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Tod von Reemtsma-Entführer : 30 Anrufe nach „XY...ungelöst“ zu Tod von Reemtsma-Entführer Koszics

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Verbirgt sich hinter dem mysteriösen Tod von Reemtsma-Entführer Koszics ein Unterwelt-Krimi?

shz.de von
erstellt am 09.Apr.2015 | 07:09 Uhr

Hamburg | Nach der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ zum mysteriösen Tod von Reemtsma-Entführer Wolfgang Koszics haben sich am Mittwochabend 30 Anrufer im Sendestudio gemeldet.

Unter anderem hätten sich Personen gemeldet, die die Ermittler vor Jahren kontaktiert hatten und zu denen die Verbindung dann abgerissen war, teilte eine Sprecherin der Sendung am Mittwochabend mit. Kriminalhauptkommissar Christian Meinke vom Landeskriminalamt Hamburg betonte, Ermittlungen wie die im Fall Koszics bräuchten Zeit.

Die Leiche des 72-Jährigen war am 10. Februar 2014 im Meer vor der portugiesischen Stadt Sagres an der Algarve entdeckt worden. Die Polizei des Landes vermutet, dass Koszics von einer Klippe gestürzt ist und geht von einem Selbstmord aus. Das Hamburger Landeskriminalamt hält jedoch ein Tötungsdelikt für möglich.

„Insgesamt sind es ein paar Merkwürdigkeiten zu viel für einen Selbstmord“, sagte Meinke. Die Leiche habe im Meer ohne Hose und Papiere getrieben. In Koszics' Blut seien fast vier Promille Alkohol gemessen worden, obwohl er kein Trinker gewesen sein soll.

Der Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel und Beamte des Landeskriminalamts werden in Kürze nach Portugal reisen, um Koszics' Leiche ein zweites Mal zu obduzieren. Wann und wohin genau sich die Experten auf den Weg machen, wollte eine Sprecherin der Behörde am Donnerstag nicht sagen.

„Ein echter Unterwelt-Krimi“ - so präsentierte der Moderator von „XY... ungelöst“, Rudi Cerne, den Fall. Er lockte damit fast fünf Millionen Menschen vor die Bildschirme. Die 30 Anrufe nach dem Koszics-Beitrag zeigen nach Angaben der „XY“-Sprecherin, dass dieser der „Bestseller“ aller dargestellten Fälle war.

Koszics hatte 1996 zu der vierköpfigen Bande um Thomas Drach gehört, die den Hamburger Millionenerben Jan Philipp Reemtsma in einem Verlies in Garlstedt bei Bremen festgehalten hatte. Nach 33 Tagen ließen die Täter den Sozialwissenschaftler für umgerechnet rund 15 Millionen Euro frei. Vom Großteil des Geldes fehlt bis heute jede Spur. Koszics war Ende Mai 1996 in der spanischen Stadt Murcia festgenommen worden. Am 14. Februar 1997 verurteilte ihn das Hamburger Landgericht zu einer Haftstrafe von zehneinhalb Jahren.

Nach seiner Entlassung aus der Haft im Jahr 2011 fühlte sich Koszics nach Darstellung von „XY...ungelöst“ bedroht, besonders nach Drachs Freilassung im Oktober 2013. Der hatte der Sendung zufolge vor Gericht erklärt, Koszics habe die Hälfte des Lösegelds erhalten.

Gegenüber der Polizei habe Koszics dagegen darauf beharrt, nur einen geringen Teil des Lösegelds bekommen zu haben. „Wir reden dann immerhin noch über zwei bis vier Millionen D-Mark“, sagte Meinke. Der Kommissar hält es für möglich, dass 1996 noch Geld vergraben wurde und dass Koszics auf zwei Reisen nach Marseille Anfang 2014 nach Geldverstecken suchte. „Ein echter Unterwelt-Krimi“ - so präsentierte der Moderator der Sendung, Rudi Cerne, den Fall.

Die Chronologie des Reemtsma-Falls

Juni 1995

Thomas Drach und sein Komplize Wolfgang Koszics beginnen, Jan Philipp Reemtsma zu observieren. Koszics mietet in Garlstedt bei Bremen ein Haus, das später als Geiselversteck dient.

25. März 1996

Reemtsma wird von seinem Grundstück in Hamburg-Blankenese entführt. Die Kidnapper hinterlassen eine Lösegeldforderung über 20 Millionen Mark.

27. März 1996

Die Erpresser melden sich mit einem Brief, dem ein Foto Reemtsmas beiliegt. Nachdem die ersten Lösegeldübergaben scheitern, erhöhen die Entführer ihre Forderung auf 30 Millionen in Mark und Schweizer Franken.

24. April 1996

In Krefeld gelingt der dritte Versuch zur Geldübergabe. Die Entführer entkommen mit den Millionen.

26. April 1996

Reemtsma wird nach 33 Tagen Geiselhaft bei Hamburg freigelassen.

24. Mai 1996

In einem Haus in der Nähe von Bremen wird das Kellerverlies entdeckt, in dem Reemtsma festgehalten wurde. Als Tatverdächtige werden Peter Richter aus Leverkusen, Wolfgang Koszics aus Krefeld und Thomas Drach aus Köln gesucht.

26. Mai 1996

Koszics wird in Südspanien verhaftet.

29. Mai 1996

Richter wird in Malaga festgenommen.

14. Februar 1997

Koszics und Richter werden in Hamburg zu zehneinhalb beziehungsweise fünf Jahren Haft verurteilt.

28. März 1998

Drach wird in einem Hotel in Buenos Aires festgenommen. Ihm wird Passfälschung vorgeworfen.

12. Juni 1998

Ein Gericht in Buenos Aires ordnet an, dass sich Drach in Argentinien wegen Urkundenfälschung verantworten muss.

16. März 1999

Der letzte noch flüchtige mutmaßliche Täter, Piotr Laskowski, stellt sich der Polizei. Er wird am 2. September zu sechs Jahren Haft verurteilt.

24. September 1999

Richter wird auf Bewährung entlassen.

19. Juli 2000

Argentiniens Staatspräsident Fernando de la Rua stimmt der Auslieferung Drachs zu.

29. Juli 2000

Drach trifft in Hamburg ein und wird kurz darauf in die Hamburger Untersuchungshaftanstalt am Holstenglacis überstellt.

30. August 2000:

Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage vor der Großen Strafkammer des Hamburger Landgerichts. Die Anklage gegen Drach lautet etwa auf erpresserischen Menschenraub. Die mögliche Höchststrafe dafür beträgt 15 Jahre Haft.

13. Dezember 2000

Vor dem Hamburger Landgericht beginnt der Prozess gegen Drach als mutmaßlichen Kopf der Entführerbande. Drach gesteht seine Beteiligung an Reemtsmas Verschleppung.

8. März 2001

Nach 14 Hauptverhandlungstagen wird Drach zu 14 Jahren und 6 Monaten Haft verurteilt. Fast das gesamte Lösegeld bleibt bis heute verschwunden.

Dezember 2002

Der mit internationalem Haftbefehl gesuchte Lutz Drach, Bruder von Thomas Drach, wird von spanischen Sicherheitskräften in Madrid zu verhaftet. Er soll seinem Bruder beim Verstecken der Beute und der Geldwäsche behilflich gewesen sein.

15. September 2003

Lutz Drach wird nach Deutschland ausgeliefert und kommt in Aachen in Untersuchungshaft.

14. April 2004

Thomas Drach wird wegen Widerstands gegen einen Vollstreckungsbeamten zu einer zusätzlichen Freiheitsstrafe von drei Monaten verurteilt, womit sich seine Haftstrafe verlängert.

28. Oktober 2004

Lutz Drach wird vor dem Landgericht Aachen wegen Geldwäsche zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt.

23. Februar 2006

Thomas Drach muss sich wegen Widerstands gegen Justizbeamte und versuchter Nötigung erneut vor dem Hamburger Landgericht verantworten und wird noch am selben Tag zu einer zusätzlichen Haftstrafe von drei Monaten und zwei Wochen verurteilt.

25. April 2006

Lutz Drach wird im neu aufgerollten Geldwäsche-Prozess vor dem Aachener Landgericht zu einer höheren Freiheitsstrafe von nun sechseinhalb Jahren verurteilt.

Mai 2009

Lutz Drach wird aus dem Gefängnis entlassen.

13. Oktober 2011

Thomas Drach muss sich wegen versuchter Anstiftung zur räuberischen Erpressung erneut vor dem Hamburger Landgericht verantworten.

6. Februar 2014

Wolfgang Koszics soll nach Sagres in Südportugal gereist sein. Nach portugiesischen Medienberichten landete er in Faro und fuhr mit einem Mietwagen die 115 Kilometer nach Sagres.

10. Februar 2014

Die Leiche von Wolfgang Koszics wird im Meer vor der portugiesischen Algarve entdeckt. Portugiesische Behörden gehen von Selbstmord aus.

Mai 2014

Das Landeskriminalamt Hamburg erfährt über die deutsche Botschaft, dass es sich bei dem Toten um den Reemtsma-Kidnapper handelt. Die Behörde ist zuständig, da Koszics zuletzt in Hamburg-Steilshoop gemeldet war.

Juni 2014

Die Staatsanwaltschaft rollt den Fall neu auf. Sie zweifelt an der Selbstmord-Theorie. Ermittlungen zufolge soll Kosics in seiner Haftzeit Morddrohungen erhalten haben.

 
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