Hamburg-Towers-Manager im Interview : Marvin Willoughby über das soziale Basketball-Projekt, Wilhelmsburg und das Ziel erste Liga

„Der Stadtteil hat seine eigene Geschichte“, sagt Marvin Willoughby über Wilhelmsburg.
„Der Stadtteil hat seine eigene Geschichte“, sagt Marvin Willoughby über Wilhelmsburg.

shz.de sprach mit dem Towers-Geschäftsführer Marvin Willoughby über die weiteren Ambitionen und die beispielhafte soziale Mission der Towers.

shz.de von
19. August 2017, 10:00 Uhr

Hamburg | Die Hamburg Towers, ambitionierter Basketball-Zweitligist aus Wilhelmsburg, sind seit Sommer 2014 nicht nur sportlich ein Prestigeprojekt im Hamburger Süden. Heimstätte des ProA-Teams ist die alte Blumenhalle der Internationalen Gartenschau, die eigens umgebaut wurde und bei Heimspielen mit 3500 Zuschauern rappelvoll ist. shz.de sprach mit Towers-Geschäftsführer Marvin Willoughby über die weiteren Ambitionen und die beispielhafte soziale Mission der Towers.

Herr Willoughby, Sie haben jetzt drei Spielzeiten in der zweiten Liga hinter sich. Wie zufrieden sind Sie mit der Entwicklung?
Marvin Willoughby: Sehr zufrieden. Wir haben einen riesigen Berg Arbeit abgetragen. Am Anfang war hier ganz schön viel Chaos. Im Organisatorischen haben wir uns von Jahr zu Jahr weiterentwickelt. Am Anfang war man mit Dingen wie Trainingszeiten beschäftigt, im zweiten Jahr ging es schon mehr ums Marketing. In der letzten Saison haben wir die Halle dann schon fast immer voll gehabt. Wir haben im Schnitt 3000 Zuschauer, das ist schon Bundesliganiveau. Auch im Bereich Social Media haben wir einen riesigen Sprung nach vorne gemacht. Die Hamburg Towers sind angekommen in Hamburg und fast jedermann ein Begriff. Wir wollen den Etat für die kommende Saison steigern, um in der kommenden Saison oben angreifen zu können.

Gibt es so etwas wie eine besondere DNA der Hamburg Towers?
Ich glaube schon, dass wir eine gewisse Philosophie hier haben. Wir kommen ja aus der Jugend- und Sozialarbeit. Die Spieler sollen hier auch ausgebildet werden, wir wollen nicht mit zehn Import-Spielern antreten, sondern den Spielern die Möglichkeit geben, den Profisport hier zu entwickeln. Unser Ziel ist ganz klar die erste Liga. Wir sind ehrgeizig, es ist aber kein Wunschkonzert. Es ist eine Sache, bei der man viel investieren muss, Ressourcen und Möglichkeiten braucht. Wir kommen dem nun schrittweise näher. Es geht ums Sportliche, aber auch um die Organisation und Infrastruktur. Alles drumherum muss erstligareif sein, die Bundesliga schreibt da viel vor: Büro, Trainerwesen, das kostet alles Geld. Deshalb müssen wir auf der Vermarktungsebene weiter investieren, auch damit wir dann, wenn wir in der ersten Liga sind, alles in die Mannschaft stecken können.

Marvin Willoughby ist...

sportlicher Leiter und Geschäftsführer der Hamburg Towers.

Der 39-jährige Hamburger war selbst Profi und...

absolvierte während seiner Karriere 35 A-Länderspiele.

Der Wilhelmsburger Jung...

ist Sohn einer deutschen Mutter und eines nigerianischen Vaters.

Marvin Willoughby gehörte 2006...

zu den Gründern des Vereins „Sport ohne Grenzen“, der Sportsozialarbeit in Schulen und Basketball-Camps anbietet, vor allem auch um soziale Fähigkeiten zu stärken.

 

Welche Rolle spielt dabei die Halle im Inselpark?
Dass wir eine eigene Halle brauchen, war vor zehn Jahren die Grundidee. Wir wollen unabhängig sein. Wir betreiben die Halle ja auch selber, was ein riesiger Zugewinn ist, wir vermieten sie auch weiter. Es ist ein dennoch ein riesiger finanzieller Kraftakt mit der Halle, klappt aber gut. Wir können die Sozialarbeit hier kostenlos machen, es gibt auch Sport für Rollstuhlfahrer. Es gibt hier nichts, was wir nicht hätten: Wir haben eine enge Anbindung mit der Bahn zum Hauptbahnhof, sind da dichter dran als Eimsbüttel. Auch durch die Autobahn ist alles gut zu erreichen.

Welche Bedeutung haben die Towers für Wilhelmsburg als strukturschwache Region?
Der Stadtteil hat seine eigene Geschichte. Vielen Menschen ging es hier nicht so gut wie anderswo. Wir wollten die Wahrnehmung des Stadtteils verändern. Wir haben gesagt, wenn wir irgendwann in der Bundesliga spielen, wertet das auch den ganz normalen Wilhelmsburger auf. Wir wollen den Menschen in der Region hier etwas geben, auf das sie stolz sind. Das ist viel mit Sozialarbeit verbunden, wir sind viel vor Ort, auch an Schulen.

Wie bewerten Sie denn die Entwicklung im Stadtteil in den vergangenen Jahren?
Durch den Inselpark hat es einen Schub gegeben. In Wilhelmsburg passiert gerade viel, neue Restaurants und so, das hat aber nichts mit uns zu tun, das ist normale Stadtentwicklung.

 

Zu Beginn war es ein soziales Projekt. Können Sie diese erläutern?
Wir haben vor zehn Jahren mit den Basketball-Camp als soziales Projekt angefangen. Wir haben den Sport in allen sozialen Brennpunkten der Stadt angeboten, Osdorfer Born, Mümmelmannsberg. Das Projekt heißt ja „Sport ohne Grenzen“, das wir 2006 gegründet haben. Das erste Basketball-Camp war in Wedel. Wir haben über Gewalt, Ausgrenzung, Menschen mit Behinderung geredet. Mittlerweile geht es schon konkreter um Sport, welche Rechte und Pflichten man im Team hat, um das Miteinander. Es gibt zwei Stränge, das Soziale und den Leistungssport. Wir wollten auch Talente fördern, deshalb haben wir die Piraten gegründet, die in der Jugend-Basketball-Bundesliga (JBBL) U16 spielen, später kam dann die U19, ebenfalls Bundesligist ihrer Klasse und dann die Towers. Es geht uns um Arbeit, verbunden mit dem Leistungsaspekt. Wir sind nicht studierte Sozialpädagogen, wir sind Sportler, die versuchen für jeden Angebote zu schaffen, auch für Nationalspieler, die aus der Region kommen und einfach ein wenig individuell trainieren wollen.

Wie sichtet Ihr die Spieler für die Towers? Ihr habt ja bereits fertige Profis im Kader, sowohl als auch Leute, die aus dem Top Nachwuchsbereich kommen.
Bei den Profis haben wir das Profil, dass wir am liebsten Deutsche nehmen, wenn es geht Hamburger. Aber natürlich holen wir auch US-Amerikaner. Wir wollen Spieler nicht für ein Jahr durchschleusen, sondern sie entwickeln. Die Jüngeren kommen aus unserem eigenen Nachwuchsbereich, die sind schon mit 13, 14 Jahren bei uns. Bei der U  19 kommen die Talente aus ganz Deutschland. Wir legen ganz klar den Fokus auf Charakter vor Talent. Wir wissen, dass wir nicht am meisten zahlen können, wollen Leute mit der richtigen Einstellung.

Wie läuft das Sponsoring?
Es geht immer weiter voran, vor allem in der Breite, auch Vattenfall ist ja dabei. Wir haben nicht den einen Hauptsponsor. Wir würden uns nicht jedem anbieten, warten noch, bis es passt. Wir wollen langfristig mit Jemandem zusammenarbeiten, auch für die Bundesliga. Die Sponsoren sind da ja auch ein wenig zurückhaltend geworden, gerade weil es mit der Olympia-Bewerbung nicht geklappt hat und Profi-Eishockey und -Handball gescheitert sind.

Greifen die beiden Fußball-Profivereine HSV und St. Pauli nicht auch alle Sponsoren ab?
Das ist schon so. Mit dem Geld, das sie da für Logen ausgeben, könnten die Sponsoren andere Sportarten in die erste Liga schießen. Da müssen wir einfach Geduld haben. Wir haben vor drei Jahre eine Idee gehabt, ich bin zuversichtlich, dass wir da zeitnah auch zwei, drei Top-Sponsoren bekommen. Für die Bundesliga bräuchte man einen Etat von mindestens 3,5 Millionen Euro.

Könnten sie sich mit der Idee anfreunden, dann auch in die große Barclaycard-Arena in die Stadt zu ziehen?
Nein, wir bleiben hier. Natürlich, würden wir darüber nachdenken, wenn hier 3500 Zuschauer vor der Halle stehen würden und nicht reinkommen. Wir werden den Aufstieg aber hier in der Halle feiern wollen. Wir brauchen unseren sechsten Mann, das ginge in einer großen Halle verloren.

Marvin Willoughby... persönlich
Wilhelmsburg ist cool, weil... die Hamburg Towers hier wohnen.

Sport ist wichtig für die Sozialisation junger Leute, weil... zum Leben gewinnen und verlieren gehört und Sport das spielerisch vermittelt.

Sport verhindert Rassismus, weil... alle gleich sind, ob grün oder blau. Ein schlechter Pass ist ein schlechter Pass.

Offene Grenzen, Internationalität ist wichtig, weil... es wäre ein Verlust, wenn nicht alle teilhaben könnten.

Basketball hat einen höheren Stellenwert gegenüber Fußball verdient, weil... wir cooler sind als Fußball.

Visionen sind wichtig, weil... realistische Ziele sind wichtig, weil man sie erreichen kann und es selbstbewusster macht. 

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