St. Georg : Bordsteinschwalben vom Hansaplatz vor dem Abflug

Den Prostituierten wird die Zukunft verbaut: Am Hamburger Hansaplatz läuft bereits die Umgestaltung. Foto: Ruff
Den Prostituierten wird die Zukunft verbaut: Am Hamburger Hansaplatz läuft bereits die Umgestaltung. Foto: Ruff

Cafés und schicke Läden statt Straßenstrich: Der Bezirksbürgermeister von St. Georg will die Schmuddelecke Hansaplatz salonfähig machen.

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06. April 2011, 10:46 Uhr

Hamburg | Es soll nicht mehr sein können, was nicht sein darf: Seit mehr als 30 Jahren ist der Hansaplatz samt Umgebung im Hamburger Stadtteil St. Georg offiziell Sperrgebiet, Prostitution dort also verboten. Dennoch hält sich in den Straßen unweit des Hauptbahnhofs ein äußerst reger Straßenstrich. Hunderte Frauen finden dort regelmäßig ihre Freier und bedienen sie in Stundenhotels.
Damit soll nach dem Willen des Bezirks Mitte nun Schluss sein. Bezirks-Bürgermeister Markus Schreiber (SPD) verfolgt einen ungewöhnlichen Plan: Er will die Liebesmädchen in ein Gewerbegebiet abdrängen. "Es versteht doch kein Mensch, warum ausgerechnet im Sperrgebiet, wo Hurerei als einzige Zone in Hamburg verboten ist, die Huren stehen. Es muss endlich was passieren", sagt Schreiber. Der Politiker schlägt vor, die vierspurige Großmannstraße in Rothenburgsort für die Straßenprostitution freizugeben. Dort sollen nicht nur die Bordsteinschwalben vom Hansaplatz ein neues Betätigungsfeld finden, sondern auch die Kolleginnen vom nicht minder berüchtigten Strich in der Süderstraße. Doch lässt sich ein Rotlichtviertel samt Zuhältern und Freiern mal so eben verlegen? Schreiber ist davon überzeugt und verweist auf Bremen: "Dort hat diese Art, Prostitution zu verlagern, gut geklappt."
Demonstranten fordern Bleiberecht für Prostituierte
Die entsetzten Sexarbeiterinnen wehren sich gegen eine Verbannung und greifen zu nicht minder ungewohnten Methoden. Erstmals in der Geschichte des Hansaplatz-Strichs taten sie sich zu einer Demonstration zusammen. Lautstark und mit Plakaten ausgerüstet forderten 120 Teilnehmerinnen und Teilnehmer den Verbleib der Huren in St. Georg.
Auch bei Hilfseinrichtungen in der Szene stößt eine Vertreibung des ältesten Gewerbes in ein einsames Gewerbegebiet auf Widerstand. Anke Mohnert, Leiterin der Beratungsstelle "Sperrgebiet Hamburg" der Diakonie: "Die Verbannung wäre höchstgefährlich. Das würde unzumutbare Arbeitsbedingungen und gewaltsame Übergriffe bedeuten."
"Neue urbane Qualität"
Der Bezirk ist indes längst dabei, den Prostituierten buchstäblich die Zukunft zu verbauen. Im Juni wird die aufwändige Umgestaltung des Hansaplatzes abgeschlossen sein. Dieser ist künftig in vier Nutzungszonen eingeteilt - Prostitution zählt nicht dazu. Statt dessen sollen Cafés, Shops und wechselnde Feste dafür sorgen, dass die bisherige Schmuddelecke eine "neue urbane Qualität für Anwohner und Touristen" erhält. Alles ähnlich cool und schick wie in anderen Szenevierteln. So ist es Wirten künftig verboten, auf dem Platz Bierzeltgarnituren oder Stühle aus Plastik und Edelstahl aufzustellen. Selbst das Aussehen der Sonnenschirme ist behördlich genormt: quadratisch und naturfarben-hell.
Überdies werden bei den Umbauarbeiten Elektropoller rund um den Platz installiert. Diese sollen ab Sommer dem sogenannten Freierkreiseln einen Riegel vorschieben. Abends steigen die Pfosten aus dem Boden auf, um zu verhindern, dass motorisierte Liebeskundschaft auf der Suche nach einer passenden Gelegenheit den Platz umrundet.

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