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80-Jähriger übergibt Familienerinnerungen : KZ-Gedenkstätte Neuengamme: Ein Koffer deutsche Geschichte

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Seine jüdische Mutter wird 1942 von den Nazis ermordet. 2015 übergibt ihr Sohn Michael Rosenberg ihre Erinnerungen.

Hamburg | Michael Rosenberg war erst sieben, als er an einem kalten Novembermorgen im Jahr 1941 auf der Moorweide in Hamburg stand. Er sieht eine „dumpfe Masse“ von Menschen, neben sich haben sie ihre Koffer abgestellt. Es sind Juden, die die Nationalsozialisten in den Osten deportieren wollen. Unter ihnen sind Michaels Mutter und sein Stiefvater, er kann sie aber nicht finden. Der Junge wird sie nie wiedersehen. Am Mittwoch übergab der mittlerweile 80-jährige der KZ-Gedenkstätte Neuengamme einen Koffer voller deutscher Geschichte.

Michael Rosenberg, Sohn einer ermordeten Hamburger Jüdin, übergab am Mittwoch der KZ-Gedenkstätte Neuengamme Briefe und Erinnerungsstücke seiner Familie. Seine Mutter wurde 1941 aus Hamburg deportiert und 1942 in Minsk ermordet. Er überlebte den Krieg getarnt als „arisches“ Kind in der Kinderlandverschickung. In dem Koffer sind Briefe seiner Mutter, seiner Großmutter väterlicherseits, seines Vaters und Familienfotos.

Zwischen 1940 und 1945 wurden sechseinhalbtausend Juden aus Hamburg mit Zügen vom Hannoverschen Bahnhof aus deportiert. Rund 2000 kamen in das Vernichtungslager nach Minsk. Von Vernichtung war allerdings keine Rede, als Irmgard Rosenberg und ihr zweiter Mann 1941 die Aufforderung erhielten, sich auf die Verbringung nach Russland vorzubereiten.

Kurz vor der Deportation bittet Michael Rosenbergs Mutter ihre frühere Schwiegermutter Martha, von Frankfurt nach Hamburg umzuziehen, und sich um Michael zu kümmern. Der wohnt damals bei seinem leiblichen Vater Theodor in der Rappstraße 13 im Hamburger Grindelviertel.

„Oma Martha kam am Tag der Deportation in Hamburg an“, erzählte Rosenberg am Mittwoch in der Gedenkstätte. Das hatte Irmgard Rosenberg frühzeitig in die Wege geleitet. Zugleich hat Irmgard Rosenberg in Michaels Schule eine Verbündete gefunden, die Klassenlehrerin. „Die Frau hat dann die Listen für die Kinderlandverschickung manipuliert“, sagte Rosenberg.

Als vermeintlich „arisches Kind“ kam der kleine Michael in der Ostprignitz an. „Alle Kinder wurden ihren Gasteltern zugeteilt, am Ende stand ich alleine auf dem Marktplatz, und die Erwachsenen waren ratlos.“ Schließlich kam der Junge zu Anna Pfennig, die sich dann in den nächsten zwei Jahren um ihn kümmerte.

Er erinnere sich noch genau, wie sich die Familie über das gescheiterte Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 unterhielt. „Ich saß unterm Tisch, am Tisch saß auch die Äbtissin des nahen Klosters Heiligengrabe.“ Sie war eine Schwester des zum Verschwörerkreis gehörenden und kurz darauf hingerichteten Generals Erwin von Witzleben.

Michael Rosenberg, Sohn einer ermordeten Hamburger Jüdin, übergab der KZ-Gedenkstätte Neuengamme einen Koffer voller Erinnerungen.
Michael Rosenberg, Sohn einer ermordeten Hamburger Jüdin, übergab der KZ-Gedenkstätte Neuengamme einen Koffer voller Erinnerungen. Foto: dpa
 

Michaels Großmutter Martha wanderte mit 83 Jahren nach Südafrika aus. Der Koffer lag da noch auf dem Dachboden der Rappstraße 13. „Erst in den 1970er Jahren habe ich den Koffer dann wiedergefunden und bei mir zuhause in den Keller gebracht.“

20 Jahre später, 1993, habe er als Rentner die Ruhe gefunden, den geheimnisvollen Koffer zu öffnen. „Danach war ich wochenlang im Keller“, sagte Rosenberg. „Bis dahin habe ich immer einen großen Bogen um Gedenkstätten über diese Zeit gemacht.“ Durch Zufall habe er seinen Freund Peter Petersen mal begleitet, als dieser für ein Zeitzeugengespräch mit Schülern in Hamburg-Bergedorf war. Dort kam auch das Schicksal der Bewohner des Hauses in der Rappstraße vor.

„Eine Schülerin fragte, was eigentlich aus dem kleinen Michael geworden sei. ,Der sitzt da, fragen sie ihn einfach'“, sagte Petersen. Seitdem habe er gelernt, über seine Geschichte zu sprechen, es sei wie eine Befreiung gewesen. Aber wenn es um seine Mutter geht, muss Michael Rosenberg immer noch mit den Tränen kämpfen.

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erstellt am 07.Okt.2015 | 17:30 Uhr

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