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Barbesitzer wehrt sich gegen Schließung

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Hamburg | Der Mann wäre an seinem Erbrochenen fast erstickt. Mindestens neun Stunden lag der Schwede völlig betrunken und bewusstlos im Hinterzimmer einer Tabledance-Bar an der Reeperbahn. Stimmt es, was die Polizei vermutet, war der Kiezbummler Opfer des Personals in dem Striplokal geworden. Die Animiermädchen und Türsteher sollen den Gast erst abgezockt und wohl mit K.o.-Tropfen außer Gefecht gesetzt haben.

Für fünf Flaschen Champagner und sechs Flaschen Billigsekt der Hausmarke berechnete die Bardame 6000 Euro. Dann der Filmriss bei dem Schweden, der später feststellen musste, dass in jener Nacht mit seiner EC-Karte knapp 8000 Euro abgehoben worden waren. Der Fall aus dem Januar dieses Jahres ist ein besonders drastischer, beileibe aber nicht der einzige von Abzockerei und Gewalt in Kaschemmen des Hamburger Rotlichtviertels. Allein im ersten Halbjahr 2013 nahm die Davidwache mehr als 800 Betrugsanzeigen auf - darunter etliche wegen Nepps in einem knappen Dutzend Bars auf St. Pauli. Die Dunkelziffer dürfte vielfach höher liegen. Die meisten Betrogenen gehen aus Scham und Angst nicht zur Polizei.

Immer häufiger werden Gäste nicht nur über den Tisch gezogen, sondern massiv bedroht oder gar angegriffen, wenn sie nicht zahlen. So wie die zwei Handwerker, die im Juni für vier Gläser O-Saft 120 Euro berappen sollten. Den Lehrling (17) hielten die Türsteher als "Geisel" fest, während sein Begleiter das Geld vom Automaten holte. Ein Australier wurde im Juli niedergeschlagen und schließlich beraubt, als er und seine Frau in einem der Reeperbahn-Schuppen keine 500 Euro für ein Glas Bier und eine - nicht bestellte - Flasche Sekt zahlen wollten.

Diese und alle ähnlichen Fälle haben eines gemeinsam: Stets bestreiten die Mitarbeiter des Lokals die Vorwürfe. Immer steht Aussage gegen Aussage, unabhängige Zeugen gibt es praktisch nie. Deshalb hat bisher kein Hamburger Gericht jemals einen der mutmaßlichen Kiez-Betrüger schuldig gesprochen.

Trotzdem oder gerade deswegen greifen die Behörden jetzt zu ihrem schärfsten Schwert. Der Bezirk Mitte hat gegen den Besitzer der als besonders übel geltenden Tabledance-Bars "Barracuda" und "Baby Doll" den Entzug der Betriebserlaubnis verfügt. Begründung: Die Geschäftspraktiken zielen darauf ab, "den Gast durch überhöhte und verschleierte Getränkepreise, undurchsichtige Bestellvorgänge und rüde Inkassomethoden zu übervorteilen und zu schädigen." Die Schließung dreier anderer St. Pauli-Bars wird geprüft. Betroffener Betreiber hat bereits Widerspruch eingelegt. So wird am Ende wohl ein Gericht über die Schließung entscheiden. Ausgang offen. Bezirks-Bürgermeister Andy Grote (SPD) weiß, dass er sich weit aus dem Fenster lehnt. Es gebe ein "gewisses rechtliches Risiko", räumt der Leiter des Bezirksamtes Mitte ein. Aber: "Ich denke, dass wir gewinnen werden, und dass wir das diesen Weg gehen müssen, um die Clubs endlich schließen zu können."

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erstellt am 16.Aug.2013 | 03:09 Uhr

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