Wähler sagt, sie sind in ihrer Wahlabsicht noch nicht sicher, dann ist das unser Potenzial.

Bislang lässt der Wahlkampf viele Hamburger aber kalt, nachdem die Wahlbeteiligung schon 2011 so niedrig war wie nie. Vielleicht sind die Menschen einfach zufrieden mit der Arbeit des SPD-Senats.

Das erlebe ich täglich anders. Nach vier Jahren Alleinregierung von Olaf Scholz schwimmen die Schwäne immer noch auf der Alster, aber wir hatten 2014 das niedrigste Wirtschaftswachstum aller Bundesländer. Die ideologische Verkehrspolitik, die steigende Kriminalität - ich habe nicht den Eindruck, dass die Menschen sich wünschen, dass das so weitergeht. Auch die Kürzungen an den Universitäten versteht niemand. Deshalb liegt die SPD sechs bis acht Prozent hinter der absoluten Mehrheit. Also ist klar: Es wird eine neue Regierung geben.

Das Wahlergebnis der CDU von 2011 war mit 21,9 Prozent historisch schlecht, Umfragen sehen Sie derzeit kaum besser. Trotzdem sagen Sie, Sie wollen Bürgermeister werden.

Ja, sicher. Dafür trete ich an. Wir wollen und können regieren, und wir haben das richtige Programm für Hamburg. Hamburg ist eine schöne Stadt, eine starke Stadt - aber wir dürfen die Risse im Fundament nicht übersehen und müssen mehr tun.

Mit welcher Koalition wollen Sie regieren?

Das wird vom Wahlergebnis abhängen. Wir sind bereit, Verantwortung zu übernehmen und mit allen zu reden, um eine stabile Regierung zu bilden. Es geht aber um Inhalte, nicht um Regieren um jeden Preis.

Würden Sie auch mit der AfD Gespräche führen?

Nein, keine Koalition, das habe ich ausgeschlossen, weil es nicht zu Hamburg passt. Wir können uns Fremdenfeindlichkeit nicht leisten. Es wäre auch für die Hamburger Wirtschaft eine Katastrophe, jetzt aus dem Euro auszutreten. Abschottung kann nicht in Hamburgs Interesse sein.

Mit persönlichen Spitzen gegen Bürgermeister Scholz halten Sie sich spürbar zurück. Steckt dahinter eine Taktik?

Es geht eben nicht um persönliche Spitzen. Aber ich benenne klar, wo er Fehler macht. Es ist ein politischer Betrug, dass Olaf Scholz die BAföG-Entlastung durch den Bund nicht an die Hochschulen weitergibt. Zumal er das selbst verhandelt hat und nun vertragsbrüchig wird. Und seinen autoritären Führungsstil halte ich für eine Metropole mit 1,8 Millionen Menschen nicht mehr für zeitgemäß. Ich will regieren und nicht herrschen.

Was wollen Sie wirtschaftlich ändern?

Die nächste Hamburger Regierung muss mehr tun für Wirtschaft und Wissenschaft, dazu gehören die Fahrrinnenanpassung der Elbe, aber auch mehr Investitionen für die Hafeninfrastruktur. Wir müssen mehr Industrie und Hightech wagen. Außerdem verändert die Digitalisierung die Wirtschaft grundlegend in Medien, Handel, Logistik, Verkehr, Medizin, aber auch Industrie. Dazu möchte ich Wirtschaft und Wissenschaft enger zusammenbringen und Hamburg zur Wissens- und Gründermetropole machen.

Das Busbeschleunigungsprogramm der SPD kritisieren Sie scharf. Ist es nicht schon zu spät, jetzt noch den Kurs zu ändern?

Nein, bislang sind für den Busbeschleunigungswahn erst 60 von geplanten 260 Millionen Euro ausgegeben worden. Mit dem übrigen Geld kann man also noch wichtigere Investitionen machen. Das Schlimmste steht Hamburg aber bevor, wenn sich am 15. Februar nichts ändert. Ich will das stoppen, und viele Hamburger wollen das auch.

Wie sieht für Sie das Verkehrskonzept der Zukunft aus?

Wir brauchen einen Verkehrsentwicklungsplan für die kommenden 20 bis 30 Jahre. Mehr Mix aller Verkehrsmittel. Wo kann die U-Bahn ausgebaut werden? Wo könnte aber auch eine Stadtbahn gebaut werden? Ich trete ein für eine vernünftige kaufmännische Betrachtung: Was ist klug? Dazu muss man in Alternativen denken und nicht wie Scholz Basta-Politik oder Ausschließeritis betreiben. Was die Leute aufbringt, ist, dass der Verkehr im Moment systematisch lahmgelegt wird. Da sind alle Oppositionsparteien der Auffassung, dass das, was die SPD macht, Quatsch ist.

Dietrich Wersich (50) studierte Medizin in Hamburg und arbeitete bis 2002 als Arzt. 1997 zog er erstmals in die Bürgerschaft ein, 2008 wurde er Sozialsenator der ersten schwarz-grünen Koalition.

Seit 2011 ist Wersich Vorsitzender der CDU-Fraktion und damit Oppositionsführer. In seiner Freizeit geht er in den Schweizer Alpen wandern, besucht auch gerne Theater und Konzerte. Wersich lebt zusammen mit seinem langjährigen Partner in Hamburg.

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