Konzert in der Barclaycard Arena : Lady Gaga in Hamburg: Extravaganz, Glitzer und ein intimer Moment

Lady Gaga tritt in der Halbzeitpause beim Super Bowl auf. In der Barclaycard Arena wollte die Popdiva nicht fotografiert werden. /Archiv

Lady Gaga tritt in der Halbzeitpause beim Super Bowl auf. In der Barclaycard Arena wollte die Popdiva nicht fotografiert werden. /Archiv

Sie ist exhibitionistisch, extravagant, schrill. Lady Gaga hat am Mittwochabend in Hamburg ihren Deutschland-Tourauftakt gegeben. Eine Konzertkritik.

shz.de von
25. Januar 2018, 13:36 Uhr

Hamburg | Die Handys sind gezückt, bleiben gezückt. Dann steht sie da. Fast unspektakulär auf einem Bühnenpodest und singt: Pop- und Weltstar Lady Gaga. Im Hintergrund blenden die Lichter der LED-Wand als Amerika-Flagge. 10.500 Menschen sind in Ekstase. Darauf haben sie lange gewartet. Genauer gesagt: eineinhalb Stunden oder anders gesagt: vier Monate. Denn den angesetzten Termin in der Barclaycard Arena im vergangenen Herbst musste Lady Gaga krankheitsbedingt verschieben. Nun wird nachgeholt. Und zwar gewaltig.

Die Bühne kann was, kann alles - blenden, sich bewegen, nach oben und nach unten, die Podeste: mal horizontal in den Lüften, mal zur rechten oder zur linken Seite geneigt. Es wird geglitzert und geprotzt. Nach den Auftaktsongs „Diamond Heart“ und „A-Yo" hat sich die gesamte Band um die Popdiva versammelt, oben auf dem Podest, während am Boden drei Tänzerinnen unterstützten. Über dem Innenraum schweben drei Zeppeline wie Raumschiffe, immer wieder schießen Scheinwerfer aus deren Mitte, bilden Formationen. Auch sie können alles. Der Boden wird zum Steg, senkt sich herab und eröffnet Lady Gaga so einen Catwalk zu ihrer zweiten Bühne… zur dritten… und zur vierten. Verfolgt wird sie in den Lüften von ihren Tänzern - und am Boden von ihren Fans, die alle um den besten Platz gieren. Nicht nur die Bühne, sie ist einmalig, sowieso, diese Show hat es in sich. Es brennt, immer und immer wieder schießen Feuerfontänen aus dem Boden empor.

Lady Gaga kann was, kann alles - tanzen und singen, auf Gitarre oder Klavier spielen, ausdauernd und energisch. „Willkommen! Bienvenue! Welcome! Fremder, étranger, stranger“ ruft sie daher. Und: „Wir lieben jeden von Euch.“ Es wirkt oberflächlich und platt. Es klingt halt gut. Lady Gaga ist die Extravaganz in Person, verrückt, provokativ und vorlaut. Sie zerrt an ihrem Musiker, formt ihr Stirnband zu einer Augenmaske. Sie weiß, was sie will. „Aufstehen“, brüllt der Drill-Instructor in ihr die Fans an. Die lassen es brav über sich ergehen. Sie wissen: Dafür kriegen sie eine Show, wie sie nur Weltstars können. Sie ist ein Weltstar.

Mit der Veröffentlichung ihres Debütalbums „The Fame“ im Jahr 2008 wurde Stefani Joanne Angelina Germanotta zu Lady Gaga und damit schlagartig zum Megastar: Ihr erster Longplayer verkaufte sich weltweit über 15 Millionen Mal. Seither hat sie etliche Preise abgeräumt, so sechs Grammy-Awards (bei 13 Nominierungen) und 13 MTV Video Music Awards (bei 26 Nominierungen), parallel dazu hat sie rund 150 Millionen Tonträger verkauft.

Am Mittwochabend singt alle ihre großen Songs: „Poker Face“, „Alejandro", „Paparazzi“, „Million Reasons“. Unterbrochen werden die insgesamt sieben Akte von Videoeinblendungen und Erzählungen der Sängerin. Das Wort mit den vier Buchstaben, das mit F anfängt und mit uck aufhört, sagt sie so oft, wie sie  Bühne oder Outfits wechselt. Zu „Alejandro“ räkelt sie sich lasziv im Nylon-Catsuit, „Just dance“ gibt es im knappen Silber-Glitzer-Brilli-Jeans-Fummel, „Born This Way“ im langen weißen Tüll-Tütü und „Bloody Mary“ im züchtigen, aber extravaganten roten Daunen-Leder-Jacken-Schlauch-Irgendwas. Eigentlich immer reißt sie sich dann auch noch irgendwann das Kostüm vom Körper, so dass sie am Ende immer nur einen Hauch von Nichts trägt. Dazu die wallende Mähne und ein einstudierter Blick. Sie ist verrückt, anders, ordinär, originell. Weil sie Gitarre spielen will, und dabei singt, muss eben ein Tänzer das Glitzermikro der Popdiva vor ihrem Gesicht drapieren, so lange sie es nicht halten kann. Wie auch sonst. Dass sie dadurch arrogant herüber kommt, stört sie nicht. Nach jedem Lied friert sie ein, lacht nicht, steht nur da und wartet ihren Applaus ab, mal mit theatralischer Geste, mal lasziv. Sie darf das.

Und dann ist da dieser Moment, der alles anders macht, der sie in ein anderes Licht rückt. Hinter all der Schminke und Fassade taucht auf einmal eine verletzliche Frau auf, die vor Zehntausend Fans steht und ihnen offenbart, dass sie sich anders fühlt, anders als die anderen und das schon immer. „The Edge Of Glory“ widmet sie „allen Freunden derer, die sich anders fühlen“. Das Phänomen Lady Gaga wird menschlich. Ganz alleine am Klavier. Ein bewegender Moment der Ehrlichkeit.

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