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Hamburger Austauschschüler Diren : 70 Jahre Haft für Todesschützen: „Er war auf der Jagd“

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Vor zehn Monaten starb der junge Austauschschüler Diren aus Hamburg in den USA. Das Strafmaß überrascht die Familie des Opfers. Vorbei ist das Verfahren wohl aber noch nicht.

Missoula | Für seine tödlichen Schüsse auf den Hamburger Austauschschüler Diren D. im US-Staat Montana ist der Täter zu 70 Jahren Haft verurteilt worden. Die ersten 20 Jahre kann der wegen vorsätzlicher Tötung verurteilte Markus K. keinen Antrag auf Bewährung stellen, entschied ein Gericht am Donnerstag in Missoula. Die Verteidigung kündigte an, gegen das Urteil Rechtsmittel einzulegen. Die Familie des Opfers strebt einen zusätzlichen Zivilprozess um Schadensersatz an, wie ihr dafür engagierter Rechtsvertreter David Paoli sagte. Die Klage sei bereits eingereicht.

Markus K. stand in seiner orangefarbenen Häftlingsuniform neben seinen Verteidigern und bat kurz vor dem Urteil um Verzeihung für seine Tat. „Ich habe getan, was ich für nötig hielt, um meine Familie und mich selbst zu schützen“, sagte er, ehe er abgeführt wurde.

Richter Ed McLean widersprach in der Urteilungsbegründung dieser Darstellung: „Sie haben nicht ihr Zuhause beschützt, Sie waren auf der Jagd“, sagte er. „Ihre Angst entschuldigt nicht das Leid, dass Sie verursacht haben.“

Der heute 30 Jahre alte Täter stelle eine zu große Bedrohung für die Öffentlichkeit dar. „Sie sind wütend auf die Welt, und das ist offensichtlich an ihrem Verhalten, an der Sprache, die Sie verwenden“, sagte McLean. „Wir müssen eine Gesellschaft schaffen, in der Menschen wie Sie nicht überreagieren.“

Markus K. hatte Diren im April 2014 erschossen, nachdem dieser nachts in seine Garage eingedrungen war. Die Geschworenen in dem Prozess meinten, er habe den Jungen in eine Falle gelockt und kaltblütig hingerichtet. Hintergrund seien vorangegangene Einbrüche ins Haus der Familie gewesen. Die Verteidigung plädierte dagegen auf Notwehr.

Einen Antrag auf ein neues Verfahren lehnte McLean am Donnerstag ab. Über eine Revision muss aber ein höheres Gericht entscheiden.

Die Partnerin des Täters hatte an das Gericht appelliert: „Markus mag Fehler gemacht haben, aber er ist kein gewalttätiger Mensch.“ Er sei ein Mann weniger Worte, der aber ein großes Herz habe und sich um seine Familie sorge. „Wir sind gute Leute, gute Eltern“, sagte sie. Die Mutter von Markus K. bat den Richter, dem 19 Monate alten Sohn der beiden nicht seinen Vater wegzunehmen.

Der Rechtsvertreter von Direns Familie, Bernhard Docke, begrüßte das Strafmaß. „Entscheidend ist, dass das Verbrechen nicht ungesühnt bleibt“, sagte er dem Sender Radio Bremen. Nach US-Maßstäben sei das Urteil angemessen. Der Täter habe keine echte Reue gezeigt. Der angekündigten Revision misst Docke wenig Chancen auf Erfolg ein.

Auch die Gasteltern des erschossenen Teenagers äußerten sich in emotionalen Bemerkungen vor Gericht. „Der Mord an Diren hat (unsere Leben) in einen Wirbelsturm aus Schock, Leid und Trauer verwandelt“, sagte Direns Gastvater. „Es hat all die Freude aus unserer Familie gesaugt. Jeder Tag zermürbt uns.“ Direns Vater reagierte zurückhaltend. „Ich bin nicht glücklich“, sagte Celal D. „Er lebt. Er geht ins Gefängnis, aber er lebt. Mein Sohn ist tot“, sagte er mit Blick auf den Täter. Doch natürlich sei er froh, dass Prozess jetzt überstanden sei. „Wir müssen nach Hause gehen und weitermachen.“

In Hamburg reagierte Direns Familie mit Erleichterung. „Meine Mama hat geweint“, sagte Direns Schwester Basak. Die Familie sei von dem Strafmaß überrascht. „Ich hoffe, dass meine Familie jetzt zur Ruhe kommt“, ergänzte die 23-Jährige. „Für meine Mama ist wichtig, dass der Täter im Gefängnis sitzt.“

Bei der Familie in Hamburg waren während der Verkündung des Strafmaßes an die hundert Verwandte und Freunde. „Wir hatten eine Gebetsrunde für Diren und für einen Onkel, der vor einem Jahr gestorben ist.“ Im Internet habe sie einen Livestream gefunden. „Als die 70 Jahre verkündet wurden, haben sich viele gefreut“, sagte Basak. „Aber irgendwie waren es doch gemischte Gefühle. Wichtig ist, dass der Mann im Gefängnis ist und keine anderen Menschen gefährden kann“, setzte Basak hinzu.

„Der ist doch nicht normal im Kopf.“ Direns Freund und Mannschaftskamerad beim Fußball-Club SC Teutonia von 1910, Deniz Ercin, sagte, das Strafmaß sei in Ordnung. „Eigentlich war es mir aber egal.“ Wichtig war, dass der Schütze verurteilt worden ist, ergänzte der 17-Jährige. „Wir denken immer noch oft an Diren, in der Schule und in der Mannschaft.“

Der Leiter von Direns Schule in Hamburg-Altona, Ulf Nebe, sagte, viele Schüler hätten befürchtet, dass die in Montana geltende „Castle Doctrine“ den Täter schützen würde. Die Regel erlaube zum Schutz des eigenen Hauses auch tödliche Gewalt. „Jetzt sind wir erleichtert“, sagte Nebe nach einem Treffen mit Schülern aus Direns Jahrgang. „Bei manchen Schülern war durchaus Genugtuung zu spüren.“ Der Täter habe zwar das Leben Direns zerstört, aber eben auch sein eigenes, beschrieb Nebe die Meinung der Schüler. Inzwischen habe sich auch die Angst einiger Eltern gelegt, ihr Kind ins Ausland zu schicken. „Es war ein tragischer Einzelfall“, sagte der Pädagoge.

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erstellt am 13.02.2015 | 07:00 Uhr

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