zur Navigation springen

„Spiegel“-Affäre : Augstein gegen Strauß: Machtpoker als TV-Drama

vom

Was vor mehr als 50 Jahren Deutschland erschüttert hat, ist jetzt filmreif: Die „Spiegel“-Affäre kommt mit Starbesetzung ins Fernsehen.

shz.de von
erstellt am 28.Apr.2014 | 10:58 Uhr

Hamburg | Die „Spiegel“-Affäre hat vor mehr als 50 Jahren die junge deutsche Demokratie erschüttert. Zwei machtvolle Persönlichkeiten - der streitbare Verleger Rudolf Augstein (1923-2002) und der temperamentvolle Verteidigungsminister Franz Josef Strauß („FJS“, 1915-1988) - bekämpfen sich erbittert. Es geht mitten im Kalten Krieg zwischen Nato und Warschauer Pakt um Pläne zur atomaren Bewaffnung der Bundeswehr. Nach dem „Spiegel“-Artikel „Bedingt abwehrbereit“ eskaliert der politische Skandal.

Was der Machtkampf zwischen Presse und Politik im Oktober 1962 zu bieten hatte - durchsuchte Redaktionsräume, festgenommene Journalisten, für Pressefreiheit demonstrierende Menschenmassen und der Rücktritt von „FJS“ - ist eine Steilvorlage für ein Polit-Drama.

Am 2. Mai ist der Spielfilm „Die Spiegel-Affäre“ erstmals auf Arte (20.15 Uhr) zu sehen - in Starbesetzung. Den damals mächtigsten Pressemann der Bundesrepublik verkörpert der Schauspieler des Hamburger Thalia-Theaters, Sebastian Rudolph. „Was ich Rudolf Augstein? Ich sehe doch gar nicht aus wie der!“, seien zunächst seine Gedanken beim Casting gewesen, erzählt der Schauspieler, der im Film dem Bild des jungen Augstein durchaus nahekommt. „Die Faszination für mich an Rudolf Augstein ist, dass er mit ganzer Seele das macht, wovon er überzeugt ist“, sagt Rudolph.

„Und jemand, an dem man sich messen und abstoßen und reiben kann, ist eine Figur, die es wichtig ist, in der heutigen Zeit zu zeigen, in der Viele so stromlinienförmig agieren.“  Rudolphs Intellekt trifft den des eigensinnigen Intellektuellen: „Die Schärfe von Augstein, das war nicht einfach“, bekennt der „Schauspieler des Jahres“ 2012. „Ich versuche nicht, hundertprozentig dieser Mann zu sein. Es ist Sebastian Rudolph, der Augstein spielt.“ 

Seinen Gegenspieler mimt Francis Fulton-Smith. Der „bayrische Engländer“, wie sich der gebürtige Münchner mit britischem Pass selbst gern bezeichnet, übernimmt die Rolle des „FJS“ - und musste dafür an Körpergewicht zulegen. „Wenn man sich so einem politischen Schwergewicht nähert, ist es enorm wichtig, auch eine gewisse körperliche Präsenz mitzubringen“, sagt der Schauspieler („Familie Dr. Kleist“). Die Herausforderung, von sich „eine neue Seite zeigen zu dürfen, die der TV-Zuschauer so nicht erwartet“, hat der Theatermime als „enorm spannend“ empfunden.

Fulton-Smith vertiefte sich ins Archiv, um den Minister „so wahrhaftig zu spielen, dass er für den Zuschauer nachvollziehbar wird.“ Sukzessive sei er der Figur nähergekommen. „Strauß war ein Alphatier, da musste ich eine andere schauspielerische Herangehensweise mitbringen, zumal viele Menschen glauben, ein klares Bild von Strauß im Kopf zu haben.“ Und eben diese Präsenz des früheren bayerischen Landesvaters war ein Brocken in der Umsetzung der fiktionalen Figur. „Wir wollten keine Karikatur seiner Person abliefern, es musste sehr fundiert sein, alles andere wäre absolut unglaubwürdig gewesen“, sagt Fulton-Smith zu seiner Pionierarbeit.

So wie für das Ensemble die Regieführung von Roland Suso Richter ebenfalls Neuland war. „Ich fordere die Schauspieler sehr. Wir haben nicht geprobt, die Kameras wurden aufgebaut, die „Spiegel“-Redaktionssitzung begann um neun Uhr, um neun Uhr wurde gedreht, um 9.07 Uhr hatten wir den ersten Take (Aufnahme) durch. Nur so gelingt es mir, authentische Momente und realistische Situationen aus den Schauspielern herauszukitzeln.“ Richters Anspruch ist das lebendige Erzählen historischer Stoffe, ohne den Zuschauer mit Requisiten zu erschlagen. Am Drehbuch von Johannes W. Betz hat auch der frühere Chefredakteur des „Spiegel“, Stefan Aust, mitgewirkt.

Der Film, mit seinen Schwarz-Weiß-Rückblenden auf die damals aufeinander zurasenden Weltmächte, hält den Zuschauer gefangen, der wortgewandten Auseinandersetzungen folgen darf. Die ebenfalls prominent besetzten Nebenrollen - Otto Mellies als Kanzler Adenauer - geben den um die Macht Pokernden Halt. Über 90 Minuten entwickelt sich eine Männerfehde, deren emotionale Kälte ein Filmdialog in Worte packt: „Was haben Sie gegen mich als Mensch? Was habe ich Ihnen eigentlich angetan?“, fragt Strauß. „Entschuldigung, ich...ich habe noch eine Menge wichtiger Termine. Ich habe jetzt leider keine Zeit. Es tut mir leid.“ Mit diesen Worten lässt Augstein Strauß stehen. Freunde werden sie auch im Film nicht.

Der Film „Die Spiegel-Affäre“ ist am 2. Mai um 20.15 Uhr auf Arte zu sehen. Am 7. Mai um 20.15 Uhr wird er in der ARD ausgestrahlt.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen