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Flüchtlingskrise in Hamburg : Kulturzsene in Hamburg: Theater bieten Asylsuchenden eine Bühne

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Im Flüchtlingsdrama setzen Hamburger Bühnenkünstler auf Dialog. Staatliche und private Bühnen realisieren entsprechende Stücke und Projekte - und leisten oft auch ganz praktisch Hilfe. Ein Streifzug.

shz.de von
erstellt am 02.Nov.2015 | 11:30 Uhr

Hamburg | Der Strom der Asylsuchenden reißt auch in Hamburg nicht ab - auf bis zu 40.000 Neuankömmlinge bereiten Verwaltung und Bürger sich vor. Wie reagiert die Kulturszene auf diese dramatische Situation? Ein Streifzug durch die Theater, die sich oft längst als politische Einrichtungen begreifen.

„Unsere Aufgabe sehe ich vor allem darin, mit Flüchtlingen in echten Dialog als Menschen zu treten“, sagt Amelie Deuflhard, Chefin des internationalen Kunstzentrums Kampnagel. Weniger gehe es darum, sie bei Projekten auf die Bühne zu stellen. Dabei sei es das Potential von Kulturinstitutionen, „Modelle für einen solchen Dialog zu entwickeln, die zu gesellschaftlichen Modellen werden sollten.“

So baut Kampnagel seinen seit knapp einem Jahr bestehenden, nicht unumstrittenen Aktionsraum „Eco Favela“ für Lampedusa-Flüchtlinge aus zu einer Begegnungsstätte für alte und neue Migranten. Freikarten für Vorstellungen sollen ihnen darüber hinaus Teilhabe an Kultur ermöglichen. Zugleich plant man mit einigen aber auch Bühnenprojekte zum Thema „Flucht“ für das „Krass-Festival“ im Februar 2016.

Kampnagel, GmbH in Trägerschaft der Kulturbehörde, leistet als alternativ-gesellschaftskritische Plattform hier einen Einsatz ganz in Einklang mit seinem ureigenen Selbstverständnis.

Konkretes Handeln steht aber auch für die anderen staatlichen und privaten, großen und kleinen Spielstätten auf dem Plan - und erstreckt sich auf künstlerische wie auf soziale Aktivitäten, deren Grenzen verwischen. Wohlwollend begleitet von der Kulturbehörde der Hansestadt - nicht jedoch mit Extra-Subventionen. „Ich begrüße es ausdrücklich, dass an dieser Stelle die integrativen Möglichkeiten der Kultur genutzt und so sinnvoll weiterentwickelt werden“, sagt Senatorin Barbara Kisseler (parteilos). Dabei fördert sie das bis 8. November laufende alljährliche Festival „eigenarten“ von Künstlern mit Migrationhintergrund: Dort spielen diesmal „Geflüchtete, Heimat, Identität“ eine große Rolle.

Den Kampnagel-Mix aus künstlerischer und praktischer Reaktion leisten auch die beiden Staats-Sprechbühnen. Am Thalia Theater änderte Intendant Joachim Lux eigens seinen Spielplan: Luk Perceval inszeniert nun John Steinbecks Roman „Früchte des Zorns“, in dem es um Armutsmigration innerhalb der USA geht (Premiere: 23. Januar).

Das Projekt „Ankommen“ mit unbegleiteten jungen Flüchtlingen hat kürzlich im Studio an der Gaußstraße Premiere gefeiert. Und wieder auf dem Programm steht die Jelinek-Inszenierung mit Lampedusa-Flüchtlingen „Die Schutzbefohlenen“ von 2014. Außerdem sammelt das Haus Spenden und eröffnet am 11. November an der Gaußstraße das Sprachcafé „Embassy of Hope - Café International“.

Lux' Kollegin Karin Beier vom Schauspielhaus bietet unter den acht Premieren der Saison 2015/16 im Großen Haus gleich vier rund um das brisante Thema: Herta Müllers „Reisende auf einem Bein“ (18.9.), „Schiff der Träume“ nach Fellini (5.12.) „Geächtet“ von Ayad Akhtar (16.1.16) und Houellebecqs „Unterwerfung“ (6. 2.16). Gleichwohl gibt die Intendantin Unsicherheiten zu: „Das Flüchtlingsthema ist medial und gesellschaftlich so präsent, dass es für mich als Regisseurin deutlich schwieriger geworden ist, eine angemessene Erzählweise zu entwickeln,“ sagt Beier.

Viele ihrer Mitarbeiter leisten derweil praktische Hilfe: Im Malersaal beherbergen sie Asylsuchende auf Durchreise, die gleich gegenüber, am Hauptbahnhof, anlanden. Wollen diese Menschen auf dem Vorplatz mit ihren Smartphones das Internet nutzen, ist das möglich dank einer Geste des ebenfalls am Bahnhof angesiedelten Ohnsorg-Theaters. Intendant Christian Seeler ließ in seinen Büros eine entsprechende WLAN-Strecke einrichten - nur ein Beispiel für den vielfältigen Einsatz der zahlreichen privaten Bühnen in der Stadt.

Axel Schneider, Chef des Altonaer Theaters, lud zu einer Vorstellung seines Musicals „Oliver Twist“ - und 300 Interessierte kamen. Das Theater Kontraste feiert Erfolge mit Philipp Löhles schwarzer Flüchtlingskomödie „Wir sind keine Barbaren“. Nicht zuletzt gibt es etliche Angebote für die Jüngsten, etwa die Aktion „Für Kinder in Hamburger Flüchtlingsunterkünften“. Mitglieder des Puppentheaters basteln dort mit ihnen Handpuppen - nach ihren eigenen Ideen.

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