Wohnanlagen an Aussenalster : Luxus im Hamburger Nazi-Bau

So soll die ehemalige Standortkommandantur nach Fertigstellung vom Investor „Frankonia“ an der Außenalster aussehen.
So soll die ehemalige Standortkommandantur nach Fertigstellung vom Investor „Frankonia“ an der Außenalster aussehen.

Ärger um die ehemalige Standortkommandantur an den Sophienterrassen in Hamburg: Wo früher die Nazis Angriffe organisierten, soll eine der teuersten Wohnanlagen Deutschlands entstehen. Karl Lagerfeld ist für die Gestaltung einer Lounge verantwortlich. Kritik kommt von den Grünen.

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28. November 2013, 00:34 Uhr

Hamburg | Die Sophienstraße an der Außenalster hat eine bewegte Vergangenheit. Vor rund 70 Jahren wurden von dort jüdische Familien vertrieben, ihre Häuser enteignet, um hier eine Standortkommandantur zu bauen. Die Nazis organisierten von hier aus Angriffe auf Dänemark. Heute erinnert kaum noch etwas an die Geschichte des gewaltigen, grauen Betonklotzes. Die „Frankonia“ hat das rund 50.000 Quadratmeter große Gelände rund um den Bau erworben. Bis Mitte 2015 soll dort eine der teuersten Wohnanlagen Deutschlands entstehen, geplant vom Kölner Architektenbüro KSG. Außer der Fassade ist von der Vergangenheit wenig übrig geblieben. So wird der alte Nazi-Festsaal die Club-Lounge beherbergen – gestaltet von Karl Lagerfeld.

Viel hat sich also getan, in den letzten Jahren an den Sophienterrassen in Harvestehude. Zu viel – sagt die Bürgerschaftsfraktion der Grünen. Ende Oktober hatte sie eine kleine Anfrage im Senat gestellt. Denn „der Umgang der Stadt mit dem NS-Baudenkmal ist geschichtsvergessen und damit indiskutabel“, sagt Christa Goetsch, kulturpolitische Sprecherin der Fraktion. „Geld bekommt hier anscheinend bedingungslose Vorfahrt vor Geschichte. Es ist fraglich, ob nach dem Totalumbau überhaupt noch zu erkennen ist, dass hier die Wehrmacht einst ihre Standortkommandantur hatte.“

Der Auslöser für den Streit: Ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung. Von bewusst in kaufgenommenen Drohungen und Konfrontation ist im Artikel die Rede. „Davon ist mir nichts bekannt“, sagt Enno Isermann, Sprecher der Hamburger Kulturbehörde. Es sei sich von Seiten des Investors „Frankonia“ an alle Abmachungen gehalten worden. Isermann bezeichnet das Bauvorhaben an den Sophienterrassen aber auch als ein gutes Beispiel dafür, wie schwierig es sei, ein Gebäude mit einer solchen Geschichte im Sinne aller zu gestalten. 2006 wurde das Projekt in einem Architektenwettbewerb ausgelobt. „Wir haben damals in der Opposition dem Projekt nicht ausreichend Beachtung geschenkt“, räumt Christa Goetsch ein. Es scheine, als habe man das Gebäude nach dem Abzug der Bundeswehr 2005 schnell verkaufen wollen. „Denkmalschutzmäßig ist da gar nichts gelaufen.“

Dem widerspricht der Investor. „Die Geschichte des Sophienpalais war und ist ein wichtiges Thema für die ,Frankonia‘“, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme der Gesellschaft. Im Rahmen des Wettbewerbs 2006 habe man immer wieder auf die historische Bedeutung und die Würdigung des Denkmalgedankens hingewiesen. „Die Entscheidung des Preisgerichtes war einstimmig. Der Siegerentwurf wurde vom Denkmalschutz ausdrücklich als verträglichster Vorschlag gewürdigt.“

Doch Baumaßnahmen richten sich auch immer nach der vorhandenen Bausubstanz und die sei es gewesen, die die Planungen maßgeblich beeinflusst habe. „Sonst wäre die Planung sicherlich anders ausgefallen“, sagt Isermann. So waren die Decken in einem so schlechten Zustand, dass sie nicht mehr erhalten werden konnten. „Uns blutet natürlich das Denkmalschutz-Herz, dass wir nicht alles retten konnten.“

Christa Goetsch geht es heute darum, dass die Geschichte des Gebäudes nicht in Vergessenheit gerät. Möglichkeiten gäbe es da viele. Doch eine einfache Bronzeplakette reiche nicht aus. Die Idee einen Ausstellungsraum für den Ort und die Geschichte zu installieren wurde nicht aufgegriffen.

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