Lust am Vandalismus? : Bande von Auto-Brandstiftern gefasst

Sieben mutmaßliche Feuerteufel konnte die Hamburger Polizei fassen. Foto: dpa
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Sieben mutmaßliche Feuerteufel konnte die Hamburger Polizei fassen. Foto: dpa

Auch zwei Schleswig-Holsteiner sind in Hamburg nach den Maikrawallen festgenommen worden. Linksautonome beschmieren Auto von Umweltsenatorin Jutta Blankau.

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03. Mai 2011, 08:48 Uhr

hamburg | Der Seufzer der Erleichterung blieb den Sicherheitsverantwortlichen im Halse stecken. Kaum hatten Polizei und Innenbehörde in Hamburg ein relativ glimpfliches Fazit des 1.-Mai-Wochenendes gezogen, schlugen mutmaßlich links-autonome Täter wieder zu. Unbekannte verübten in der Nacht zu Montag einen Anschlag auf den Privatwagen von Umwelt- und Stadtentwicklungssenatorin Jutta Blankau (SPD). Verletzt wurde niemand, die Täter flüchteten unerkannt.
Gegen 3 Uhr hatte die 56-Jährige vor ihrem Reihenhaus in Alsterdorf Splittergeräusche gehört, beim Blick aus dem Fenster aber nichts entdeckt. Als die Politikerin am Morgen zu ihrem Wagen im Carport kam, zuckte sie zusammen. Ihr VW Beetle Cabrio war mit grüner Farbe verschmutzt, zwei Reifen waren zerstochen. Auch das Carport und die Hauswand hatten Farbkleckse abbekommen, am Boden lagen Scherben. Offenkundig hatten die Unbekannten mit Farbe gefüllte Gläser gegen Auto und Wand geschleudert.
"Verhöhnung der Notlage der Wohnungsuchenden"
In einer Bekenner-Mail an die Tageszeitung "taz" begründete eine unbekannte Gruppe die Tat mit der Wohnungsnot in Hamburg und der "Verhöhnung der Notlage der Wohnungsuchenden" durch die Senatorin. "Darum haben wir Steine und Farbe auf das Haus und das Auto von Senatorin Blankau (...) geworfen." Die seit März amtierende Senatorin wollte sich zu dem Angriff nicht äußern. "Sie findet die Sache schlimm, arbeitet aber normal weiter", hieß es aus ihrem Umfeld. Als Senatorin trägt die ehemalige IG-Metall-Funktionärin auch die Verantwortung für den heiklen Bereich Stadtentwicklung und damit für die zunehmende Wohnungsknappheit in der Metropole.
Stunden vor dem Anschlag hatten sich Fahnder und Politiker noch zufrieden über die verhältnismäßig geringen Ausschreitungen in den beiden vorangegangenen Nächten gezeigt. "Zwar sind wieder 15 Kollegen verletzt worden, aber im Vergleich zum Vorjahr war es relativ ruhig", bilanzierte Polizeisprecher Mirko Streiber. Am Abend des 30. April und es 1. Mai war es nach Demonstrationen im Schanzenviertel zu vereinzelten Stein- und Böllerwürfen auf Polizisten gekommen. Die Beamten antworteten mit Wasserwerfern und Schlagstöcken. Fast 500 Störer erhielten Aufenthaltsverbote für das Quartier.
140 Gewalttäter gefasst
Innensenator Michael Neumann (SPD) sprach von einer "erfolgreichen defensiven, aber präsenten" Einsatzstrategie. Er sei erleichtert, dass es nicht schlimmer gekommen sei, gab aber zu bedenken: "Es kann nicht sein, dass wir uns daran gewöhnen, dass es jedes Jahr zum 1. Mai Krawalle gibt und Polizisten verletzt werden."
Insgesamt nahm die Polizei am Wochenende fast 140 Gewalttäter vorläufig fest oder in Gewahrsam; sie alle sind inzwischen wieder frei. Kritik am Polizeieinsatz kam von der GAL. Es sei kritisch, im Gefahrengebiet Personen ohne jeden konkreten Verdacht zu kontrollieren, sagte Innenpolitikerin Antje Möller. Die CDU forderte, Eltern von jugendlichen Erlebnis-Radaubrüdern stärker in die Verantwortung zu nehmen. Neumann wies das zurück: Der Großteil der Randalierer sei erwachsen.
Schleswig-Holsteiner mit Grillanzünder
Mutmaßlich zu kurz gekommene Krawallmacher gingen der Polizei in der Nacht zu gestern ins Netz. Streifenbeamte nahmen sieben Verdächtige im Alter zwischen 15 und 32 Jahren wegen versuchter Autobrandstiftung fest. Der jüngste von ihnen kommt aus Nordfriesland und ein 20-Jähriger von ihnen aus Schleswig.
Der Besatzung eines Streifenwagens waren im Stadtteil Barmbek zunächst zwei Angehörige der Gruppe aufgefallen: "Sie standen vor einem Pkw und entfernten sich schnellen Schrittes, als die Kollegen vorbeifuhren", schildert Polizeisprecher Andreas Schöpflin. Die Streifenbesatzung konnte die beiden für eine Überprüfung der Personalien stellen - und bemerkte dabei fünf weitere Personen, die sich hinter einem Mazda MX 5 versteckten. Mehrere von ihnen ließen in dem Moment Grillanzünder fallen. Weitere Pakete davon stellten die Polizisten unter dem Mazda sicher.
Lust am Vandalismus?
Die Fahnder rechnen alle Sieben dem linksautonomen Spektrum zu. Bis auf die einzige Frau - eine 20-Jährige - sind sie bei der Polizei bisher alle ein unbeschriebenes Blatt. Ob die Gruppe im Zusammenhang mit weiteren der in diesem Jahr bereits 180 Pkw-Brände in der Hansestadt steht, wird geprüft, ist aber laut Polizeisprecher Schöpflin noch völlig offen. Zum Motiv schweigen alle sieben; die Ermittler nehmen reinen Vandalismus an.
Nach dem Regierungswechsel in Hamburg hatte die Polizei erst unlängst eine bis zu 200 Mann starke Sondereinheit gegen die mysteriösen Autozündler mangels Erfolgen aufgegeben. Der neue Innensenator Michael Neumann (SPD) hatte auf neue Lösungswege gedrängt. Stattdessen sind nun verstärkt ortsnahe Polizisten in den ihnen vertrauten Vierteln unterwegs, um Brandstifter dingfest zu machen. "Sicher ist es ein schöner Fahndungserfolg", sagt Schöpflin. Dennoch hält er ihn vorerst für ein "Mosaiksteinchen" - Ermittlungen und Fahndungen im Zusammenhang mit der Autobrand-Serie seien "noch lange nicht abgeschlossen".
Der 15-jährige Nordfriese hält sich nach Erkenntnissen der Polizei regelmäßig in Hamburg auf, da er dort in einer Jugendeinrichtung lebt. Wie stark die Bindungen des Schleswigers zur Szene in der Elbmetropole sind, konnte Schöpflin nicht sagen.
(mlo, fju, shz)

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